Basler Psychiatrie testete nicht zugelassene Stoffe an Patienten

Die Psychiatrische Klinik in Basel hat in den 1950er- bis 1970er-Jahren regelmässig nicht zugelassene Wirkstoffe an Patienten getestet. Dies geht aus einer Untersuchung von 330 Krankenakten und anderen Akten hervor, welche die Klinik durchführen liess.

Hier geht es zur UPK - ob bald auch zur Kinder- und Jugendpsychiatrsichen Klinik ist heftig umstritten.

(Bild: keystone)

Die Psychiatrische Klinik in Basel hat in den 1950er- bis 1970er-Jahren regelmässig nicht zugelassene Wirkstoffe an Patienten getestet. Dies geht aus einer Untersuchung von 330 Krankenakten und anderen Akten hervor, welche die Klinik durchführen liess.

Die Studie des Instituts für Medizingeschichte der Universität Bern hatte den Auftrag zu klären, ob an der damaligen Psychiatrischen Universitätsklinik Basel (PUK) Stoffe verabreicht wurden, die noch nicht zugelassen waren oder keine Handelsnamen trugen. Dies teilten die Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel am Dienstag nach Berichten des Schweizerischen Radios und Fernsehens SRF über die Versuche mit.

Das Communiqué stellt fest, es sei «davon auszugehen, dass die PUK damals nicht zugelassene Wirkstoffe an Patientinnen und Patienten abgegeben hat». Laut der Studie wurden mindestens 60 Wirkstoffe getestet, von denen 33 nachweislich keinen Handelsnamen hatten. Einige Stoffe seien nie zugelassen worden, auch wegen Nebenwirkungen.

Über 1000 Probanden – teils mit Zwang

Gemäss der Studie waren «deutlich mehr als 1000 Personen betroffen». Es gebe keine Hinweise, dass besonders verletzliche Patientengruppen systematisch oder überdurchschnittlich häufig von Medikamententests betroffen gewesen wären. Auf Hinweise für Tests an Kindern sei man nicht gestossen.

Indes waren Frauen laut der Studie «generell stärker betroffen» gewesen als Männer. Und auch zwangsweise Eingewiesene seien in klinische Studien involviert gewesen. Die Dokumentation der Studien sei zudem recht lückenhaft, speziell vor 1970. Es habe ein breites Spektrum gegeben, was die Probanden wussten und wie sie kooperierten.

Wegen der schlechten Quellenlage ist laut UPK heute unklar, ob die betroffenen Probanden wussten, dass sie nicht zugelassene Stoffe erhielten. Die Studie schreibt von einer «engen Kooperation mit der pharmazeutischen Industrie» durch die Klinik, die jedoch «mangels Quellenzugang» nicht im Detail habe beleuchtet werden können.

Menschen-Experimente in «Grauzone»

Die UPK verweisen auf die «damaligen politischen und gesellschaftlichen Hintergründe»: Die klinische Forschung sei in der Schweiz noch nicht einheitlich etabliert gewesen. Die Einführung medizinischer Wirkstoffe sei kein gerader Weg gewesen, sondern «glich eher einer Suchbewegung mit stark experimentellen Zügen».

Erst mit dem Heilmittelgesetz aus dem Jahr 2000 seien klinische Versuche auf Gesetzesebene umfassend geregelt worden. Für die Zeit zwischen 1950 und 1980 schreiben die UPK von einer «Situation mit vielen Graubereichen».

Die PUK-Nachfolgerinnen UPK – sie sind im Besitz des Kantons Basel-Stadt, aber aus der Verwaltung ausgegliedert worden – haben die ganze Studie im Internet publiziert.

Die Studie im PDF: Medikamentenprüfungen an der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel 1953–1980

Konversation

  1. Die Akten müssten eigentlich von zwei Seiten einsehbar sein, da die Versuchspillen ja nicht in der Küche der PUK gebraut wurden.
    – Ein wesentlicher Anteil der späteren Antidepressiva (Anafranil, Tofranil, Ludiomil)) sind heute unter Novartis gelistet und waren früher Produkte der Ciba Geigy.
    Da könnte also auch noch ein altes Firmenarchiv existieren, waren die neuen Medikamente doch anfangs unter Patentschutz.

    – Eine einigermassen sich als wissenschaftlich gebende Universitätspsychiatrie müsste eigentlich in der Lage sein, die damaligen Irrungen und Wirrungen in der Forschung nachzeichnen zu können. Da müssten Forschungsprotiokolle existieren, irgendwelche Notizen, welcher Stoff nun besser wirkt und welcher nix wirkt, Angaben über die Wirklatenz, wesentliche Nebenwirkungen, die ja dann auch in die Beipackzettel einflossen und welche Kombinationen sich dann als besonders wirksam heraus stellten.

    – In Basel galt die Infusion Anafranil-Ludiomil als besonders gut.
    – Auch Herr Prof. Pöldinger war in der Medikamentenforschung tätig.
    – Es gab auch Selbstversuche: Die von Herrn Albert Hofmann sind gut bekannt:

    Hier der Link:
    https://de.wikipedia.org/wiki/LSD

    Im Text wird die damalige Sandoz erwähnt.
    Auch von dort wäre eigentlich noch eine Art Geschichtsbuch fällig.

    Es ist wichtig, dass diese Geschichte von den Deckelbädern, verzweifelten Insulinkuren und Elektroschocks wohl auch aus Verzweiflung der damaligen Psyhiatrie heraus und der Weg in die heutige neue Psychiatrie gründlich nachgezeichnet würde.

    Eins muss man der Psychiatrie lassen:
    Hexen und Ähnliches wurde da nie verbrannt. Dies geschah unter „Laien“.
    Die braune Nazipsychiatrie und der politische Missbrauch der Psychiatrie ist aber auch hier eine traurige Ausnahme, aber auch Teil der Geschichte.

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    1. Sie reiten hier dieselbe entschuldigende Linie wie die Pharmaindustrie.
      Mit dem nun in verschiedenen Medien behaupteten bis heute andauernden Gebrauch gewisser Stoffe und Kombinationen lässt sich hervorragend verbergen, wieviele Einzelversuche nötig waren, um nur schon die verträgliche Menge des verabreichten Stoffes zu ermitteln.

      Wie klar wird im verlinkten pdf besteht die ganze Untersuchung grösstenteils aus einer Auflistung von Archivlücken, Verweigerungen der Einsichtnahmen, Nichtverwerten von Aktenbeständen wegen Zeitmangel (!!!) etc..

      Die Nazipsychiatrie, die vorbereitet wurde von der akademischen Blüte Deutschlands seit den 1880er Jahren und vorallem die kommunistische Zwangspsychiatrie – teilweise noch in Überbleibseln in Anwendung in gewissen Nachfolgestaaten der UdSSR sind mitnichten eine „traurige Ausnahme“.

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    2. @ Hr. Fischer:
      Ihre Freundlichkeit würde Sie eigentlich als Schweizerischen Tourismusdirektor prädestinieren.
      Ich hatte in meinem Text nicht im Sinne, da jemanden zu entschuldigen, auch wenn mein Text halt nicht so feurig geschrieben ist wie der Ihre.

      Andererseits, die Aufarbeitung von Geschichte in der Schweiz ist oft eine Sache die eines auswärtigen Impulses bedarf und bedurfte.

      Naja, wer kein Geschichtsbewusstsein hat, kann auch auf die eigene Geschichte nicht stolz sein.

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    3. Wohl etwas zu feurig für Sie ? Bitte um Entschuldigung, war nicht persönlich gemeint.
      Stimme Ihnen zu, dass Impulse für eine saubere Aufarbeitung wohl von aussen etwas „angefeuert“ werden müssten. Allerdings eher nicht in Form einer Auftragsarbeit wie dieser hier, bei der der Endzweck wohl schon vor Beginn feststand.
      Aber wen soll man nehmen in einem kleinen Land wie der CH ? Ich wüsste in Basel keinen Historiker, der den Mut hätte, gegen die Pharma und den Staat anzutreten. Übrigens oberpeinlich wie sich der gar christliche „Gesundheitsminister“ im Fernsehen aus der Verantwortung gewunden hat.

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    4. @fischer g.
      stossend/typisch, dass die untersuchungsperiode so angelegt wurde, dass allenfalls strafrechtsrelevante vorgänge inzwischen ganz bestimmt verjährt sind (wohl mit dem argument des persönlichkeitsschutzes der patientenschaft, seufz!).
      mein vorschlag: mal abgesehen vom schier unbegrenzten synergiebedürfnis zwischen pharma und klinik – zumindest sollte man den pathologischen experimentier- und profiliertrieb nachträglich ins palmares (pschyrumpel) der ernsthaften psychischen erkrankungen aufnehmen. davon hätten dann auch die heutigen patienten was …

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    5. @chröttli.
      Möge sie alle die Steinlaus fressen !
      Wärs nicht so traurig, könnte man in Zürich ja nachfragen, ob sie einen unterbeschäftigten Medizinhistoriker kennen; er könnte dann seine Resultate in den Herrliberger Nöischten veröffentlichen.

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    6. @ Ihr beiden:
      und alle anderen auch:
      Ich glaube, es gibt ein Recht auf Geschichte, die eigene Geschichte, weil sie hier statt fand und auch, um aus der Geschichte doch ein „Lernrecht“ ableiten zu können, d.h. die Möglichkeit, es besser zu machen. Diese Geschichte ist ein Teil des lokalen Bewusstseins und hat damit in der Aufarbeitung öffentlich zu sein. Einen „Geheimgeschichte“ ist eine Fake- oder Lügengeschichte, die auch schadet, weil eben die Refglektion über die eigene Vergangenheit so nicht möglich ist.

      Deshalb gehört nach Palermo ein Mafia-Museum, nach Berlin ein Spionage und Mauermuseum und in die Schweiz auch ein Flüchtlinge-Wegschick-Museum sowie hier eiun ehrliches Psychopharma-Geschichtsmuseum, wo auch die menschlichen „Versuchskarnikel“ zu Wort kommen können.

      Nur so ein Psychopharmaka-Geschichtsmuseum verhindert, dass wieder in ähnlicher Art mit Menschen, d.h. mit psychisch Kranken experimentiert wird, ohne sie zu fragen.
      Öffentlichkeit auch schwierigerer Dinge ist so eine wesentliche Stufe in der Zivilisationsentwicklung, weil sie deren heimliche Wiederholung verhindert.

      Für die Pharmaindustrie ist so nur möglich, vom Quacksalber-Image weg zu kommen, die heimlich Menschenexperimente macht, um so schnell und illegal zu auch unwahren Resultaten zu kommen. Die Geschichte eines Medikaments darf doch offen sein, weil sie halt so war.
      Ansonsten hätten wir ja heute das Medikament nicht.

      Also: Die Basler haben ein Recht auch auf ihre Psychopharmazie-Geschichte.

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  2. Danke Herr Fischer für ihren teilnehmenden Komentar! Ich brauchte keinen Mut, vielmehr musste ich meiner Wut und der dahinter liegenden Trauer Platz machen indem ich schrieb!
    Das mit der Recherche kann man vergessen! Schon dazumal wurde vertuscht und ich vermute, dass seither viele Akten von Patienten ( gezielt ) im Schredder endeten!
    Jahrelang haben wir versucht, herauszufinden, was wirklich passiert ist und damit der Bitterkeit, dievor allem meine Eltern schlucken mussten, entgegen zu wirken. Nach Jahren konnten meine Eltern (auch Dank unserem starken Familienzusammenhalt und dem äusserst liebevollen Wesen meines Bruders ) die Situation annehmen, wie sie war und dabei noch anderen Menschen mit ihrer Freundlichkeit und Herzlichkeit
    beistehen. Ich denke im jetzigen Moment an all die anderen Geschädigten, die keine Unterstützung und Hilfe bekommen haben.

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  3. Ich bewundere Ihren Mut und Ihre Offenheit.
    Ich wünschte mir, dass es in Basel Medien gäbe, z.B. eine Zeitung, die einem solchen Fall vertieft nachgehen würden; aber leider ist zu befürchten, dass in Basel überhaupt keine wirkliche Aufklärung betrieben werden soll, da man in gewissen Kreisen ja jetzt schon Mühe mit dem Öffentlichkeitsgesetz hat und dies hintertreibt wos nur geht.

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