7 Kunstskandale oder wie weit darf Kunst gehen?

Die Fondation Beyeler stellt ab Sonntag Gustave Courbets Gemälde «L’Origine du Monde» aus. Dieses sorgte einst für grosses Aufsehen. Doch der Skandal war nicht der einzige seiner Art in der Geschichte der Kunst. 7 weitere Beispiele. In diesen Tagen kommt in Riehen ein Gemälde an, das für Aufsehen sorgt: Gustave Courbets «L’Origine du Monde», die Nahaufnahme […]

Egon Schiele: «Liegender weiblicher Akt mit gespreizten Beinen».

Die Fondation Beyeler stellt ab Sonntag Gustave Courbets Gemälde «L’Origine du Monde» aus. Dieses sorgte einst für grosses Aufsehen. Doch der Skandal war nicht der einzige seiner Art in der Geschichte der Kunst. 7 weitere Beispiele.

In diesen Tagen kommt in Riehen ein Gemälde an, das für Aufsehen sorgt: Gustave Courbets «L’Origine du Monde», die Nahaufnahme des Intimbereichs einer nackten Frau. Das Bild des Franzosen entstand 1866, und jahrelang galt es als Mythos. Ein Privatmann hatte es bei sich zu Hause hängen und zeigte es nur ausgewählten Gästen. Trotzdem war es ein Skandal – derartige Bilder hatten im 19. Jahrhundert nicht zu existieren.

Der Skandal um Courbets Werk war aber lange nicht der einzige in der Geschichte der Kunst. Und auch nicht der letzte. Auf sieben aufsehenerregende Fälle, die sich alle um das Thema Sexualität drehen, werfen wir nun einen Blick.

1. Edouard Manet: «Olympia», 1863

Edouard Manet: «Olympia».

Edouard Manet: «Olympia». (Bild: ©Musée d’Orsay, Paris)

Drei Jahre bevor Courbet seinen «Ursprung der Welt» malte, hatte sein Malerkollege Édouard Manet einen öffentlichen Skandal verursacht: 1863 stellte er seine «Olympia» auf dem Pariser Salon aus. Das Gemälde zeigt eine nackte Frau, die auf einem mit Kissen gepolsterten Bett liegt. Eine Hand verdeckt ihre Scham, doch sie blickt den Betrachter herausfordernd und selbstbewusst an. Das war zu viel für die Pariser Bourgeoisie. Nicht die Nacktheit an und für sich, doch der Fakt, dass hier eine nackte Frau ausserhalb eines mythologischen oder allegorischen Rahmens dargestellt wurde. Wäre es eine Venus gewesen, die Manet derart präsentiert hätte, hätte niemand aufgemuckt. Doch der französische Maler transformierte die mythologische Figur zu einer gewöhnlichen Prostituierten, die gleich noch einen Blumenstrauss von einem Verehrer empfängt. Er habe nur gemalt, was er gesehen habe, rechtfertigte Manet sich gegenüber Kritikern. Der Empörung über das Werk tat dies keinen Abbruch.

2. Francisco de Goya: «La maja desnuda», 1795–1800

Francisco de Goya: «La maja desnuda».

Francisco de Goya: «La maja desnuda». (Bild: ©Prado, Madrid)

Eine Dame ausgezogen hatte ein paar Jahrzehnte vor Manet bereits der Spanier Francisco de Goya: Seine «Maja desnuda» («Die nackte Maja») malte er zwar für einen privaten Auftraggeber, den Minister Manuel de Godoy, und sie blieb wie Courbets «L’Origine du Monde» zunächst den Blicken der Öffentlichkeit verborgen. Das änderte sich, als Godoy starb. Plötzlich sah sich Goya mit der Inquisition konfrontiert. Diese wollte von ihm wissen, wer ihn dazu beauftragt hatte, das «obszöne» Bild zu malen. Ob er den Auftraggeber preisgab, ist nicht bekannt. Folge des Prozesses war jedoch, dass Goya seinen Titel als königlicher Hofmaler, als der er damals waltete, verlor.

3. Egon Schiele: «Liegender weiblicher Akt mit gespreizten Beinen», 1914

Egon Schiele: «Liegender weiblicher Akt mit gespreizten Beinen».

Egon Schiele: «Liegender weiblicher Akt mit gespreizten Beinen». (Bild: ©Albertina, Wien)

Die Zeichnung «Liegender weiblicher Akt mit gespreizten Beinen» steht stellvertetend für mehrere Werke des Österreichers Egon Schiele, die ihm einen zweifelhaften Ruf und einen erniedrigenden Gerichtsprozess bescherten. Schiele lag nie etwas an der Darstellung von Schönheit. Die nackten Menschen, die er bevorzugt malte und zeichnete, erscheinen allesamt als gequälte Existenzen. Misstrauen begegnete dem jungen Maler auf Schritt und Tritt, und im Jahr 1912 wurde ihm gar vorgeworfen, ein Mädchen entführt und vergewaltigt zu haben. Obwohl die Vorwürfe sich als haltlos erwiesen, sass der Wiener mehrere Wochen im Gefängnis. Bei der Durchsuchung seines Ateliers fand man unzählige erotische Zeichnungen. Schiele wurde schliesslich wegen deren Verbreitung und «Verletzung der Sittlichkeit» verurteilt, mindestens eine seiner Zeichnungen öffentlich verbrannt.

4. Constantin Brancusi: «Princesse X», 1915/16

Constantin Brancusi: «Princesse X».

Constantin Brancusi: «Princesse X». (Bild: Reuters)

Machen wir den Test: Was sehen Sie in dieser Skulptur? Sehen Sie einen Phallus? Ha, voilà, hier ist er, der Skandal: Laut dem Schöpfer der Skulptur, Constantin Brancusi, stellt die Figur nämlich nichts anderes dar als eine aufs Äusserste reduzierte Frau. Was man sonst darin sieht, liegt allein im Auge des Betrachters, findet der Künstler. Prinzessin Marie Bonaparte habe dem Bildhauer als Modell gedient, so heisst es, für eine andere, inzwischen verschwundene Skulptur. Diese zeigt, wie sie sich über einen Spiegel beugt. Brancusi abstrahierte diese Form für seine «Princesse X» bis ins Extrem. Er war weder auf Obszönität noch Provokation aus. Trotzdem wurde die Skulptur wegen ihrer phallischen Form bei mehreren Ausstellungen abgelehnt.

5. Tracey Emin: «Tent» (oder: «Everyone I have ever slept with»), 1995

Tracey Emin: «Everyone I have ever slept with».

Tracey Emin: «Everyone I have ever slept with». (Bild: ©Saatchi Gallery)

Eigentlich war es gar kein Skandal, dieses Werk der Britin Tracey Emin. Doch der Titel «Everyone I Have Ever Slept With» regte die Fantasie der Betrachter an und wurde meist sexuell konnotiert. Dabei war es gar nicht so gemeint, «to sleep with someone» bedeutet ins Deutsche übersetzt nicht nur den sexuellen Kontakt, sondern auch schlicht das Teilen eines Bettes. Trotzdem etablierte sich Emin damit 1995 als neues Enfant terrible der Londoner Kunstszene: Das boulevardesk aufgeladene Image von der hemmungslosen Schlampe setzte sich in den Köpfen fest und machte sie schlagartig berühmt. 1998 bestärkte sie diesen Ruf noch mit ihrem «Bett», das zerwühlte Laken mit Resten von Körperflüssigkeiten in einer Installation vereinte.

6. Robert Mapplethorpe: «Self Portrait», 1978

Robert Mapplethorpe: «Self Portrait».

Robert Mapplethorpe: «Self Portrait». (Bild: ©Robert Mapplethorpe)

Wahrscheinlich wären die Menschen des 19. Jahrhunderts beim Anblick dieses Selbstporträts des Fotografen Robert Mapplethorpe in Ohnmacht gefallen. Mapplethorpe war nie zimperlich, wenn es um explizite Darstellung ging. Abbilder nackter Penisse oder Frauenbrüste gehören beim US-Amerikaner zum Standardprogramm, seine Motive kreisen um die Pole Kultiviertheit und Bestialität. Sein Selbstporträt, das den Fotografen mit in den Anus eingeführter Peitsche zeigt, ist sicherlich eines seiner extremsten. Erst nach seinem Tod jedoch wurden seine Werk skandalisiert: Unterstützt von George Bush startete der US-Senator Jesse Helms eine Kampagne gegen Mapplethorpes Fotografien mit erotischem Inhalt; vor allem jene mit homosexuellen und sadomasochistischen Praktiken hatte er im Visier. Die Kampagne gipfelte darin, dass er Museen damit drohte, ihnen die Staatssubventionen zu entziehen, sollten sie die Werke weiterhin ausstellen. Umgesetzt wurde dieser Vorschlag allerdings nie.

7. Nan Goldin: «Klara and Edda Belly Dancing, Berlin», 1998

Nan Goldin: «Klara and Edda Belly Dancing, Berlin».

Nan Goldin: «Klara and Edda Belly Dancing, Berlin». (Bild: ©Nan Goldin)

Wer denkt, Kunst könne heute nicht mehr schockieren, der wird bei diesem Foto von Nan Goldin eines Besseren belehrt. Auch auf der TagesWoche-Redaktion wurde rege diskutiert, ob dieses Werk der amerikanischen Fotografin in dieser Liste gezeigt werden könne. Das Foto zeigt Klara und Edda, die Töchter der Berliner Künstlerin Käthe Kruse, im tänzerischen Spiel. Wie immer bei Goldin erscheint das Bild wie ein Schnappschuss. Ebenso oft sind die von ihr Porträtierten unbekleidet, wie auch diese Mädchen. Nacktheit allein macht noch keine Pornografie, die Erotik liegt allein im Auge des wie auch immer geneigten Betrachters, kann man hier in Anlehnung an Brancusi wiederholen – wie man es auch bei all den anderen nackten Damen und Herren in unserer Liste sagen kann. Goldins Werk lässt uns aber auch Zeuge werden von der Grenzverschiebung in den vergangenen Jahrhunderten. Immer noch gibt es heikle Sujets – es sind nur nicht mehr dieselben. Gerade Kunstwerke, die Kinder zeigen, sind heute einer starken Kontrolle ausgesetzt. Nan Goldin musste diese Erfahrung mehrfach machen: Eine Ausstellung, in der «Klara und Edda» hängen sollten, wurde im Jahr 2000 in Bordeaux abgesagt. Die Schau wollte sich dem Bild des Kindes in der zeitgenössischen Kunst widmen – stattdessen reichte eine Kinderschutzorganisation Klage gegen die drei Kuratoren ein, die mehr als zehn Jahre später erst freigesprochen wurden. Zuletzt wurden «Klara und Edda» im Jahr 2007 im englischen Gateshead beschlagnahmt. Die zugehörige Ausstellung mit rund 150 Fotos von Goldin wurde daraufhin ganz abgesagt. Eine Retrospektive der Künstlerin inklusive des umstrittenen Bildes in Berlin wurde im Jahr 2011 allerdings ohne Zwischenfälle durchgeführt.

Konversation

  1. Die Erotik liegt im Auge des Betrachters!

    Genau diese Aussage ist dafür verantwortlich, dass eine Diskussion darüber entsteht, ob Nacktheit alleine schon Pornographie ist. Sie deutet zwar an, dass jeder selbst entscheiden muss, aber sie übt auch Druck aus, auf jeden, diese als Normalität zu akzeptieren, und die Selbstzweifel und Begierde für sich zu behalten, will man nicht als verdorben gelten! Denn in der Gesellschaft ist Pornographie nicht offen akzeptiert. Geri Müller wird akzeptiert, aber keiner will sein Nacktfoto auf der ersten Seite von 20 Minuten sehen, denn das wäre pornographisch, weil veröffentlicht. Ein Weisswaschen eines Betrachters gibt es nicht, und jeder steht unter dem Generalverdacht, pornographische Gedanken zu verbergen. Die Selbsterkenntnis ist daher genau so entblösend, wie die Nacktheit selbst. Der Betrachter ist dabei der Gefangene seines Hinsehens, welches er als moderner Mensch leisten muss! Der moderne Mensch betrachtet sich in einem Nacktbild selbst, bleibt aber im Tabu des Redens gefangen. Er foltert sich selbst.

    Danke Empfehlen (0 )

Nächster Artikel