Deutscher Alt-Kanzler Helmut Kohl 87-jährig gestorben

Trauer um einen grossen Staatsmann: Helmut Kohl, der Kanzler der deutschen Wiedervereinigung und Wegbereiter der Europäischen Union, ist im Alter von 87 Jahren gestorben. Die Welt verliert eine prägende Persönlichkeit der Nachkriegszeit.

Als Folge eines schweren Sturzes war Helmut Kohl seit 2008 gesundheitlich schwer angeschlagen. Nun ist der Alt-Bundeskanzler gestorben. (Archiv)

Trauer um einen grossen Staatsmann: Helmut Kohl, der Kanzler der deutschen Wiedervereinigung und Wegbereiter der Europäischen Union, ist im Alter von 87 Jahren gestorben. Die Welt verliert eine prägende Persönlichkeit der Nachkriegszeit.

Der langjährige CDU-Vorsitzende starb im Alter von Jahren am 87 Jahren. Zuerst hatte die «Bild»-Zeitung darüber berichtet.

Den Angaben zufolge starb Kohl am Morgen in seinem Haus in Ludwigshafen. Seit einem Sturz und Schädel-Hirn-Trauma 2008 war er schwer krank, sass im Rollstuhl und konnte nur schwer sprechen. 2015 hatte sich sein Zustand deutlich verschlechtert.

Nach Operationen lag er monatelang im Spital. Im Herbst kehrte Kohl aber wieder in sein Haus in Ludwigshafen-Oggersheim zurück, wo er zuletzt im April 2016 noch Ungarns Ministerpräsidenten Viktor Orban empfing.

Lob aus allen politischen Lagern

Die CSU trauert um den langjährigen Vorsitzenden ihrer Schwesterpartei CDU. «Helmut Kohl war ein grosser Staatsmann, seine Verdienste um unser Land sind unschätzbar», twitterten die Christsozialen mitsamt einem Schwarz-Weiss-Foto des früheren CDU-Parteichefs.

Der deutsche Aussenminister Sigmar Gabriel (SPD) nannte Kohl einen «grossen Staatsmann». Vor allem sei Kohl «ein grosser Europäer» gewesen.

Er habe sehr viel dafür getan, «dass nicht nur die Deutsche Einheit gekommen ist, sondern auch dass Europa zusammengewachsen ist», teilte Gabriel mit. Das sei Kohls grosses Vermächtnis. «Es ist ein wirklich grosser Deutscher gestorben.»

Auch vom deutschen Grünen-Chef Cem Özdemir erhielt Kohl die Würdigung als «grosser Europäer». Kohls Name werde für immer in Verbindung stehen mit «einem der grossartigsten Nachkriegsprojekte – der deutschen Wiedervereinigung.»

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker liess im Gedenken an Helmut Kohl die Europaflaggen vor den europäischen Institutionen auf halbmast setzen. «Ohne Helmut Kohl gäbe es den Euro nicht», sagte Juncker. Nur drei Menschen, Jean Monnet, Jacques Delors und Helmut Kohl hätten für ihre Verdienste für die europäische Zusammenarbeit die Ehrenbürgerschaft Europas erhalten, erinnerte er.

Mann der Rekorde

Kohl hat Deutschland von 1982 bis 1998 als Bundeskanzler regiert – 16 Jahre, so lange wie bisher niemand vor und nach ihm. Er war treibende Kraft für die EU und eine gemeinsame Währung.

Als sein grösster Erfolg gilt aber die deutsche Wiedervereinigung. Kohl erkannte nach der friedlichen Revolution in der DDR 1989, dass das Fenster für die deutsche Einheit nur kurz geöffnet sein würde. Unter Hochdruck handelte er mit den Staats- und Regierungschefs der USA, der Sowjetunion, Grossbritanniens, Frankreichs sowie den Verantwortlichen der Europäischen Union die Modalitäten dafür aus.

Kohl war ein Mann der politischen Rekorde: Von 1973 bis 1998 war er CDU-Vorsitzender – eine 25-jährige Amtszeit dürfte in der Partei nur schwer noch einmal zu erreichen sein.

Angespanntes Verhältnis zu Merkel

Bundeskanzlerin Angela Merkel führt die Christdemokraten seit 17 Jahren. Kohl war Anfang der 90er Jahre ihr Ziehvater in Bundesregierung und Partei gewesen.

Aber sie war es, die Ende der 90er Jahre als damalige CDU-Generalsekretärin die Partei wegen der Spendenaffäre, in die Kohl massgeblich verwickelt war, zur Loslösung vom Übervater aufforderte. Das Verhältnis der beiden blieb bis zuletzt erschüttert.

Mehr als 40 Jahre war der geborene Ludwigshafener Parlamentarier, zuerst im Mainzer Landtag und von 1976 an im Bundestag. Sieben Jahre – von 1969 bis 1976 – war Kohl Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz.

1960 heiratete er die Dolmetscherin Hannelore Renner. Das Ehepaar bekam zwei Söhne – Walter und Peter. 2001 nahm sich Hannelore Kohl, die an einer schmerzhaften Lichtallergie litt, das Leben. Sieben Jahre später schloss Kohl seine zweite Ehe mit der 34 Jahre jüngeren Regierungsdirektorin Maike Richter.

Konversation

  1. n den historischen Ereignissen im Jahr 1989 und im damit verbundenen Mauerfall erkannte Kohl richtigerweise die Chance seiner bisherigen Belanglosigkeit als Kanzler endlich die ersehnte Bedeutung zu verleihen. Bis an sein Lebensende arbeitete er verbittert daran, den Zufall zum richtigen Zeitpunkt im richtigen Amtssessel gesessen zu habe zu kaschieren und die damaligen Ereignisse, die nun mal ihren Lauf nahmen, dahingehen umzumünzen, dass sie im wesentlichen Dank seiner genialen politischen Strategie und Planung Realität werden konnte. Das er damit den Kampf und die grosse Leistung der Bürgerrechtler der damaligen DDR und vieler anderer desavouiert und sie dadurch in die Bedeutungslosigkeit abdrängt ist beschämend und entwürdigend. Selbst der deutsche Altbundespräsident Walter Scheel (FDP) befand die Bezeichnung „Kohl, Kanzler der Einheit“ mehr falsch als richtig. Heute wissen wir, dass keiner die revolutionäre Entwicklung aus der Bevölkerung heraus und das Glück der daraus möglich gewordenen deutschen Einheit voraussehen konnte.

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  2. Wenn man sich in Erinnerung ruft, wie massgebliche Teile der SPD (Lafontaine) gegen eine Wiedervereinigung waren, so bezweifle ich stark, dass ein SPD-Kanzler die Wiedervereinigung so zügig voran trieb.

    Das 10-Punkte-Programm war Kohls ganz grosse Leistung. Auch sein Verhandlungsgeschick gerade mit der damaligen UdSSR. Ihm jegliche historische Leistung abzusprechen, ist ein Witz. Aber ja, er kommt wohl aus den Augen des Kritikers halt aus der falschen Partei. Also ist man absolut gegen ihn.

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  3. @ Martin 3:
    So gehen nun mal die Meinungen auseinander, das scheint naturgegeben.
    Im Gegensatz zu Merkel war es Kohl’s zentrales Anliegen staatsmännisches Gewicht zu erlangen. Da folgte er tatsächlich einer klaren Linie, der er beharrlich und mit grossem, strebsamem Erfolg bis zuletzt treu blieb. Merkel gelobt dem Volk keine „blühenden Landschaften“ sondern erklärt einfach, „wir schaffen das“. Diese beiden Versprechen von Kohl und Merkel beschreiben die unterschiedliche Grundhaltung durchaus treffend. Auf Kohls Vision folgten 8 Jahre Deutsche Depression. Nach Merkel’s Statement erkennen wir heute ein Deutschland, erfolgreich wie noch nie zuvor in seiner Geschichte. „Blühende Landschaften“ ist wahrlich staatsmännischer und wohl von Mao Zedong inspiriert, als das äusserst pragmatische „wir schaffen das“ von Frau Merkel. Heute wissen wir, Kohl hatte die schlichte Gnade zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Wem es zu mühsam erscheint, die komplexen Entscheidungsgrundlagen von Frau Merkel zu erahnen, erkennt in ihr vielleicht wirklich nur eine Windfahne. Immerhin nehmen selbst die deutschen Sozialdemokraten zur Kenntnis, dass es keine absehbare Alternative zu dieser klug und mit Bedacht agierenden Ausnahmeerscheinung geben wird. Unsere Sorge heute gilt diesen anderen Staatsmännern aus altem Schrott und Korn. Wir treffen sie in den USA, in der Türkei, in Russland und anderswo.

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    1. @ Martin 3:
      Das mit Schwermut erfüllte Trauerspiel um die richtige Form von Kohls Abdankungszeremonie erfolgt ganz im Sinn und Geiste dieses grossen Staatsmannes. Das Narzistische steht im Mittelpunkt und die eigentliche Sache hat sich notgedrungen zu bescheiden.

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  4. «Der Spiegel» titelte: «Der schwarze Riese» (und hätte auch titeln können: «Die bleierne Zeit II».

    Nun ist er selbst also endgültig dort angekommen, wonach er alle seine Handlungen ausrichtete: In der Geschichte (und die, die hält ihn aus).

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  5. Es war tatsächlich eine bleierne Zeit unter Kohl.
    Wer die Chance hat und heute aus eigenem Erleben den Vergleich zwischen Merkel und Kohl ziehen kann, den Vergleich ihrer Kompetenz, ihrer Fähigkeit und den komplexen Anforderungen an diese Kanzlerschaft, kann sehr wohl zu diesem Schluss kommen. Da liegen Welten dazwischen und der schwarze Riese wird zu einem kleinem Gemüse auf dem Acker der Geschichte.

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    1. Das soll wohl ein schlechter Witz sein. Sie wollen doch nicht ernsthaft die Windfahne Merkel mit Staatsmännern vom Kaliber eines Kohls oder Genschers vergleichen? Unter Kohl brach eine jahrzehntelange Weltordnung – relativ unblutig – zusammen. Dagegen ist die Euro-, Griechenland, Flüchtlingskrise und wie sie alle heissen ein laues Lüftchen. Und so nebenbei, Merkel hat bis dato noch keiner dieser Störrungen auch nur im Ansatz nachhaltig bewältig. Soviel zu Ihren „komplexen Anforderungen“. Kohl hatte eine Linie und bot daher viel Angriffsfläche. Ob man diese Linie mochte? Das ist eine andere Frage.

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