Die Fadistas des 21. Jahrhunderts

Der Fado ist nicht nur Ausdruck der portugiesischen Volksseele, sondern wurde 2011 von der Unesco gar in der Kategorie «immaterielles Welterbe» als schützenswert befunden. Heuer treten gleich zwei herausragende Fado-Sängerinnen in Basel auf: Ana Moura (Jazzfestival) und Carminho (Stimmen): Wir machen Appetit auf dieses einzigartige Musikgenre. Der Fado ist nicht nur Ausdruck der portugiesischen Volksseele, […]

Bringt den Fado ins Foyer des Basler Theaters: Ana Moura.

Der Fado ist nicht nur Ausdruck der portugiesischen Volksseele, sondern wurde 2011 von der Unesco gar in der Kategorie «immaterielles Welterbe» als schützenswert befunden. Heuer treten gleich zwei herausragende Fado-Sängerinnen in Basel auf: Ana Moura (Jazzfestival) und Carminho (Stimmen): Wir machen Appetit auf dieses einzigartige Musikgenre.

Der Fado ist nicht nur Ausdruck der portugiesischen Volksseele, sondern wurde 2011 von der Unesco gar in der Kategorie «immaterielles Welterbe» als schützenswert befunden. Seine Anfänge gehen rund 200 Jahre zurück, als sich in den Lissabonner Armenvierteln ein musikalischer Hybrid herauskristallisierte, über dessen Wurzeln sich bis heute Musikologen streiten. Nährstoffe hat der Fado wohl Brasilien, aber auch den Mauren zu verdanken.

Unstillbare Sehnsucht

Die expressiven Gesänge über unstillbare Sehnsucht, verlorene Liebe, Enttäuschung, Schicksal, Leidenschaft und Schmerz, aber auch über die Volksbräuche und Jahresfeste werden begleitet vom klagend-perlenden Timbre der Guitarra Portuguesa – sie gibt dem Fado seine typische Farbe. Es ist ein Genre, das sich stetig erneuert und für das Portugals Schriftstellerlegende Fernando Pessoa genauso Verse geliefert hat wie heutzutage die zeitgenössischen Lyriker und Buchautoren. In Portugals Nationalikone Amália Rodrigues kulminierte die Fadokunst über die ganze zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinweg. Nach ihrem Tod 1999 hat sich eine neue Generation von zumeist weiblichen Fadistas formiert, die das Nationalerbe bewahren – manchmal ganz klassisch, manchmal mit Einflüssen aus Rock, Pop und Jazz.

Zwei Festivals werden in der Region Basel von hochrangigen jungen Fadistas beschlossen. Am 10.5. bestreitet Ana Moura das Finalkonzert des Jazzfestivals im Theaterfoyer, am 2.8. und 3.8. ist zum Ausklang von «Stimmen» in Augusta Raurica ihre Kollegin Carminho zu hören. Wir machen mit unserer Listomania Appetit auf dieses einzigartige Musikgenre vom südwestlichen Rande Europas.

1. Ana Moura: «Desfado» (2013)

Sie ist diejenige Fadista der neuen Generation, die Flirts mit anderen Genres nie abgeneigt ist, schliesslich hat sie schon mit den Rolling Stones und Prince auf der Bühne gestanden. Ihre neueste CD «Desfado» liess sie von Larry Klein produzieren, Herbie Hancock und Bassist David Piltch verleihen dem Repertoire jazzige Akzente. Auch nach Basel bringt ihre Band «Grupo Lisboa» neben den traditionellen Instrumenten Keyboards und Drums mit. In unserem Video singt sie das Titelstück ihrer neuen fünften CD allerdings in ganz klassischer Besetzung. 

2. Mísia: «Garras Dos Sentidos» (1998)

Mit strengem Pagenschnitt und fast maskenhafter Schminke ist Mísia die Fetischfrau unter den neuen Fadistas. Ihre Bühneninszenierungen sind perfekt durchgestylte Recitals, sie hat die Instrumentierung des Fados mit Streichern bereichert, macht gerne Ausflüge zum Tango, Bolero, Chanson und Pop. Gerne lässt sie sich auch Texte von zeitgenössischen Buchautoren schreiben, wie etwa das Titelstück ihres 1998er-Albums, dessen Verse aus der Feder von Agustina Bessa-Luís stammen.

  

3. Mariza: «Beijo De Saudade» (2008)

Das wasserstoffblonde Energiebündel hat das Charisma eine Popstars und bezeichnet sich selbst selbstbewusst als «Queen». Mit ihren mosambikanischen Wurzeln mütterlicherseits bringt sie das Afroelement in den Fado hinein, hat mit brasilianischen, kapverdischen und orchestralen Farben experimentiert. In ihrem Duett mit dem Sänger Tito Paris aus Cabo Verde verschmilzt Fado mit seinem kreolischen Pendant, der Morna.


4. Joana Amendoeira: «Barco Negro» (2005)

Fado muss nicht immer voller Bitternis sein. Die Interpretin mit dem schönen Namen, der auf Deutsch Johanna Mandelbaum bedeutet, singt hier das tänzerische Lied vom «schwarzen Boot», das auch schon im Repertoire von Amália Rodrigues einen festen Platz hatte. Die Verse entrollen eines der portugiesischen Lieblingsmotive: Die Frau wartet am Strand auf die Rückkehr ihres geliebten Fischers. 

5. Cristina Branco: «Construção»

Zu Beginn ihrer Karriere brachte sie ein fast mädchenhaftes Flair in den neuen Fado hinein. Nach etlichen Alben ist Cristina Branco zu einer der herausragenden Fadistas unserer Tage gereift, die mit Vorliebe auch internationale Songwriter aufgreift, etwa Joni Mitchell, Poesie von Shakespeare vertont oder ins Tango-Fach wechselt. In unserem Video hat sie einen der Klassiker des Brasilianers Chico Buarque adaptiert.


6. Cuca Roseta: «Fado De Cansaço» (2014)

Den Start im Genre hatte sie durch einen Auftritt in Carlos Sauras «Fado»-Film, ihre Wurzeln allerdings liegen in der Rockmusik. Entdeckt hat sie der argentinische Starproduzent Gustavo Santaolalla, ihr neues Album «Raíz» (Wurzel) wurde vom Jazzer Mário Barreiros produziert. In Portugal platzieren sich ihre CDs in den Top 10, bei uns ist sie noch unbekannt. Sie könnte also die nächste Fado-Entdeckung für den internationalen Markt werden.    



7. Carminho: «Escrevi O Teu Nome No Vento» (2011)

Die 29-Jährige ist das derzeit grösste Phänomen der portugiesischen Musikszene überhaupt. Niemand singt und lebt den Fado so intensiv wie Carminho. Ihre Konzerte sind erschütternde Ereignisse voll expressiver Leidenschaft. Wenn es eine legitime Nachfolgerin der 1999 verstorbenen Amália Rodrigues gibt, dann ist es ohne Zweifel sie. Dabei ist sie nicht streng aufs Fadofach festgelegt – sie sang genauso mit den Brasilianern Chico Buarque und Milton Nascimento und hatte mit dem spanischen Popstar Pablo Alborán den Nummer-1-Hit «Perdonamé». Anfang August wird sie mit ihrem eigenen Ensemble und der Basler Sinfonietta im Römertheater Augusta Raurica auftreten. 


Konversation

  1. Was für eine schöne Zusammenstellung von tollen Stimmen. Es sei allen Musikfreunden wärmstens empfohlen, diese Clips anzuschauen und anzuhören!
    Nicht aus Besserwisserei sondern aus echter Bewunderung möchte ich einen Namen ergänzen: Dulce Pontes. Sie ist dem Fado am nächsten und trägt ihn gleichzeitig am konsequentesten in neue Spären hinaus. Wer sich das anhören will, tut das am besten mit einem altmodischen Tonträger: das CD-DVD-Pack „O coraçao tem trés portas“ zeigt auf einigen Live-Tracks bestens, was diese Frau – Sängerin, Pianistin, Tänzerin, Musikerin und Verrückte in einem – draufhat. Auf Youtube habe ich leider nichts gescheites gefunden.

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