100’000 Plakate hoffen auf ein neues Zuhause auf dem Dreispitz

Die Plakatsammlung der Schule für Gestaltung Basel ist international be- und anerkannt. Leider hat sie in Basel keine Lobby – und wartet deshalb seit Jahren darauf, in geeignetere Räumlichkeiten umziehen zu können. Nun zeichnet sich eine Lösung ab: auf dem Dreispitz.

Die Plakatsammlung der Schule für Gestaltung Basel ist international be- und anerkannt. Leider hat sie in Basel keine Lobby – und wartet deshalb seit Jahren darauf, in geeignetere Räumlichkeiten umziehen zu können. Nun zeichnet sich eine Lösung ab: auf dem Dreispitz.

Mitten im Ausstellungsraum der Plakatsammlung der Schule für Gestaltung (SfG) stehen ein Sofa, ein Regal und zwei Tische. Daran wird gearbeitet; es ist das Büro der Kuratorin Alexandra Schüssler, das temporär hierher disloziert wurde. Täglich können Besucher hier in direkten Kontakt mit den Ausstellungsmachern treten und zusehen, wie eine Ausstellung entsteht. Schüsslers Idee dahinter: die Plakatsammlung sichtbar machen.

So entsteht eine Ausstellung: Alexandra Schüssler (im Hintergrund l.) legt ihre Arbeit offen.

Tatsächlich wissen viele Baslerinnen und Basler nicht, welcher Schatz sich in den Kellergeschossen der alten Gewerbeschule auf der Lyss befindet, versteckt hinter einem unscheinbaren Eingang an der Seite des mächtigen Gebäudes. Oder alternativ über eine Treppe erreichbar, die sich neben den Garderobenschränken im Erdgeschoss hinter einer verschlossenen Tür verbirgt. Dabei lagern hier über 100’000 Plakate – wertvolle Originaldrucke – sowie Druckvorlagen oder Schulbücher der ehemaligen Gewerbeschule in unzähligen Korpussen und Schränken.

Seit 120 Jahren wird gesammelt

Es ist eine Sammlung mit Tradition. Seit 1896 existiert sie, seit jener Zeit, als die grafischen Künste auf ihr Hoch zusteuerten. 1889 war es, als Lithografien in Paris zum ersten Mal in eine Ausstellung Eingang fanden, und bald darauf konnte man das Handwerk an der Allgemeinen Gewerbeschule in Basel erlernen. Es entwickelte sich über die Jahrzehnte hinweg eine reiche Tradition von Plakatkünstlern und Werbeagenturen, die durch diese Schule gingen und teilweise von Basel aus ganze Epochen prägten.

Als 1996 das Museum für Gestaltung aufgelöst wurde, verblieb die Plakatsammlung in der Obhut der Schule für Gestaltung – verschwand aber zusehends aus dem Bewusstsein der Stadt, ebenso wie auch die Grafiker und Designbüros der Hochblüte verschwanden und mit ihnen ihre Archive. Ein Teil davon vermachte ihren Nachlass der Plakatsammlung, und so ist dort ein umfassendes Archiv entstanden, das die regionale Geschichte dieser Handwerkskunst im Detail und an Originalen nachverfolgen lässt. Vor allem die Studierenden und Schüler der SfG und der Hochschule für Gestaltung und Kunst (HGK) wissen das zu schätzen, aber auch national und international erhält die Plakatsammlung Beachtung und wird rege von Schulklassen und Forschern besucht.

Konservator und Dozent Kurt Würmli beim Unterricht.

Seit 2010 werden die Bestände vom Konservator Kurt Würmli und der Kuratorin Alexandra Schüssler gepflegt und wissenschaftlich aufgearbeitet. Sie sollen neben ihrem konservatorischen und kuratorischen Auftrag die Sammlung öffnen, zugänglich machen und vermitteln. Die beiden teilen sich eine 100-Prozent-Stelle und eine Assistentin und bilden das Leitungsteam zusammen dem Leiter Dokumentation. Dieser ist seit drei Jahren hauptsächlich damit beschäftigt, die Sammlungsbestände zu digitalisieren und durch die Erstellung einer digitalen Datenbank der Öffentlichkeit schneller und einfacher zugänglich zu machen als über die alten Karteikärtchen. Bis 2017 soll diese Arbeit abgeschlossen sein.

Bobby Grünig, technischer Dienst und Ausstellungsbauer, gehört ausserdem zum konstanten Team, das mit sieben wechselnden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ergänzt wird. Bei ihnen handelt es sich um Zivildienstler und Menschen, die, vom RAV oder vom Amt für Arbeit und Wirtschaft vermittelt, hier temporär eine Anstellung finden. Man dürfe dies aber nicht als Sozialprojekt verstehen, sagt Würmli. «Wir haben schlicht ein sehr kleines Budget.»

Internationale Anerkennung

Inzwischen gehört die Plakatsammlung dem Catalogue collectif suisse d’affiches (CCSA) an, der von der Nationalbibliothek ins Leben gerufen wurde mit dem Auftrag, das grafische Erbe der Schweiz zu sammeln und zu bewahren. Und auf der Liste der Unesco, die das grafische Schaffen in den Katalog des immateriellen Weltkulturerbes aufgenommen hat, sind die Plakatsammlungen Zürich und Basel (SfG) als Hüter dieses Erbes namentlich aufgeführt.

Damit Plakate digitalisiert werden können, müssen sie zuerst eingescannt werden.

Was also national und international an Beachtung gewinnt, fristet in Basel noch ein Kellerdasein. Die Plakatsammlung hat keine Lobby. Das zeigt unter anderem die Tatsache, dass seit Jahren bekannt ist, dass sie früher oder später aus ihrem jetzigen Domizil ausziehen muss, man aber bis vor Kurzem nicht ernsthaft bemüht schien, einen Ausweichort zu finden. «Als ich 2010 angefangen habe, hiess es, 2014 müssten wir draussen sein, dann 2015, nun 2017», stellt Würmli fest. Immer wieder wurde das dräuende Problem hinausgeschoben. Keine befriedigende Situation für die Beteiligten.

Umzug im Jahr 2017 angepeilt

Doch jetzt kommt tatsächlich Bewegung in die Angelegenheit: Zusammen mit dem Erziehungsdepartement sucht man nun aktiv nach einem alternativen Standort, an den man nicht nur die Plakatsammlung, sondern auch die Bibliothek der SfG zügeln möchte, die ihre Bücher im Moment zwei Stockwerke über der Plakatsammlung verleiht. Ein Wunschstandort ist gefunden und wird jetzt genau evaluiert, als Umzugstermin angepeilt ist der Sommer 2017. Doch fix ist noch nix.

Der Umzug würde zum richtigen Zeitpunkt kommen. Denn so langsam, aber sicher scheint am alten Ort alles aus den Nähten zu platzen: In jeder Ecke, in jedem Gang der verwinkelten Räumlichkeiten ist ein Korpus oder Schrank platziert, freien Platz gibt es keinen mehr. 75’000 Plakate wurden inzwischen inventarisiert und auch digitalisiert, rund 40’000 warten noch darauf, ebenfalls fein säuberlich aufgestapelt.

Auf Alexandra Schüssler wirkten all diese Schränke manchmal fast unheimlich, sagt sie. Der Umstand, dass sie wohl nie alles gleichzeitig werde sichten können, was sich darin verbirgt, erfülle sie mit Ehrfurcht. Dennoch muss sie immer wieder Schublade für Schublade aufziehen, um aus ihnen das Material für eine neue Ausstellung zu schöpfen. Denn sie möchte möglichst viel davon der Öffentlichkeit näher bringen – das ist nicht nur ihr Auftrag, sondern ein echtes Anliegen. «Plakate sind ein wunderbares Mittel, um Zeitgeschichte deutlich zu machen», sagt sie. «Denn sie bilden ab, was die Gesellschaft zu jeder Zeit dachte und was sie ausmachte.»

Keine Angst, so sieht es in der Plakatsammlung nicht aus – nur in der aktuellen Ausstellung.

In der aktuellen Schau versucht sie das auf ungewöhnlichem Weg und bezieht die Besucher mit ein. Das Archiv, das stetiger Quell ihrer Ideen ist, hat sie dargestellt als einen Raum, in dem sich zerknülltes Papier bis unter die Decke stapelt. Man bekommt tatsächlich Angst, wenn man sich vorstellt, was passiert, falls man an einem Papierzipfel zieht. Gut möglich, dass dann das ganze Gebilde auf einen niederstürzt.

Jährlich 2000 bis 4000 Neuzugänge

In den echten Archiven der Sammlung hat natürlich alles seine Ordnung, dafür sorgt Kurt Würmli. Selbst die 2000 bis 4000 Plakate, die jährlich neu erworben werden oder als Schenkung ins Haus kommen und noch nicht erfasst wurden, liegen fein säuberlich auf einem Stapel. Das wird auch am neuen Ort so bleiben, dann aber unter besseren räumlichen und klimatischen Bedingungen. Ohne Entfeuchter, die manuell ein- oder ausgeschaltet werden müssen, wenn der Blick auf das Hygrometer in den alten Mauern Anlass zur Beunruhigung gibt.

Zwar sieht das Team einem Umzug auch etwas wehmütig entgegen. Man fühlt sich wohl hier am traditionsreichen Ort mitten in der Stadt, sagt Kurt Würmli. Zudem hat sich das Publikum an die Ausstellungen in diesem Haus gewöhnt. Und jeder Winkel des Gebäudes inklusive dem gemütlichen Innenhof besitzt seinen eigenen Charme. Jedoch: «Das Wichtigste ist, dass die Plakatsammlung nach Jahren einen fachgerechten und sachgerechten Ort bekommt», sagt Würmli.

Hier will ab 2019 die Universität rein – dazu muss die Plakatsammlung raus.

Der Umzug ist allerdings auch eine Folge der Gesamtplanung der Universität Basel. Bereits im Jahr 2003 hat der Basler Regierungsrat gutgeheissen, dass die alte Gewerbeschule «für die Zwecke der Universität herzurichten» sei. Diese will dort nun das Departement für Gesellschaftswissenschaften einziehen lassen. Ein konkreter Übergangszeitpunkt sei jedoch noch nicht festgelegt, sagt Kommunikationsleiter Matthias Geering.

Natürlich lässt sich unter solchen Voraussetzungen schlecht planen – abhalten lassen sich jedoch weder die Universität noch die Verantwortlichen bei der Plakatsammlung. Beim Departement für Gesellschaftswissenschaften geht man von einem Umzug in den Jahren 2019/20 aus, nach erfolgter Sanierung des Hauses. Und schon vor einiger Zeit hat eine Gruppe um Kurt Würmli mit der Hilfe von externen Experten ein Konzept für einen Umzug der Plakatsammlung erstellt. Denn Zügeln kostet nicht nur Geld, sondern auch Zeit und personelle Ressourcen. Rund 20 bis 24 Monate müsste man einplanen, kam dabei heraus, die Kosten bewegen sich im Millionenbereich. Diese Einschätzung scheint realistisch: Die Zürcher Plakatsammlung musste für zwei Jahre komplett dichtmachen, bevor sie im Toni-Areal an neuem Ort wieder eröffnen konnte.

Nimmt man jene Erfahrung als Massstab, so ist man bei einem erhofften Auszug im Sommer 2017 bereits knapp dran. Die Sache beginnt also zu eilen.

Wunschziel Dreispitz

Beim Erziehungsdepartement (ED) zuständig für den Umzug ist Ulrich Maier, Leiter des Bereichs Mittelschulen und Berufsbildung. Auch er sieht die Dringlichkeit des Anliegens und bestätigt, dass man aktuell dabei sei, zusammen mit den Architekten Liechti Graf Zumsteg, die unter anderem die Kantonsbibliothek Liestal umgebaut haben, einen neuen Standort zu evaluieren. Dieser würde nicht nur für die Plakatsammlung, sondern auch für die Bibliothek funktionieren. Es handelt sich dabei um das Transitlager auf dem Dreispitz, das gerade aufwendig umgebaut wird.

«Wir wären sehr glücklich, wenn das klappen würde», sagt Maier, und die Verantwortlichen bei der Plakatsammlung gehen mit ihm einig. Nicht nur, weil dann endlich ein Ende der leidigen Angelegenheit in Sicht wäre, die laut Schüssler doch «ein bisschen wie ein Damoklesschwert» immer über allem schwebt. Sondern auch, weil man den Standort Dreispitz als ideal erachtet.

Nicht nur ist hier die HGK angesiedelt, mit der man bereits jetzt einen engen Austausch pflegt, sondern auch diverse andere kulturelle Institutionen wie das Haus der elektronischen Künste (HeK) und hoffentlich bald das Kunsthaus Baselland. In diesem Kontext würde sich die Plakatsammlung gerne ansiedeln und könnte ihr Potenzial vielleicht besser entfalten als am jetzigen Standort. «Es wäre ein guter strategischer Entscheid», sagt Maier, «denn der Dreispitz ist ein Ort, der sich entwickelt.»

Entscheidend wird vor allem die Frage der Miete sein, sagt Maier. Bereits heute ist man zwar eingemietet, die alte Gewerbeschule gehört dem Kanton und wird von Immobilien Basel-Stadt verwaltet. Der Mietzins dürfte am neuen Standort die kantonalen Vorgaben nicht überschreiten  – denn sonst müsste die Angelegenheit noch im Grossen Rat behandelt werden, was wiederum zu Verzögerungen führen würde. Bis im ersten Quartal 2016 wolle man die Frage jedoch beantwortet haben.

Je schneller man wisse, wie es weitergeht, desto besser. Das finden auch Kurt Würmli und Alexandra Schüssler. «Und wenn es nur schon darum geht, dass man endlich weiss, ob man eine Anschaffung für den alten Ort nun noch tätigen soll oder nicht», sagt Schüssler. Denn nichts blockiere mehr als Unwissenheit – nicht einmal ein Haus voller Korpusse.

Konversation

  1. In Basel gab es nie ein «Museum für Gestaltung». Das Teil hiess Gewerbemuseum, bevor es vom Jungdynamiker Christoph Stutz zu Grabe getragen wurde.

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    1. Liebe Frau Moerik,
      doch, es gab ein Museum für Gestaltung, allerdings nicht für lange: von 1989 bis 1996 taufte man das ehemalige Gewerbemuseum um – bevor man es ganz auflöste.
      Beste Grüsse,
      Karen N. Gerig

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    2. Oh. Ich nehm’s zur Kenntnis. Muss wohl daran liegen, dass ich mich schon damals dem grassierenden Umbenennungshype verweigert habe.

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  2. Ermutigend die Anstrengungen um im engen Basel Ordnung zu gestalten. Macht grossen Mut auch in der eigenen Enge!

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