Die Lower East Side von New York: Wo die Gentrifizierung erst begonnen hat

Wer New York besucht, sollte auch Zeit für den Besuch der Lower East Side einplanen. Denn hier erlebt man in Echtzeit, wie ein Immigrantenquartier gentrifiziert wird.

(Bild: Marc Krebs)

Wer New York besucht, sollte auch Zeit für den Besuch der Lower East Side einplanen. Einst die verruchteste Ecke Manhattans, erlebt man hier in Echtzeit, wie das Immigrantenquartier gentrifiziert wird: Chinesische Wäschereien stehen neben jungen Kunstgalerien, jüdische Traditionsläden neben mexikanischen Restaurants und hippen Bars. Williamsburg war gestern, jetzt kommt LES.

Sie ist die vielleicht letzte Ecke Manhattans, die noch nicht komplett gentrifiziert worden ist: die Lower East Side. Hier, im südöstlichen Zipfel, wirkt die Insel New Yorks entschleunigt, ja, teilweise noch wie eine Vorstadt. Die Strassen sind nicht so herausgeputzt wie in Chelsea und die Gebäude nicht so künstlich gläsern und riesig wie im Wall-Street-Viertel und in Midtown.

Man sieht die Sonne also länger als eine Stunde pro Tag. Was nicht heisst, dass man die Lower East Side, die von den Einheimischen schlicht «LES» abgekürzt wird, mit Williamsburg (Brooklyn) vergleichen kann. Denn dort zahlt man heute den Preis für zehn Jahre Hipster-Kultur: Eine schöne Ein-Zimmer-Wohnung könne gut und gerne 2000 Dollar im Monat kosten, erzählt uns Jimi Billingsley, ein Kunstfotograf, der beide Enden der Williamsburg Bridge gut kennt.

Die Mietzinsen in Williamsburg können sich heute nur noch jene Zuzüger leisten, die nicht von ihrer Kunst allein leben müssen. In der Lower East Side ist die Aufwertung noch nicht ganz so weit fortgeschritten. Und das macht den grossen Reiz dieser Gegend aus. Koscher essen? Kein Problem. Chinesisch reden? In manchen Strassen Pflicht.

Chinesische und jüdische Traditionen treffen auf Hipster-Bars 

In der Orchard Street etwa vermischen sich die Kulturen auf wenigen Metern: Zu Beginn der Strasse begegnet man noch einem Ausläufer von Chinatown, mit Grümschelläden und Wäschereien. Es folgen jüdische Kleiderläden und coole Cafés und Bistros (Organic Food wohin man schaut) sowie Kunstgalerien.

Einkaufstipps gibt es viele: Der Canal Street sollte man entlanggehen, der Broom Street ebenfalls. Wer auf Lampen steht und sich fragt, wo die in Europa angesagten Retro-Glühbirnen herkommen, wird in der Bowery Street fündig, wo sich ein Lampenladen an den nächsten reiht. Und wer Hollywood-Erinnerungen wecken möchte, isst einen Hot Dog in Katz’s Delicatessen, jenem Restaurant, das durch die Orgasmus-Imitationsszene in «When Harry Met Sally» legendär geworden ist.

 

Kunst kaufen ist kein Problem in diesem Bezirk, in den sich viele Leute vor dem Millenniumswechsel kaum hineingetraut haben. Denn früher galt die Ecke als die verruchteste von ganz Manhattan. Entsprechend überrascht waren viele New Yorker, als das New Museum 2002 ankündigte, an die Bowery Street zu ziehen. Das Umfeld zählte gerade mal ein knappes Dutzend Galerien. Wie hat Bob Dylan doch schon vor langer Zeit prophezeit: «The Times They Are A Changin‘!»

Heute finden sich 100 Kunstgalerien in der Lower East Side, im Monatstakt poppt eine neue auf, was verdeutlicht: Die Aufwertung ist in vollem Schwung. Sie schlägt sich bereits in den Mietzinsen nieder. Allein in der Orchard Street sollen sich die Immobilienpreise innert zweier Jahre verdreifacht haben, erzählen Ladenbesitzer. Das ist die Schattenseite der Attraktivitätssteigerung dieses Viertels, wo einige der ältesten Bauten Manhattans stehen.

Ein Museum mit Besuchszwang

Hier liessen sich viele Ankömmlinge aus Europa nieder, die ihre alte europäische Heimat aus Not verliessen. Dass die Lower East Side vor 100 Jahren das dichtest besiedelte Quartier der Welt war, erfährt man im  Tenement Museum, dessen Besuch unbedingt zu empfehlen ist – auch der geführte Spaziergang lohnt sich, lernt man doch en passant und mittels Betrachtung von Gebäuden, Parks und Strassen viel über die Geschichte der Stadtentwicklung und der Migration von New York.  

Überhaupt ist diese südliche Lage attraktiv als Standort für New-York-Besuche: Zu Fuss kommt man innerhalb von zehn Minuten nach Little Italy, Chinatown, Soho oder ins East Village. Zudem ist gerade in den Sommermonaten die Nähe zum East River nicht zu unterschätzen: Nicht nur, weil man diesen in 40 Minuten überqueren kann (über die schöne Williamsburg-Brücke, die nach Brooklyn führt). Sondern auch, weil im heissen New Yorker Sommer die Nähe zum Wasser erfrischend sein kann. Noch dauert es zwar, bis die Millionenstadt neue Ideen für die Nutzung des Ufers umgesetzt hat (die Situation schien lange ähnlich blockiert wie im Basler Hafen).

So oder so: Man sollte «LES» auf keinen Fall auslassen – noch sind die Preise für Unterkünfte moderater als im Zentrum Manhattans, noch kriegt man für weniger als 200 Dollar eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit Charme und Stil und Platz für vier Personen, inklusive Aussicht auf den Seward Park. Gebucht haben wir via Airbnb und waren begeistert, zumal wir in der klassischen Hotellerie für den gleichen Preis gerade mal die Hälfte bekommen hätten: halb so viel Ausstattung und halb so viele Quadratmeter.

  • Ausgehen: In der Orchard und der Ludlow Street finden sich zahlreiche Bars.
  • Anbeissen: Der Besuch von Katz’s Delicatessen, bekannt aus dem Film «Harry und Sally».
  • Ausgeben: Geld für junge Kunst – oder für schicke Lampen. 
  • Anschauen: Das Lower East Side Tenement Museum, das die Immigrationsgeschichte New Yorks eindrücklich vor Augen führt. 
  • Aufsetzen: Eine der Brillen von Moscot, dem legendären Brillengeschäft, das heuer 100-Jahr-Jubiläum feiert.

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