Die royalen Parfums im Duftschloss von Versailles

Wie hat eigentlich Napoleon geduftet? In der Osmothèque in Versailles, dem einzigen Parfumarchiv der Welt, kann man ins Reich der vergessenen Düfte abtauchen.

Auch Düfte haben eine Kulturgeschichte. Und die lässt sich in Versailles erschnuppern.

(Bild: Osmothèque)

Wie hat eigentlich Napoleon geduftet? In der Osmothèque in Versailles, dem einzigen Parfumarchiv der Welt, kann man ins Reich der vergessenen Düfte abtauchen.

Paris ist im EM-Fieber, das Seine-Ufer überschwemmt und es wird gestreikt. Deshalb fahren wir an diesem ziemlich herbstlichen Junisamstag lieber gleich nach Versailles weiter. Allerdings mit anderen Plänen, als das berühmte Château in Augenschein zu nehmen. Die Schlossstadt hat noch eine weitere Attraktion zu bieten, und bei der geht es um die Nase. 

Versteckt in einer Allee mit Spitzgiebelhäusern und hinter Rosenhecken kommt ein funktionaler Bau zum Vorschein, an dem die Plakette «Osmothèque» prangt. Mit uns strömen gute drei Dutzend Riechwillige zum Gebäude: eine Gruppe älterer, distinguierter Franzosen samt Dame im Pelzmantel, junge amerikanische Touristen, ein paar Gäste aus Fernost.

Eine Nase voll Napoleon

Zwischen Vitrinen mintgrüner und fliederfarbener Flakons begrüsst Patricia de Nicolaï die Besucher – die Präsidentin der Einrichtung: «Wir sind ein Conservatoire der Emotionen», sagt sie mit leidenschaftlichem Überschwang. «Jedes Parfum der Vergangenheit ist ja mit einer Persönlichkeit, einer Epoche, einer Geschichte verbunden – und das ist der Zauber dabei.»



1990 hatte der Parfum-Kreateur Jean Kerléo die Idee, ein Archiv ins Leben zu rufen: Düfte, die nicht mehr auf dem Markt sind, sollten nicht einfach dem Vergessen überantwortet werden. Mit 200 Flakons starteten damals die Mitarbeitenden, die sich Osmothekare nennen. Heute befinden sich in ihrer Sammlung 3600 Fläschchen. In ihnen werden alte Parfums konserviert. Diese sind anhand überlieferter Rezepte «nachgebaut» und dürfen in regelmässigen Konferenzen von der Öffentlichkeit erschnuppert werden.



In der «Osmothèque» sind derzeit 3600 Fläschchen mit Düften aus allen Zeiten archiviert.

In der «Osmothèque» sind derzeit 3600 Fläschchen mit Düften aus allen Zeiten archiviert. (Bild: Osmothèque)

In einem Klassenraum haben Studenten der École des Parfumeurs schon ihren Zauberkasten mit einer ganzen Batterie kleiner Ampullen vorbereitet. 

Für uns beginnt eine abenteuerliche olfaktorische Zeitreise durch zwei Jahrtausende. 

De Nicolaï, die aus der berühmten Parfumeurdynastie Guerlain abstammt, führt uns anekdotenreich von der Antike bis in die Neuzeit, während ihre Gehilfen uns immer neue Tinkturen auf Teststreifen kredenzen: Da ist ein zimtig und harzig riechender Duft der Partherkönige aus dem 1. Jahrhundert, dessen Rezept Plinius der Ältere aufgeschrieben hatte. Dort ein Rosmarinwässerchen einer ungarischen Königin von 1370. Dann das Eau de Cologne aus Napoleons Verbannung auf Sainte-Hélène, das man uns stolz präsentiert und das den kraftvollen Duft eines üppigen Zitronenhains verströmt. Oder das moosig-würzige «Fougère Royale» von Houbigant – Archetyp der Männerdüfte.



Das Geheimnis von Chanel und Dior

Die Stars des frühen 20. Jahrhunderts, des goldenen Zeitalters der Parfumkunst, stehen im besonderen Fokus: François Coty, der mit blumigen Kreationen wie «La Rose Jacqueminot» und dem orientalisch-schweren «Ambre Antique» Millionen machte, oder Paul Poiret, dessen exklusive Serie «Les Parfums de Rosine» Duftluxus in Vollendung zelebrierte, mit crèmefarbenen Eisbecherflakons und einer Art Pfauenrad als Verschlussstöpsel. Der Gipfel ist sein «Fruit Défendu»: Es ist, als versänke man in einem Lustgarten voller Pfirsiche. Deren Duft ist allerdings künstlich und verdankt sich dem Aldehyd C14.



Das Auge riecht mit: Düfte aus dem goldenen Zeitalter der Parfumwelt.

Das Auge riecht mit: Düfte aus dem goldenen Zeitalter der Parfumwelt. (Bild: Osmothèque)

Schliesslich erfahren wir auch die Geschichte des berühmten «N° 5» von Coco Chanel, nehmen wahr, wie nach dem Zweiten Weltkrieg die Leichtigkeit in die Parfumwelt mit grasigen Noten Einzug hielt, oder Christian Dior begann, mit Maiglöckchen-Imitaten zu experimentieren.



Nach zweieinhalb Stunden ist das Duftkonzert zu Ende. Ein bisschen benebelt fühlen wir uns, als hätten wir zu viel süsses Konfekt genascht. Wie wohltuend: Draussen riecht es nur nach Frühlingslaub und frischem Gras, gemischt mit altem Gemäuer. Wäre eigentlich auch ein schönes Parfum. 




  • Einreisen: von Paris aus über den Gare St-Lazare mit dem Regionalzug nach Versailles Rive-Droite, dann noch ca. 800 Meter zu Fuss.
  • 
Einatmen: L‘Osmothèque de Versailles, Duftkonferenzen samstags mit vorheriger Anmeldung online in französischer Sprache
. Versailles, 36, Rue du Parc de Clagny,
 Tel.: 0033-1-39554699
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  • Einkehren: In einem der netten kleinen Restaurants rund um den Marktplatz Carré à la Farine, etwa das Le V
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