7 Mal Klaus Kinski ausser Rand und Band

Vor 25 Jahren starb der Leinwand-Wüterich, der auch im Privatleben ein Widerling war, an einem Herzversagen. Sieben Filme mit Klaus Kinski, die unvergessen bleiben. Ein Irrer, ein Genie – bei kaum einer Figur des Nachkriegskinos vermengen sich die beiden Rollen so ununterscheidbar wie bei Klaus Kinski. Der Wahnsinn, die Exzesse und die Egomanie, die sein […]

Der Schauspieler Klaus Kinski liegt im Bett eines Krankenhauses in Rom am 25. Mai 1967. Er kurierte dort Verletzungen, die er sich am Vortag durch einen Reitunfall waehrend der Dreharbeiten zu einem Western zugezogen hatte. Der 1991 verstorbene Schauspieler waere am Mittwoch, 18. Oktober 2006, 80 Jahre alt geworden. (AP Photo/Giulio Broglio) *** ***

Vor 25 Jahren starb der Leinwand-Wüterich, der auch im Privatleben ein Widerling war, an einem Herzversagen. Sieben Filme mit Klaus Kinski, die unvergessen bleiben.

Ein Irrer, ein Genie – bei kaum einer Figur des Nachkriegskinos vermengen sich die beiden Rollen so ununterscheidbar wie bei Klaus Kinski. Der Wahnsinn, die Exzesse und die Egomanie, die sein Spiel antrieben, hielten Kinski selbst im Privatleben nicht vor den monströsesten Taten zurück, wie der vor drei Jahren öffentlich gewordene Missbrauch seiner Tochter belegte.

Kinski schauen heisst in Abgründe hineinzustarren. Für die, die ihn um sich auszuhalten hatten, machte dies das Leben zur Qual. Doch wer ihm nur auf der Leinwand begegnen musste, konnte sich dem masslosen Grusel seiner Performance nicht entziehen. Massenhaft Trash hat Kinski, der heute vor 25 Jahren an Herzversagen starb, gedreht – doch aus dieser Menge ragen Werke heraus, die noch heute erschüttern.

1. «Aguirre» (1972)



Vom «Zorn Gottes» handelt dieser Monumentalfilm mit minimalen Mitteln, vom berserkerhaften spanischen Conquistador Aguirre (Kinski), den Gott höchstselbst als Plage auf die Erde geschickt haben muss. Auf der Suche nach dem sagenhaften El Dorado mitten im Amazonas treibt dieser meuternde Soldat seine gesamte Mannschaft im Glauben an Macht und Ruhm gewaltsam den Ureinwohnern, dem Hunger und den Krankheiten in die Arme. Er wütet, schreit, schlägt, verteilt Fusstritte und prügelt mit dem Degen auf seine Leute ein. Dabei verletzt Kinski einen Statisten trotz Helm derart schwer am Kopf, dass dieser später sagen wird, Kinski sei in allen Szenen des Films von einer intensiven Aggressivität geleitet gewesen, so kaltblütig wie berechnend.

Regisseur Werner Herzog, mit dem Kinski seine bedeutendsten Filme drehte, bekannte im Dokumentarfilm über die gemeinsame Arbeit, was ihn an Kinski so fessle, sei die manische Besessenheit mit der Sache, die in bis zehnstündigen Sprechübungen pro Tag mündete. Kein Wahnsinniger war Kinski, den man aus dem Käfig lassen musste, sondern einer, dessen Ernsthaftigkeit im Drang nach authentischem Spiel zwischen Rolle und Akteur nicht mehr unterschied.

2. «Il Grande Silenzio» (1968)



Kinski war für die Spaghetti-Western geschaffen, in denen die alten Heldenfiguren der Prärie aufgegeben wurden zugunsten zerrissener Charaktere, elender Schurken, getriebener Outlaws. Loco (Kinski) ist einer von ihnen – ein Kopfgeldjäger, der daher zumindest pro forma auf der richtigen Seite des Gesetzes steht, doch in Wahrheit ein kaltblütiger Mörder ist. Als der stumme Silenzio (Jean-Louis Trintignant), dessen Eltern von Loco ermordet wurden, ihm aus Rache nachjagt, kommt es zum Showdown. Und der ist ganz und gar unhappy: Der Böse siegt im Duell und richtet danach ein Massaker an, bevor er aus der Stadt davonreitet.

Anders als Sergio Leone hat Regisseur Sergio Corbucci die Figur des Kopfgeldjägers nicht als Pragmatiker dargestellt, sondern als ganz und gar Verkommenen, dessen Bosheit innerhalb der ungerechten Parameter des Gesetzes geschützt wird. Meisterhaft.

(Corbucci hat allerdings auch ein alternatives Ende gedreht, in dem Silenzio schneller zieht als Loco. Das nie verwendete Happy-End ist nur in tonlosen Bruchstücken erhalten, zu sehen als Bonusmaterial auf der DVD.)

3. «Nosferatu» (1979)



Ein Remake, das so sehr Hommage ist, dass Regisseur Herzog von Murnaus «Nosferatu» aus dem Jahr 1922 sogar inhaltliche Fehler wie das Spiegelbild des Vampirs übernommen hat. Eine sehr langsame, in morbid-poetischen Ton getunkte Version des Dracula-Stoffes schufen Herzog und Kinski hier, in der neben Ausstattung und Kamerafahrt vor allem Kinskis Darstellung der Titelrolle fesselte. Die üblichen Wütereien und Manien waren für diese eher kontemplative Rolle nicht vonnöten, stattdessen sieht man hier einen Kinski, der den scheusslich anzuschauenden Melancholiker in seiner totalen Einsamkeit mimt.

4. «Woyzeck» (1979)



Ein Geschundener, der am Ende der Demütigungen sein Messer zückt – der von Büchner nur als Fragment überlieferte literarische Stoff wird in der Umsetzung von Herzog und Kinski zu einem trostlos fiesen Stück über einen «Unterhund». Woyzeck wird in der Armee von seinen Vorgesetzten geknechtet und für fragwürdige Experimente missbraucht. Als ihn schliesslich noch seine geliebte Frau zu betrügen scheint, verfällt er in rasende Wut und es kommt zur Bluttat.

Anders als etwa in «Aguirre» gehen Herzog und Kinski mit ihrer Figur hier nicht an die Grenzen der körperlichen, sondern vielmehr der seelischen Belastbarkeit. Die Härte, die Unmoral, die andauernde Erniedrigung stürzen auch den duldsamsten Menschen in den Wahn. Mit welch stoischer Ergebenheit Kinski lange Zeit seinen Woyzeck aufrechterhält, ist kaum zu ertragen. Nur fünf Tage Pause gönnten sich Herzog und Kinski nach dem Ende von «Nosferatu», bevor sie mit «Woyzeck» loslegten. Danach sagte Kinski, er habe Jahre gebraucht, um die verinnerlichten Qualen dieser geschundenen Figur wieder ablegen zu können.

5. «Fitzcarraldo» (1982)



Der Gipfel der Zusammenarbeit von Herzog und Kinski: Die Fabel über einen irischen Abenteurer, der im Dschungel von Peru eine Oper errichten will, dafür in den Kautschukhandel einsteigt und für den entsprechenden Transport einen Dampfer durch den Urwald schleppen lässt, haben wir bereits ausführlich gewürdigt.

Die Arbeiten am Film zogen sich über zwei Jahre hin und standen mehrmals nahe vor dem Abbruch – nicht zuletzt wegen Kinskis gefürchteten Wutausbrüchen, die als mitgefilmtes Bonusmaterial zu den Dreharbeiten fast ebenso legendär geworden sind wie der Film selbst. Kinski tobt, Herzog versucht zu schlichten, im Hintergrund fassen die engagierten indigenen Statisten kaum, was vor sich geht. Danach sollen sie Herzog angeboten haben, Kinski umzubringen.

6. «Cobra Verde» (1987)



Noch einmal haben sich Herzog und Kinski aufgerafft: «Cobra Verde» handelt von der Karriere eines ruchlosen Sadisten (Kinski), der zuerst die Sklavenarbeiter auf einer südamerikanischen Plantage malträtiert und schliesslich in Afrika landet, um neue Sklaven zu rekrutieren. Dort steigt er dank der Beteiligung an einem erfolgreichen Putsch kurzzeitig zum Vizekönig von Benin auf, um schliesslich verarmt zu verenden.

Die Beziehung zwischen Regisseur und Hauptdarsteller hatte da schon einen Tiefpunkt erreicht, den der Film nicht vollends kaschieren konnte. Kinski sei «wie ein gestochenes Rennpferd am Set erschienen, das in Raserei über die Strecke jagt, um nach der Ziellinie zusammenzubrechen», sagte Herzog über den Film.

«Cobra Verde» – allein schon wegen des damals noch unberührten Themas des innerafrikanischen Sklavenhandels ein Reizprodukt – krankt so sehr an seiner Zentrumsfigur, deren Instabilität offenkundig normale Drehverhältnisse unmöglich machte, wie er gleichzeitig von ihr lebte. Kinski as Kinksi can – die überbordend wilde Darstellung eines Mannes, der sich selbst über die eigenen Grenzen hinausdrängt.

7. «Paganini» (1989)



Drehbuch: Kinski. Hauptrolle: Kinski. Regie: Kinski. Schon alleine die Credits verraten, dass Kinskis letzter Film die üblichen Massstäbe des Kinos sprengt. Die Geschichte, die Kinski aus dem Leben des «Teufelsgeigers» Niccolò Paganini herausdestillierte, handelt von einem von massloser Begierde nach Frauen getriebenen Ausnahmekönner, der schliesslich der Umnachtung verfällt und nur durch seinen loyalen Sohn eine Spur von Stabilität erfährt.

Viel von Kinski selbst ist in diesen Film geflossen – das exzessive Sexualleben, die grenzenlose Vernichtungswut, die unstillbare Gier nach Anerkennung durch das Publikum. Ein Werk des totalen Narzissmus, verfolgt mit einer an Wahnsinn grenzenden Selbstaufgabe. Kinski hätte kein adäquateres Vermächtnis schaffen können.

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