Die Katalanen kämpfen noch heute um Anerkennung

Unser Community-Mitglied Alberto Serrallach ist Katalane und lebt in der Schweiz. Er hat eine Replik auf den Artikel von Georg Kreis über Separatismus geschrieben. Ich finde den Artikel über Separatismus von Georg Kreis überheblich. Er lebt in der Schweiz und für ihn ist selbstverständlich, dass er Deutsch sprechen und schreiben darf und seine Kinder in der […]

Für ein unabhängiges Katalonien: Anhänger der «Nationalist Coalition» (CiU).

Unser Community-Mitglied Alberto Serrallach ist Katalane und lebt in der Schweiz. Er hat eine Replik auf den Artikel von Georg Kreis über Separatismus geschrieben.

Ich finde den Artikel über Separatismus von Georg Kreis überheblich. Er lebt in der Schweiz und für ihn ist selbstverständlich, dass er Deutsch sprechen und schreiben darf und seine Kinder in der Schule nicht gezwungen werden, z.B. Rätoromanisch sprechen und schreiben zu müssen!

Irreführender Artikel 

Dazu ist der Artikel irreführend. Er wirft alle aktuellen Unabhängigkeitsbewegungen in Europa in den gleichen Topf. Auch muss ich leider sagen, dass Georg Kreis sich sehr oberflächlich mit dem Thema befasst hat und mit seinen Behauptungen der Sache mehr schadet als nützt. Er hätte die Geschichte der erwähnten Regionen in Europa genauer untersuchen müssen, um zu verstehen, warum es eventuell zu einer solchen Entscheidung im Volk gekommen ist wie etwa im Fall von Katalonien. In seinen Aussagen im Artikel findet man diese nötige Tiefe überhaupt nicht!

Ich bin Katalane und lebe seit mehr als 50 Jahren in der Schweiz. Anfänglich hatte ich mich stets gegen eine solche trennende Bewegung gewehrt. Im Laufe der Jahre aber lernte ich etwas sehr Wichtiges in der Schweiz kennen und schätzen: Dass im gleichen Land vier verschiedene Kulturen existieren und diese friedlich miteinander leben können, nämlich die schweizerdeutsche, die französische, die italienische und die rätoromanische Kultur..

Dazu kommt, dass diese Kulturen im Land geschätzt werden und mit allen Mitteln probiert wird, diesen Zustand aufrechtzuerhalten. Die vier Kulturen sind im Parlament vertreten, werden respektiert und auch vom grössten Teil des Schweizer Volkes unterstützt! Erst diese Erkenntnis hat mich dazu geführt, zu untersuchen, warum dieser Respekt und dieses Wohlwollen gegenüber der Kulturenvielfalt in Spanien nicht existiert, unvorstellbar ist und stets negiert wird.

Die katalanische Kultur und Sprache werden auch heute noch nicht vollständig anerkannt

Um das zu verstehen, habe ich mich in die spanische Geschichte hineingearbeitet und herausgefunden: Der Hass gegen Katalonien, seine Kultur und die sehr alte Sprache begann schon recht früh, nämlich schon bei Karl I. von Habsburg. Später, bei den bourbonischen Königen, steigerte sich der Hass nochmals. Im letzten Jahrhundert hat Francesco Franco während seiner Diktatur (1939-1975) diese destruktive Politik konsequent fortgesetzt.

Dass in Spanien vier verschiedene Sprachen gesprochen werden (Spanisch, Katalanisch, Galizisch und Baskisch) und vier verschiedene Kulturen bestehen, ist von Madrid nie anerkannt und stets missachtet worden – von den Monarchen, den Diktatoren und auch der jetzigen Regierung.

Ich will keine Polemik lostreten, sondern einfach nur erwähnen, dass in Spanien die vielen Regionen sehr verschieden behandelt werden. Dies ist klar, da einige wirtschaftlich besser gestellt sind als andere, und die Bessergestellten die Schwächeren wirtschaftlich unterstützen sollte – wie in der Schweiz. Um diese Solidarität geht es mir hier nicht. Die finde ich korrekt. Mir geht es nur um das Verhältnis dieser Unterstützung. Wie oft im Leben eine Frage des Masses.

Das Verhältnis ist im Falle von Katalonien ziemlich übertrieben und daneben. Katalonien ist die Region, die stets am meisten Steuern bezahlt. Das war schon früher so (unter den früheren Königen, unter der Franco-Diktatur und jetzt bei der heutigen Regierung). Sie wird regelrecht ausgesaugt.

Nur ein paar Beispiele: 

  1. Von den Steuereinnahmen aus Katalonien kommen nur knapp 15 Prozent zurück. Somit reicht die Summe kaum, um die Spesen für Verkehr, Ausbildung, Gesundheit, etc. in Katalonien finanzieren zu können. Viele Projekte müssen deshalb fallengelassen werden, da das Geld einfach fehlt. 
  2. Nur in Katalonien muss man Autobahngebühren bezahlen. Im Rest Spaniens ist die Nutzung der Autobahnen gebührenfrei. 
  3. Bei Bahnprojekten kommt Katalonien stets an letzter Stelle, z.B. die Strecke Madrid–Sevilla hat schon seit sehr vielen Jahren eine schnelle Zugverbindung durch den Hochgeschwindigkeitszug AVE. Die Strecke nach Barcelona wurde erst vor Kurzem und nach langem Hin und Her fertiggestellt. Der Anschluss an die EU, Barcelona–Frankreich wurde noch gar nicht gebaut.

Nach der Beendigung der Franco-Diktatur bekamen die verschiedenen Regionen in Spanien einen Teilautonomiestatus (Suarez Regierung). Die katalanische Sprache und Kultur konnten sich dabei relativ rasch erholen und bald wieder in den Schulen und Universitäten unterrichtet werden. Baskisch und Galizisch hatten lange Zeit grosse Mühe, dasselbe zu erreichen. Nun aber will die Regierung in Madrid diese bis heute geduldete (besser als «erlaubte») Zweisprachigkeit rückgängig machen. Sie will erzwingen, dass in Katalonien, sobald auch nur ein spanisch sprechender Schüler in einer Klasse ist, die offizielle Sprache spanisch sein muss. Können Sie, Herr Kreis, sagen, was das ist?

Die Furcht der Katalanen

Es geht in Madrid ausschliesslich darum, dass in Spanien keine andere Kultur geduldet wird als die spanische, die aus dem alten León und Kastilien stammt. Gleiches wurde schon vor mehr als 500 Jahren in Zentral- und Südamerika blutig durchgesetzt. Jene Kulturen kann man heute nur in Museen betrachten! Das lassen wir Katalanen nicht mit uns machen! 

Sie, Herr Kreis, würden sich mit Ihrer Feder genau so wehren, wenn dasselbe den hiesigen Kulturen drohen würde.

Konversation

  1. Selbst die Wahrheit tut ihrem Dünkel keinen Abbruch.

    Ein gutes Beispiel dafür liegt ja um uns herum. Und ein Ende ist nicht in Sicht.

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  2. Ich habe mir erlaubt,gestern den Artikel von Herrn Kreis kritisch zu kommentieren – und habe dabei u.a. auf Katalonien hingewiesen.
    Hier schreibt jemand, der als Katalane weiss und wohl konkret erlebt hat, wie man dort durch spanische „Zentralisten“ drangsaliert wurde.
    Danke für diesen Artikel.

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  3. Herzlich Dank für die Katalonien-Geschichte! Sie brachte mich erneut zum Artikel des Herrn Kreis, der die unterschiedlichen selbständig wollenden Regionen schon nur in ein schlechtes Licht stellt. Hingegen gut ist die Darstellung mit Europa im Hintergrund, das sich natürlich nicht in die internen Angelegenheiten der Mitgliederstaaten mischen kann. Die Geschichte gewisser Regionen ist aber schon nicht schön und gerecht. Wenn ich z.B. ans Elsass denke.. Ich meine, dass die Europa-Staaten es sich eigentlich leisten könnten, gewisse Regionen mehr Autonomie zu geben, natürlich vorausgesetzt, dass am Schluss alle Finanzen stimmen, was offenbar in Katalonien nicht der Fall ist. Spanien – um bei diesem Konflikt zu bleiben -, müsste mit Katalonien so umgehen wie Europa mit Spanien, d.h. der Region Autonomie verleihen, aber gleichzeitig auf gerechter Weise von Katalonien Unterstützung für die ärmeren Regios von Spanien verlangen.. Die Regios sollten also von Europa gehört und ernstgenommen werden!!!

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  4. dass man ejde Region historisch, wirtschaftlich und kulturell seperat betrachten und bewerten muss.

    Katalonien ist nicht Süd-Tirol, Süd-Tirol ist nicht Venetien, Venetien ist nicht das Baskenland etc.

    Eine tolle Serie in der Tageswoche wäre jetzt, dass man jede Woche eine solche Region in einem ausführlichen Artikel vorstellt. Das wäre doch wunderbarer Hintergrundjournalismus, wie ihn die Tageswoche noch bringen könnte!

    Süd-Tirol
    Das Baskenland
    Korsika
    Katalonien (gut, das wurde jetzt erledigt)
    Aland-Inseln
    Padanien
    Belgien
    Schottland, Wales, Nordirland
    etc.

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