Die Schweiz Asiens

Hohe Berge, mächtige Nachbarn und Angst vor der Überfremdung – zu Besuch in Bhutan, dem helvetischsten Land Asiens.

Bumthang im Landes­inneren von Bhutan: Hier sieht es nicht nur aus wie in der Schweiz – hier wirken auch die meisten Entwicklungs­experten aus der Schweiz. (Bild: Sabine Nebel)

Hohe Berge, mächtige Nachbarn und Angst vor der Überfremdung – zu Besuch in Bhutan, dem helvetischsten Land Asiens.

Bhutan ist ein Geheimtipp in der gehobenen Reiseklasse. Der kleine Gebirgsstaat zwischen Tibet und Indien lockt mit magischen Klöstern und unberührter Natur. Das perfekte Reiseziel für Leute, die auf der Suche nach Exklusivität sind – und seit Neustem auch nach Glück.

Das Ganze hat natürlich auch seinen Preis: Ein 14-tägiges Ferien­arrangement kostet gut und gerne 8000 Franken. Als Forschungsreisender hatte ich Glück, ich wurde von der «König­lichen Universität» eingeladen, womit mir die übliche touristische Tages­pauschale von 250 US-Dollar erspart blieb.

Nach einem Zwischenhalt im indischen Delhi schwebte das bis zum letzten Platz mit westlichen Kulturtouristen gefüllte Flugzeug am Mount Everest vorbei – welch überwältigender Empfang, den uns das kleine Königreich bot, das noch bis vor wenigen Jahrzehnten total isoliert war. Erst seit 1999 gibt es in Bhutan Fernsehen und Internet, Mobiltelefone sogar erst seit 2003.

Der Freund des Königs

Im Gegensatz zu meinen Fluggefährten suchte ich hier nicht nach Entspannung und Abwechslung. Ich kam, um Interviews mit Ent­wick­lungs­experten zu führen, historische ­Quellen für meine wissenschaftliche ­Arbeit zur Geschichte der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit zu sammeln und herauszufinden, ob Bhutan tatsächlich die «Schweiz Asiens» ist, wie die Bhutanesen sagen. So bezeichnete etwa der frühere König ­Jigme Dorji Wangchuck (1928–1972) unser Land als seine zweite Heimat und nahm bei der langsamen Öffnung Bhutans in den 1960er-Jahren das politische Modell der Eidgenossenschaft als Vorbild.

Der König sah in der Eidgenossenschaft das politische Modell für Bhutan.

Die besonderen Beziehungen zwischen der Schweiz und Bhutan gehen auf persönliche Kontakte zwischen dem bhutanesischen König und dem Schweizer Industriellen Fritz von Schulthess-Rechberg in den 1950er-Jahren zurück. Die Tochter des Zürcher Unternehmers hatte 1948 die zukünftige Königin Bhutans an einer Schule in London kennengelernt. Aus dem Kontakt entwickelte sich eine Freundschaft, die den Grundstein der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit mit Bhutan legte.

Fritz von Schulthess wurde ein enger Vertrauter von Jigme Dorji Wangchuck und besuchte Bhutan viele Male mit seiner Frau Monica von Schulthess-Page, einer Nestlé-Erbin. Bei den Besuchen am Königshof beriet der Zürcher Unternehmer seinen königlichen Freund bei der behutsamen Öffnung des isolierten Königreichs.

Der König will Schweizer Käse

Ende der 1960er-Jahre begann die Fa­milie von Schulthess, auf eigene Kosten schweizerische Fachkräfte nach Bhutan zu entsenden. 1971 wurde die Stiftung Pro Bhutan gegründet, die verschiedene kleinere Projekte durchführte – etwa den Aufbau einer Käserei nach schweizerischem Vorbild, weil sich der König das wünschte.

1975 übernahm die Entwicklungsorganisation Helvetas die Projekte der Stiftung, und einige Jahre später begann sich der Bund intensiv zu engagieren. Lange Zeit war die Schweiz – nach Indien – der grösste Geldgeber Bhutans; bis anhin wurden rund 160 Millionen Schweizer Franken eingesetzt. Die Entwicklungszusammen­arbeit mit dem bergigen Partnerland konzentriert sich vor allem auf Viehzucht, Käseproduktion, Ackerbau, Forstwirtschaft. Schweizer Fachleute, die oft mehrere Jahre in Bhutan verbringen, helfen den Einheimischen aber auch beim Bau von Hängebrücken und bei der Lehrerausbildung.

Es gibt verblüffende Ähnlichkeiten zwischen der Schweiz und Bhutan.

Wer als Schweizer in Gesprächen mit Bhutanesen sein Herkunftsland erwähnt, wird oft darauf hingewiesen, dass die Schweiz wie Bumthang aus­sehe: ein Tal im Landesinneren. ­Vielleicht, weil die meisten Entwicklungsexperten, die in den letzten Jahrzehnten in Bumthang tätig waren, aus der Schweiz stammten. Vielleicht aber auch, weil es tatsächlich verblüffende Ähnlichkeiten gibt. Beide Länder sind ungefähr gleich gross und gebirgig. Beide sind zwischen mächtigen Nachbarn eingeklemmt und stolz darauf, niemals kolonialisiert worden zu sein.

Den Bhutanesen bereitet es jedoch Sorge, dass ihr Land finanziell immer stärker von Indien abhängig wird. Problematisch sind auch die Beziehungen mit den seit 1800 eingewanderten Nepalesen, die einst zur Bewirtschaftung des Landes nach Bhutan geholt wurden: Die ehemaligen «Gastarbeiter» wurden oft Opfer von Diskriminierung.

1988 waren sogar rund 100 000 Nepalesen aus dem Land vertrieben worden. Und von Überfremdungsängsten geschürt, wurden nationalistische Gesetze erlassen. So sind etwa die Menschen in Bhutan per Gesetz dazu verpflichtet, ihre Nationaltracht zu tragen. Männer kleiden sich mit dem Gho – eine Art Kimono –, Frauen tragen die Kira, ein langes Gewand. Es handelt sich dabei zwar um meist schöne Stoffe mit tollen Mustern, der Gho ist aber eher unpraktisch und unbequem, sodass die meisten Einwohner nach Feierabend die auch bei uns gängige Freizeitkleidung bevorzugen.

Rösti und Bärenfleisch

In Bumthang traf ich auch den berühmtesten Schweizer in Bhutan: Fritz Maurer, der seit über 40 Jahren hier lebt und einst auf Einladung des Königs nach Bhutan kam, um eine Käserei aufzubauen. Noch immer hilft er mit bei der Produktion von Bier, Schnaps, Käse und Honig. Er ist es jedoch leid, eine Touristenattraktion zu sein und von Reisenden ohne Voranmeldung aufgesucht zu werden.

So ist er zunächst auch mir gegenüber eher skeptisch. Doch über die Tage schwindet die Skepsis. Maurer ist eine ergiebige Quelle, da er ein ­halbes Jahrhundert gelebte Schweizer Entwicklungszusammenarbeit verkörpert. Ich bin Gast im «Swiss Guesthouse», das die Maurers führen. Der Name ist Programm: Tatsächlich esse ich neben Rösti und Bärenfleisch auch Gruyère aus der bhutanesischen Käserei!

Im Bruttoszialglück sieht die Regierung eine Alternative zum Modell des Bruttoszialprodukts.

Meine Studienwoche endet mit der Rückfahrt in die Hauptstadt Thimphu im Konvoi des ehemaligen Landwirtschaftsministers Pema Gyamtsho. Auch er verkörpert die jahrzehnte­lange Geschichte der schweizerisch-bhutanesischen Entwicklungszusammenarbeit. Gyamtsho stammt aus einer Bauernfamilie in der Nähe Bumthangs und war als Kind Laufbursche der Schweizer Helvetas-Mitarbeiter. Und er kennt die Schweiz bestens, da er an der ETH in Zürich seine Doktorarbeit schrieb. Bereitwillig und geduldig klärt er mich während der langen Autofahrt über die Strategien und Ziele seiner Regierung auf. Auch darüber, dass sein Bhutan bis 2020 das erste Land sein wolle, das ausschliesslich biologisch anbaue.

Wir kommen im Gespräch auch auf das Bruttosozialglück («Gross National Happiness») zu sprechen, mit dem die Regierung dem Bruttosozialprodukt eine andere Masseinheit entgegenstellen möchte. Das bhutanesische Glückskonzept ist einfach verständlich, es fusst auf vier Säulen: nachhaltiges Wachstum, Schonung der Umwelt, Erhalt der Kultur und Tradition, gute Regierungsführung.

Glückstouristen im Auge

Im Gespräch mit der Bevölkerung wird klar, dass die Glücksdebatte nur von einer kleinen Elite geführt wird. Zu arm sind die Menschen, zu gross ist ihr Bedürfnis nach Konsum und Selbst­bestimmung. Unter Entwicklungsexperten herrscht die Meinung, dass die Regierung das Bruttosozialglück so intensiv vermarktet, um Investoren anzuziehen. Dabei werde die nötige Armutsreduktion vernachlässigt.

Die Kritiker der Glückspolitiksprechen von «Glücksdiktatur».

Auf heftige Kritik stösst ein für mehrere Millionen US-Dollar geplantes «Gross National Happiness Centre», dessen Kursangebote dereinst Glückstouristen aus dem Westen helfen sollen, die Grundsätze des Glückkonzepts zu verinnerlichen. Es findet sich kaum ein Experte, der die «Gross National Happiness»-Idee nicht als PR-Gag oder Propaganda bezeichnet. Ein spanischer Journalist zum Beispiel spricht gar von einer regelrechten «Glücksdiktatur».

Dass die Regierung mit der Forcierung des Bruttosozialglücks an den Bedürfnissen der Bevölkerung vorbei politisiert und den Bezug zur Basis verloren hat, verdeutlicht auch das Verdikt der Wählerinnen und Wähler im vergangenen Sommer: Regierungs­partei und Premierminister verloren nach einer einzigen Amtszeit rund zwei Drittel ihrer Sitze an die Opposition und mussten das Kabinett räumen. Der Umsturz zeigt zwar, dass die junge Demokratie funktioniert. Auf der anderen Seite macht er aber auch deutlich, dass der Demokratisierungs­prozess noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird in dem kleinen Land, das noch bis 2008 ein Feudalstaat war.

Artikelgeschichte

Erschienen in der Wochenausgabe der TagesWoche vom 13.12.13

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