Aus für Chefredaktor Markus Spillmann

Markus Spillmann, der Chefredaktor der «Neuen Zürcher Zeitung», tritt zurück. Wer seine Nachfolge antritt, sei noch offen, teilt die NZZ-Mediengruppe mit. Bereits brodelt es heftig in der Gerüchteküche.

NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann (Bild: sda)

Markus Spillmann, der Chefredaktor der «Neuen Zürcher Zeitung», tritt zurück. Wer seine Nachfolge antritt, sei noch offen, teilt die NZZ-Mediengruppe mit. Bereits brodelt es heftig in der Gerüchteküche.

Markus Spillmann, der Chefredaktor der NZZ, muss gehen. Bis eine definitive Nachfolge gefunden ist, leiten die drei stellvertretenden Chefredaktoren die NZZ-Redaktion: René Zeller, Luzi Bernet und Colette Gradwohl. Damit werde Kontinuität gewährleistet, heisst es in einer Mitteilung der NZZ-Mediengruppe.

Hinter dem Abgang stehen unterschiedliche Auffassungen darüber, wie die Gruppe ihre publizistische Leitung im Geschäftsbereich NZZ neu organisieren soll. Zum Geschäftsbereich gehören die «Neue Zürcher Zeitung», die «NZZ am Sonntag» und das Onlineportal nzz.ch.

Aufgeheizte Stimmung

Mitarbeiter, die am Dienstagnachmittag um 15 Uhr an einer Betriebsversammlung informiert wurden, berichten gegenüber der TagesWoche von einer sehr emotionalen und zum Teil «krawalligen» Stimmung. Fragen nach den konkreten Gründen für die Trennung seien von den Verantwortlichen beharrlich abgeblockt worden.

Auch sei die Ankündigung des Personalentscheids für viele überraschend gewesen – nicht zuletzt auch, weil Spillmann noch vor Kurzem zu einem Glühwein-Abend eingeladen habe.

Inzwischen wird auch schon wild spekuliert, wer Markus Spillmanns Nachfolger sein könnte (am Dienstagnachmittag wurde unter anderem auch BaZ-Chefredaktor Markus Somm in der Gerüchteküche herumgereicht, was dann aber später von allen Beteiligten dementiert wurde):

Spillmann war bisher in Personalunion NZZ-Chefredaktor und Leiter Publizistik im Geschäftsbereich NZZ. Die beiden Funktionen sollen neu definiert und die publizistischen Prozesse entsprechend geordnet werden, heisst es in der Mitteilung.

Uneinig über Umsetzung von Veränderungen

Zur Zeit sei man daran, sich «gezielt auf die Anforderungen eines veränderten Marktumfeldes auszurichten». Dies gelte auch für die Organisation der publizistischen Leitung im Geschäftsbereich NZZ.

Man wolle die Aufgaben «auf mehrere Schultern verteilen». Seit längerem hätten Spillmann und der Verwaltungsrat der NZZ-Mediengruppe diesbezüglich Gespräche geführt.

Über die Stossrichtung der angepeilten Veränderungen seien Spillmann und der Verwaltungsrat einig, über die konkrete Umsetzung nicht. Aus diesem Grund sei man übereingekommen, dass er auf Ende Jahr von seinen Funktionen zurücktrete.

In den nächsten Wochen wird der Verwaltungsrat nun die künftige Organisation der publizistischen Leitung festlegen. Die Suche nach einem geeigneten Nachfolger für Spillmann ist bereits eingeleitet worden.

NZZ in die digitale Welt gebracht

Spillmann war seit April 2006 NZZ-Chefredaktor. In dieser Funktion war er auch Leiter Publizistik im Geschäftsbereich NZZ. Begonnen hatte der heute 47-Jährige bei der NZZ bereits 1995, zunächst als Dienstredaktor, später als Auslandredaktor.

Ab 2001 wirkte er bei der Lancierung der «NZZ am Sonntag» mit. Im Frühling 2002 übernahm er dort die Leitung des Ressorts International und war Stellvertreter des Chefredaktors.

In seiner Zeit als NZZ-Chefredaktor habe Spillmann den «Wandel von der traditionellen Zeitung in die digitale Welt erfolgreich auf den Weg gebracht», heisst es in der Mitteilung. Er habe eine der ersten konvergenten Redaktionen in der deutschsprachigen Medienlandschaft eingeführt.

Unter anderem verantwortete Spillmann gemäss Mitteilung das Redesign der NZZ, die Neulancierung von nzz.ch sowie die erste Paywall der Schweiz. In seinen Funktionen als Vorsitzender der NZZ-Gruppenleitung und später als Mitglied der Unternehmensleitung habe er «massgeblich zur strategischen Weiterentwicklung der Gruppe beigetragen».

Der Verwaltungsrat möchte Spillmann im Unternehmen behalten. Entsprechende Optionen werde man mit ihm zusammen prüfen, teilte die Mediengruppe mit. Spillmann selbst war nicht erreichbar.

Seit 1995 bei der NZZ

Der gebürtige Basler Spillmann hatte an den Universitäten Basel und Zürich Geschichte, Politische Wissenschaften und Volkswirtschaftslehre studiert. 1995 ging er zum «Badener Tagblatt», wechselte aber noch im gleichen Jahr zur NZZ. Spillmann lebt in Zürich. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

Dass jemand den NZZ-Chefredaktoren-Posten vorzeitig verlässt, ist nicht üblich. Spillmanns Vorgänger, Hugo Bütler (1985-2006), Fred Luchsinger (1968-1984) und Willy Bretscher (1933-1967), waren bei ihrem Rücktritt alle 62-jährig oder älter.

Konversation

  1. Das „volle“ Nachrichtengeschäft – Print, Online, Redaktionen mit Hintergrund und Unabhängigkeit -, was dann unter anderem auch zu Glaubwürdigkeit führt, lässt sich je länger je mehr nicht mehr im Gleichschritt von „national“ und von „hoher Qualität“ bewältigen. Erinnert sei diesbezüglich an die journalistische Verarbeitung des Snowdon-Stoffes (Guardian, SPIEGEL, le monde, El País, NDR in gemeinsamer Verarbeitung)
    Zudem auch,weil sich die Technologien der Nachrichtenverbreitung derart verändert haben, dass „Zeitungen“ in herkömmlicher Machart einfach nicht mehr genügend Resonanz finden. Resonanz: Abnehmer, Abos, Inserenten…
    Natürlich wäre – zum Beispiel im Fall der NZZ – genügend Geld im Land, um diese Zeitung quasi auf dem Qualitätslevel von ihresgleichen (SZ, FAZ, le Monde, NY-Times usw.) zu halten. Aber die Investoren wollen vermutlich, ganz dem neoliberalen Getue folgend, Rendite sehen. Das war mal anders. Es gab tatsächlich während Jahrzehnten „Investoren“, welchen eine klar positionierte und durchaus umfassende Nachrichtenübermittlung wichtiger war als 15 bis 25 % Rendite im Vierteljahr!
    Tempi passati!
    Ein NZZ-Chefredaktor war über Jahrzehnte im 20. Jahrhundert eine der unübersehbaren Institutspositionen in der Schweiz. Der Weg hin zu einem NZZ-Chefposten ging über Korrespondententätigkeiten, vornehmlich (Bretscher, Luchsinger ) in Deutschland.
    Warum sich das geändert hat ?

    Es dürfte im weitesten Sinn mit „Geld“ zu tun haben. Die Vermutung, dass es sich dabei auch darum handelt, dass sich dieses „Geld“ nicht mehr verpflichtet fühlt, der Schweiz eine international wahrnehmbare, also eine supranationale Stimme zu verleihen, die sich zugleich auch mit der Umkehrung beschäftigt, nämlich der Schweiz Kenntnisse über „die Welt“ zu vermitteln, liegt nahe. Das macht den Geldmenschen der eindimensionale Schweizer per se namens Blocher vor. Lieber nationalistisch „Ordnung“ schaffen, lieber den schweizerischen Sozialstaat frontal angehen und so tun, als sei man alleiniger Herr im eignen Haus, als den Schweizerinnen und Schweizern zu ermöglichen, als Abonnenten Stimmen aus der globalisierten Welt, zu der ihr Land gehört, zu vernehmen. Denn genau das hat die NZZ trotz vieler Krisen bisher geleistet – und das ist
    dass Verdienst von Spillmann und seinen Mitstreitern.
    Das heisst: Die dünnen Mitteilungen aus dem NZZ-Verwaltungsrat deuten nicht auf irgend eine momentane Verstimmung hin. Sie deuten vielmehr auf eine Verblocheriadisierung der NZZ-Geldsituation hin: Wenn Geld, dann für ein Produkt, welches zuvorderst Ideologie produziert!

    Danke Empfehlen (0 )
  2. Due NZZ ust mit Abstand das Beste, was es in der Schweiz gibt! Dagegen ist due BAZ ein Provinzblatt!
    MS war perfekt für die Modernisierung der NZZ. Kein Zweifel gibt es mehrere mögliche Nachfolger, die das Format haben! Somm gehört nicht dazu!

    Danke Empfehlen (0 )
  3. Wie wärs mit „Tobleronisieren“: Echt Schweizer Produkt aus ausländischer Zeitungsproduktion.
    Idee: Süddeutsche, Badische Zeitung?
    Letzteres würde es auch dem Zürcher ermöglichen, sein Leibblatt ohne Abstriche weiter zu lesen, wenn er halt seinen Wohnsitz in den hübschen Schwarzwald verlagert hat.

    Danke Empfehlen (0 )
  4. bitte, bitte, bitte lieber Herr Somm. Übernehmen Sie die NZZ! Herr Wahl etc. möchte doch sicher auch noch gerne etwas anderes sehen als „das Baselland“.

    Danke Empfehlen (0 )
  5. @Basel würde sehr gerne aushelfen und hätte gratis einen abzugeben. Er würde auch die Interessen vom Herrliberger Kaiser abdecken der ja selber auch sehr interessiert ist an der NZZ.

    Danke Empfehlen (0 )
    1. Ja, der würde gut nach Zürich passen….und er wäre erst noch näher beim Gottähnlichen aus Herrliberg. Sein Arbeitsweg wäre um ein paar Kilometer kürzer, der Dialekt würde stimmen und die Partei noch dazu (FDP). Zudem würde wohl in beiden Städten das journalistische Niveau ein klein bisschen steigen. Das wäre mindestens ein win/win/win/win…..

      Danke Empfehlen (0 )
  6. Ich denke, dass wir noch erleben, wie dieses Blättli verschwindet, drucken tut man bereits nicht mehr selber.
    Fazit:
    Oh FDP, oh FDP
    scho bald hesch du kei Zityg meh
    Das isch nid schlimm im Zitygswald
    Du bisch jo au scho cheibe alt
    S isch nötig dass du bald verschwindsch
    Und du dy Rueh und Friede findsch.

    Melodie zeitgemäss: Oh Tannenbaum oh Tannenbaum

    Danke Empfehlen (0 )
Alle Kommentare anzeigen (8)

Nächster Artikel