Brandgefährliches Weil am Rhein

Basels deutsche Nachbarstadt führt mit grossem Abstand die Kriminalitätsstatistik von Baden-Württemberg an. Die Weiler aber fühlen sich in ihrer vermeintlichen Verbrechenshochburg nicht unsicherer als andere Baden-Württemberger. Seltsam? Ein Blick in die Statistik kann einiges erklären.

Über die Grenze werden nicht nur Waffen geschmuggelt. (Bild: ddp)

Basels deutsche Nachbarstadt führt mit grossem Abstand die Kriminalitätsstatistik von Baden-Württemberg an. Die Weiler aber fühlen sich in ihrer vermeintlichen Verbrechenshochburg nicht unsicherer als andere Baden-Württemberger. Seltsam? Ein Blick in die Statistik kann einiges erklären.

In Weil am Rhein werden mehr Verbrechen begangen als an jedem anderen Ort Baden-Württembergs. Wesentlich mehr. Die Kriminalitätsstatistik, die die Polizei mit deutscher Gründlichkeit Jahr für Jahr erhebt, zeigt das deutlich. Alle in einem Landkreis oder einer Stadt registrierten Straftaten werden dort erfasst und auf ihre Häufigkeit pro 100 000 Einwohner umgerechnet. Das knapp 30 000 Einwohner zählende Städtchen Weil liegt mit gros­sem Abstand auf Platz eins mit (auf 100 000 Einwohner umgerechneten) 23 496 Straftaten. Kehl folgt mit «nur» 16 029 Straftaten auf Platz zwei.

Dagegen sind Metropolen wie Stuttgart oder Karlsruhe, bei denen man eher hohe Kriminalitätsraten erwarten würde, weit abgeschlagen. Fast ein Wunder, dass die Weiler sich überhaupt noch auf die Strasse wagen? So einfach ist das Ganze dann doch nicht – unbestechliche und selbstredend korrekt erhobene Statistik hin oder her.

Eine durchschnittliche Stadt

Dietrich Oberwittler, Forscher am Max-Planck- Institut für ausländisches und internationales Strafrecht, hat sich im vergangenen Jahr die Verbrechenszahlen von ganz Baden-Württemberg aus den Jahren 2003–2007 vorgenommen und sie eingehend analysiert. Aus seiner Studie stammen auch die oben genannten Durchschnittszahlen. Schnell wird klar: Eigentlich wäre Weil eine eher durchschnittliche Stadt – läge es nicht an der Grenze.

Wohnungseinbrüche sind an der Grenze zu Frankreich häufiger, weil sich die Täter bessere Fluchtmöglichkeiten versprechen. Der Hauptgrund aber sind sie nicht. Auch nicht, dass in Weil womöglich besonders vielen älteren Damen die Handtaschen entrissen würden.

Die Weiler fühlen sich keineswegs als Einwohner einer Verbrechenshochburg. Im Gegenteil: Von einem grossen Anteil der Straftaten bekommen sie ganz einfach gar nichts mit.

Wie das kommt? Viele können überhaupt nur hier begangen werden und sorgen dann auch noch für den unrühmlichen ersten Platz. Was sich hier statistisch so enorm niederschlägt, ist der Fleiss von Zoll und Bundespolizei. Die im Jargon so schön «opferlose Delikte» genannten Straftaten lassen den Zähler nach oben schnellen: Warenschmuggel, Drogendelikte, Passvergehen etwa.

Satte 52 Prozent

All diese Delikte sind, so sagt Oberwittler, «subjektiv für die Einwohner nicht wahrnehmbar und beeinträchtigen das Sicherheitsgefühl nicht. Sie machen den Löwenanteil der gesamten registrierten Straftaten aus – satte 52 Prozent.» Nebenbei ergänzt Dietrich Oberwittler: «Zudem haben nicht wenige Alkohol- oder Drogensünder am Steuer das Pech, am Zöllner vorbeifahren zu müssen. Sie wären an einem anderen Ort womöglich dem Auge des Gesetzes entgangen.»

Er relativiert aber auch: Auch ohne Grenze hätte Weil am Rhein eine höhere Belastung als vergleichbare Städte. Das liegt an der Wirtschafts- und Sozial­struktur, die eher industriell geprägt ist und dafür sorgt, dass Weil eher zu den ärmeren Städten zählt.

Die Studie wurde zwar erst vor wenigen Monaten veröffentlicht, die Zahlen dafür aber stammen, wie oben erwähnt, aus den Jahren 2003–2007. Gehen wir daher noch ein aktuelleres Bild direkt bei der Polizei einholen. Andreas Nagy, Polizeihauptkommissar bei der Polizeidirektion Lörrach, bestätigt den Trend: «Es gibt hier durchaus mehr Straftaten als im Durchschnitt. Auch ohne die Taten, die Zoll und Bundespolizei registrieren, liegt der Bezirk Lörrach, zu dem Weil gehört, seit Jahren konstant auf Platz vier in Baden-Württemberg – hinter den Metropolen Stuttgart, Mannheim und Freiburg.» Den Grossteil machen grenzspezifische Taten wie Ladendiebstähle oder Einbrüche aus. Die Chancen, erfolgreich ins Ausland zu flüchten, sind einfach grösser.

Nagy berichtet: «Beliebt sind zudem Betrügereien mit wertlosem ‹Autobahngold›, gefälschtem Schmuck also. Die Masche findet allerdings auf dem gesamten Autobahnnetz ihre Opfer, ebenso wie der Verkauf minderwertiger Lederjacken. Sie werden mit dem Argument, man könne sie nicht über die Grenze mitnehmen und verkaufe sie daher billig, Gutgläubigen aufgeschwatzt.» Weil sei dank seiner Lage direkt am Grenzübergang prädestiniert für solche Betrügereien, die erstaunlich häufig funktionierten, da die Betrüger psychologisch sehr geschickt vorgingen. Kontrolldelikte wie Passvergehen gingen seit Schengen massiv zurück, denn sie werden nur sichtbar, wenn die Polizei tatsächlich aktiv kontrolliert.

Kurz: In Weil ist alles im grünen Bereich, mag die Statistik auch noch so verheerend aussehen. Kommt dazu, dass Baden-Württemberg die zweitniedrigste Straftatenhäufigkeit in ganz Deutschland hat.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 17.02.12

Konversation

Nächster Artikel