7 Grunge-Bands, die man kennen muss

Vor zwanzig Jahren nahm sich Kurt Cobain das Leben. Mit ihm endete nicht nur die Band Nirvana, sondern implodierte ein ganzes Genre: Grunge. Der Stil verschwand so schnell, wie er aus Seattle entrissen wurde, aber er beeinflusste die Rockmusik nachhaltig. Eine Rückschau. Vor zwanzig Jahren nahm sich Kurt Cobain das Leben. Mit ihm endete nicht […]

Nirvana haben dem Grunge die bekanntesten Songs verliehen: Dave Grohl, Kurt Cobain und Krist Novoselic.

Vor zwanzig Jahren nahm sich Kurt Cobain das Leben. Mit ihm endete nicht nur die Band Nirvana, sondern implodierte ein ganzes Genre: Grunge. Der Stil verschwand so schnell, wie er aus Seattle entrissen wurde, aber er beeinflusste die Rockmusik nachhaltig. Eine Rückschau.

Vor zwanzig Jahren nahm sich Kurt Cobain das Leben. Mit ihm endete nicht nur die Band Nirvana, sondern implodierte ein ganzes Genre: Grunge. Der Stil verschwand so schnell, wie er aus Seattle entrissen wurde, aber er beeinflusste die Rockmusik nachhaltig. Eine Rückschau auf 7 Grunge-Bands, die man kennen muss. 

1. Nirvana

Das Trio um Kurt Cobain hat mit seinem zweiten Album «Nevermind» ein neues Genre des Alternative-Rock definiert – und zugleich dem Ende zugeführt: Grunge. Nirvana bestimmten nicht nur den Sound – ruhige Strophen, die auf brachiale Refrains trafen und damit das musikalische Psychogramm zu verletzlicher Introvertiertheit und zornigem Ausbruch vereinte, sondern auch Ästhetik und Image des Grunge. Geistig ein Fortsatz des Punk, übernahmen Nirvana den Gestus der Verweigerung, setzten auf Holzfällerhemden und abgelatschte Converse-Turnschuhe als Kontrapunkt zum Rock der Achtziger und zur aufkommenden neuen Jugendkultur des Hip-Hop. Was dem Alternative-Rock Marke Nirvana abging, war eine gesellschaftliche Vision, im geistigen Zentrum des Nirvana-Sounds stand das verletzte, entfremdete Individuum: «I hate myself and want to die» war ursprünglich als Titel für das letzte Nirvana-Werk «In Utero» gedacht. Für Kurt Cobain ging der rasante Aufstieg von der Indie-Szene hinauf zur Rockstargrösse mutmasslich zu schnell, und mit demselben Tempo, mit dem die Musikindustrie Grunge als neuen Trend definierte, kaperte und erfolgreich kommerzialisierte, implodierte er. Der 5. April 1994, der Tag des Suizides von Kurt Cobain, bedeutete nicht nur das Ende von Nirvana , sondern markierte den Ausklang der drei Jubeljahre des Grunge. Bassist Krist Novoselic zog sich aus der Öffentlichkeit zurück, Cobains Witwe Courtney Love versuchte sich noch eine Weile an ihrem eigenen Musikplänen mit Hole, die stilistisch noch auf den Grunge zurückgriffen, und ging nach Hollywood. Und Dave Grohl, der Schlagzeuger, gründete die Foo Fighters und zog durchs Haupttor auf die ganz grossen Rockbühnen. 

2. Pearl Jam 

 

Die Jungs um Eddie Vedder sind die Überlebenden des Grunge – auch weil sie sich relativ konsequent der Musikindustrie verweigert haben und die Kontrolle über ihre Arbeit behielten. Pearl Jam war in den Grunge-Jahren die Nummer Zwei, ihr Debutalbum «Ten» profitierte enorm von Nirvanas Erfolg, der Nachfolger «Vs.» war ein solch kolossaler Erfolg, dass die Band nahezu daran zerbrach. Sechs Jahre lang veröffentlichte sie keine Musikvideos mit ihrer Mitwirkung, liessen kaum Fotos von sich veröffentlichen, gaben praktisch keine Interviews mehr und versuchten, ihre Konzerttouren an den grossen Veranstalter- und Verkaufsagenturen vorbei zu organisieren, um die Promotion in den Händen zu behalten. Pearl Jam waren so schnell so erfolgreich geworden, dass sie den Rückbau in Stufen suchten. Von da an wurden ihre Platten für die Folgejahre härter, dunkler, sperriger. Pearl Jam haben sich nicht nur aufgrund ihrer eindeutigen Politisierung als eine der glaubwürdigsten Rockbands der USA etabliert, die Grunge-Implosion problemlos überlebt und sich die verschiedensten musikalischen Freiheiten gegönnt, wie die äusserst experimentell (und erwartbar erfolglose) Platte «No Code» oder das deutlich von sperrigem Blues beeinflusste Album «Riot Act» zeigten. Hervorzuheben gilt es zudem «Mirror Ball», worauf Pearl Jam die Backing Band für Neil Young stellten – den Ahnherr des Grunge, den Kurt Cobain vor seinem Suizid in dem Abschiedsbrief zitierte und damit gleichsam die Zeile als Slogan für den Grunge vereinnahmte: «It’s better to burn out than to fade away.»

3. Soundgarden 

Mit Soundgarden war erkennbar, wie wenig die allgemein im Grunge-Genre vereinten Bands musikalisch verbindet. Soundgarden um Sänger Chris Cornell und Schlagzeuger Matt Cameron, der mittlerweile auch bei Pearl Jam trommelt, war deutlich stärker an Rhythmus und Tempo interessiert als dynamischen Wankelfahrten, und auch die erkennbaren Einflüssen liegen wie anders als bei Nirvana: nicht Beatles oder Neil Young, sondern Black Sabbath, Led Zeppelin – und der Hardcore und Punk der späten Siebziger und Achtziger Jahre. Bezeichnenderweise waren es hingegen gerade Soundgarden, die mit «Black Hole Sun» einen der erfolgreichsten Rocksongs der Grunge-Jahre ablieferten und zeigten, dass sie in der Lage sind, auch mit Pop-Elementen zu hantieren. Soundgarden lösten sich 1997 auf, Chris Cornell gründete mit dem Rumpf von Rage Against The Machine die Band Audioslave, schrieb dazwischen noch einen James-Bond-Song, um schliesslich Soundgarden wieder zu vereinen. Im November 2012 erschien «King Animal», das deutlich Härte zeigte und dort anschloss, wo die Band 1997 aufhörte.  

4. Mudhoney 

 

Nirvana entstanden nicht im leeren Raum. Vor ihnen waren die Melvins, die sich bereits 1983 im selben Bundesstaat formten und von denen Kurt Cobain ein derart erklärter Fan war, dass er bei ihnen als Gitarrist anheuern wollte – und beim Vorspiel scheiterte, weil er zu nervös war. Die Musik der Melvins war zu breit gefächert, als dass sie als Gründungszelle des Grunge-Sounds zu bezeichnen wären. Das übernahmen ein paar Jahre später Mudhoney. Auch sie stammen aus Seattle, waren beim prägenden Underground-Label SubPop zuhause und haben mit ihrer Debut-EP «Superfuzz Bigmuff» den Grunge 1989 onomatopoetisch definiert: Superfuzz – die total übersteuerte Verzerrung der Gitarren. Auch Mudhoney wechselten später zu einer grossen Plattenfirma, allerdings ohne auch nur annähernd die Verkaufszahlen von Nirvana oder Pearl Jam zu erreichen – wohl auch, weil sie weiterhin auf ihr stilbildendes Merkmal, die massiven Verzerrungen, setzten. Mudhoneyblieben damit sowas wie die Schattenväter der Szene, bewiesen allerdings trotz vereinzelten Pausen beachtliche Konstanz: der erste Besetzungswechsel kam erst nach zwölf Jahren, regelmässig gehen sie, mittlerweile Familienväter und eher Hobbymusiker, auf Tour und veröffentlichen neue Platten. Die letzte, «Vanishing Point», erschien 2013, zum 25-jährigen Jubiläum der Band. Wie tot der Grunge auch sein mag, bei Mudhoney schiessen die Verzerrer noch immer direkt auf die Zehn. 

5. Alice In Chains 

 

Auch Alice In Chains gehören zu den Überlebenden des Grunge, die den Weg in die Gegenwart gefunden haben – trotz Pausen und Todesfällen. Ebenfalls in Seattle formiert, fanden die Gründungsmitglieder ursprünglich aus den letzten Atemzügen des Hair- und Glam-Metal zur Düsternis eines schweren Rocks, der ebenso von Black Sabbath wie von dunklem Metal beeinflusst war. In welchen Soundwelten sie sich ursprünglich bewegten, liess sich am Line-Up ihrer ersten grossen Tour ablesen: sie eröffneten für die Säulen des Speed-Metal: Megadeth, Slayer, Anthrax, später kam kurioserweise eine zweite Tour im Vorprogramm der längst staubbefallenen Van Halen dazu. Zum Grunge-Kosmos kam Alice In Chance über einen Soundtrack-Beitrag zur Komödie «Singles», die die Liebesnöte von Anfangszwanziger in Flanellhemden und mit langen Haaren in Seattle zeigte. Einen zweiten Hollywood-Beitrag lieferte die Band mit einem Song zum Intro des Schwarzenegger-Films «Last Action Hero» ab, und spätestens da war klar, dass der Underground-Begriff, aus dem sich Grunge nährte, bereits arg gedehnt worden war. Alice In Chains erreichten mit den danach folgenden Platten jeweils die Spitze der US-Charts, und zog sich doch zunehmend aus der Öffentlichkeit zurück. Eine Auflösung wurde nie bekannt begeben – bis Sänger Layne Staley 2002 an einer Überdosis Heroin verstarb. Auch Alice In Chains haben sich danach neuformiert und mit einem neuen Sänger zwei weitere Alben mit achtbarem Erfolg aufgenommen, ohne an ihrem Stil gross zu schrauben: ein markanter zweistimmiger Leadgesang über gewaltig aufgeschichteten Gitarrenschichten. 

6. Screaming Trees 

Bekannter als die Band, die 1985 in Ellensburg bei Seattle gegründet 2000 aufgelöst wurde, ist ihr Sänger: Mark Lanegan. Den kennt man heute als gebrochene Finsterstimme aus den dunkelsten Wäldern des Americana sowie als Freund der Queens Of The Stone Age. Mit den Screaming Trees war er im Grunge-Trubel wie Mudhoney nie über den Status eines Geheimtips hinausgekommen. Die Wurzeln der Screaming Trees reichten neben der Rohheit des Punk zurück in den Psychedelic und Progressive Rock, dazu finden sich Folkelemente. Allerdings hatten auch die Screaming Trees einen reichlich trüben und pessimistischen Blick auf die Welt und das Leben, womit Grunge-Hörer etwas anfangen können. In einer Bandpause nahm Mark Lanegan zudem unter Mithilfe von Dave Grohl und Kurt Cobain sein Solodebut «The Winding Sheet» auf, und Chris Cornell von Soundgarden produzierte mit «Uncle Anesthesia» eine der besten Arbeiten der Band. Allein, trotz grossem Kritikerlob, räumten Nirvana und Co. die Plattenverkäufe ab – ein Schicksal, das auch den Folgeplatten nicht erspart blieb. Ihr letztes Album «Dust» erschien 1996, vier Jahre vor der Auflösung, und bewies noch einmal, dass hier die wohl talentierteste und vielseitigste Seattle-Band am Werk war. 

7. Postgrunge 

 

Mit Kurt Cobains Tod endete der kurze Sommer des Grunge, dem schon bald ein langer Herbst folgte. Cobain selbst hatte seine Genre-Hymne «Smells Like Teen Spirit» auf der letzten Nirvana-Tour vermehrt aus dem Programm gestrichen, weil er der Ansicht war, der massive Mainstream-Erfolg des Songs bestätige nur dessen mangelhafte Qualität, und hat ihn mit «Rape Me» selbst eindeutig parodiert: Der Rockstarruhm als Vergewaltiger des fragilen Undergroundkünstlers, der die Neuausrichtung der Rockmusik auf seinen Schultern zu tragen hatte. «I’m not the only one», sang Cobain darin. Und er sollte recht behalten: nach Nirvanas Ende erhielt nahezu jede Band, die ein paar roh verzerrte Akkorde spielen und verwaschene Skateboard-Kleider trug, einen Plattenvertrag. Daraus entstand der Post-Grunge – kaum mehr ein Genre als eine Klammer um all die Zweise, die sich nun weiter verästelten. Ugly Kid Joe oder Puddle of Mudd standen für die festfreudige und dumpfe Variante, bei der es eher um Dosenbier als Überdosis ging, Alanis Morissette und die 4 Non Blondes bedienten den balladesk-femininen Sektor, Nickelback standen irgendwo dazwischen. Die emotionalen, selbstzerrissenen Züge des Grunge, die Cobain eingeführt und die irgendwann im Emo-Rock eine neue Heimat fanden, wurden von den Smashing Pumpkins oder den frühen Radiohead aufgegriffen.

Das sind die Ausreisser in den Mainstream-Rock, zu denen auch Dave Grohls Foo Fighters gehören. Davon abgesehen hat sich der Grunge die Folgejahre weiterentwickelt,  wovon die Eruptionen des Stonerrock oder des Retrorocks der Nullerjahre zeugten – und der schliesslich im Laufental auf fruchtbaren Boden traf. Der Rock hat sich verändert, seit sich Cobain vor zwanzig Jahren mit einer Flinte in den Kopf schoss, aber seine Spuren sind nicht mehr auszuradieren. Eine Rückkehr zum Glam-Rock der Achtziger Jahre gibt es nicht mehr. Zum Leidwesen der damaligen Heroen, die sich vom Grunge-Schock nicht mehr erholten. «Es gab keine Lichtshows mehr, keine coolen Klamotten, keine Effekte. Die Musiker zogen sich wie Penner an», ärgerte sich Gene Simmons von Kiss in einem Interview mit dem «Metal Hammer» noch 2011. «Deshalb wurde auch der Hip Hop so gross. Da haben die Künstler wenigstens wieder über Bares und Bräute gesprochen, und nicht darüber, wie beschissen das Leben ist.» 

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