Die Schweizer sind ein Volk von Reisenden – das gilt auch für Menschen mit Behinderung

Reisen ist für Behinderte keine Selbstverständlichkeit. Trotzdem tun sie es leidenschaftlich gern, wie zum Beispiel Walter Beutler. Und wer selber nicht weiter weiss, dem hilft ein spezielles Reisebüro namens «Procap».

Reisen macht glücklich: Walter Beutler in Indien.

 

Reisen ist für Behinderte keine Selbstverständlichkeit. Trotzdem tun sie es leidenschaftlich gern, wie zum Beispiel Walter Beutler. Und wer selber nicht weiter weiss, dem hilft ein spezielles Reisebüro namens «Procap».

Walter Beutler ist ein weltreisender Schweizer. Er bezeichnet sich als privilegierten und in hohem Masse selbstständigen Behinderten. Er ist agil, intelligent und äusserst unternehmenslustig. Auch als Rollstuhlfahrer ist er viel in der Welt unterwegs. Mehrmals führte ihn seine unbändige Reiselust und seine Neugierde nach Indien. Ungewöhnlich bei seinen Reisen ist lediglich sein Fortbewegungsmittel, der Rollstuhl.

Wie Walter Beutler reisen auch andere Behinderte gerne. Dass das problemlos geht, dafür sorgt das Reisebüro «Procap Reisen». Nachfolgend wird Walter Beutler uns seine persönlichen Reisefreuden schildern, eingeschobene Textstücke vermitteln unterdessen einen Eindruck davon, was «Procap Reisen» ausmacht.

Muss man denn als Rollstuhlfahrer überhaupt nach Indien reisen?

Es ist das Unterwegssein, das mich immer wieder glücklich macht. On the road again. Wie oft ging mir das durch den Kopf, wenn ich wieder mal zu einer Reise aufbrach! Es klang in meinen Ohren wie ein veritabler Freiheitsruf und liess mein Herz höher schlagen. Natürlich kann man auch an den Bielersee reisen – oder ins Tessin. Doch so richtig Freude macht das Reisen erst, wenns auch wirklich einschenkt. Tausend Kilometer müssen es schon sein, damit das On-the- Road-Gefühl wirklich aufkommt. Mindestens tausend Kilometer! Und wenn ich nicht wenigstens einen Monat unterwegs bin – lieber sind mir zwei, drei Monate –, so habe ich das Gefühl, gar nicht richtig On-the-road gewesen zu sein. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich mit dem Film «Easy Rider» gross geworden bin. Vielleicht ist es auch nur eine Marotte.

Die Schweizer sind ein Volk von Reisenden. Ein Grossteil der Bevölkerung ist permanent auf Achse. Im Jahre 2013 unternahmen die Schweizer und Schweizerinnen pro Jahr durchschnittlich drei längere Reisen mit Übernachtungen und rund 10 Tagesreisen. Über 61 Prozent der Reisen führten ins Ausland. Insgesamt wurden über 22 Millionen Reisen vom Statistischen Amt, welches unser Reiseverhalten gewissenhaft beobachtet, registriert. Tendenz zunehmend. Ferien und Erholung sind die Hauptgründe der Reisen.

Dass ich im Rollstuhl bin, erschien mir in diesem Zusammenhang immer als Nebensache. Bitte nicht verallgemeinern! Da habe ich den Vorteil, dass ich seit früher Kindheit das Rollstuhldasein gewohnt bin. Und dass ich doch recht selbstständig und gesundheitlich robust bin. Man macht dann von seinem Rollstuhl nicht mehr so viel Aufhebens. Er ist eine Tatsache, grad so wie andere mit Schuhgrösse 45 leben müssen. Ich würde meinen lieben Bruder mit vier Rädern, Alurahmen und Carbonfaser-Seitenschutz glatt vergessen, wenn ich nicht von meiner Umgebung immer wieder daran erinnert würde.

Ein Reisebüro für Massanfertigungen

Dass Menschen mit einer Behinderung auch Kunden von Reisebüros sein könnten, hat das Reisebüro «Procap Reisen» vor 20 Jahren entdeckt. Entstanden ist ein kleines, aber feines Reisebüro, welches eine breite Palette von Ferienangeboten für Menschen mit Behinderung anbietet. Der Reisespezialist und Nischenplayer verfügt über ein breites Know-how, wenn spezielle Transfers für Menschen mit Behinderung gefragt sind oder Fluganmeldungen mit Rollstuhl getätigt werden müssen. Es kann Begleitpersonen für Reisen vermitteln und kennt die speziellen Einrichtungen vor Ort in Hotels und den angebotenen Destinationen, welche behindertengerechte und erholsame Ferien möglich machen. Auch für renommierte Reiseveranstalter ist Procap-Reisen eine Anlaufstelle geworden, wenn Fragen bezüglich Menschen mit Handicap auftauchen. Sowohl die Angebotsvielfalt wie auch die Nachfrage nach entsprechenden Reisen und Ferien haben sich bei Procap-Reisen in den letzten Jahren deutlich ausgeweitet. Jährlich werden aktuell über 1000 Buchungen bearbeitet. Tendenz steigend.

Allerdings macht der Rollstuhl das Reisen nicht einfacher. Deshalb war ich bis vor wenigen Jahren meist mit Freunden oder Bekannten unterwegs. Je nach Konstitution dieses Begleiters gab es praktisch keine Hindernisse mehr. So habe ich mir reisend die unterschiedlichsten Ecken dieser Welt erobert: Ecuador, Neuseeland, Vietnam. Ich könnte noch mehr aufzählen. Doch die Masse allein machts nicht aus. Und wie gesagt, mindestens zwei Monate mussten es schon sein.

«Willkommen in der Procap-Ferienwelt» kündet der neue Ferienkatalog von Procap-Reisen das Reisejahr 2015 an.

Wie man sich leicht vorstellen kann, muss die Chemie zwischen Begleiter und mir stimmen. Mitunter ist das die grösste Herausforderung beim Reisen im Rollstuhl. Denn die Abhängigkeit unterwegs ist sehr viel grösser als zuhause, wo ja alles auf meine Bedürfnisse zugeschnitten ist – na ja, fast alles… Doch unterwegs in fernen Ländern, jedenfalls in diesen, die mich locken, ist Rollstuhlgängigkeit klein geschrieben – sehr klein. Das kann ganz schön auf den Geist gehen. Und wenn bei diesem doch recht einseitigen Abhängigkeitsverhältnis die Chemie nicht stimmt, geht man sich bald gegenseitig auf den Geist.

Ich habe deshalb in den letzten Jahren die Vorzüge des Reisens ganz auf eigene Faust entdeckt. Das ist reisetechnisch nochmals eine ganz neue Dimension: auf sich gestellt, frei, allem und jedem unterwegs radikal ausgesetzt. Es gibt niemanden, hinter dem du dich verstecken kannst. Ja, so reise ich nun, als «Lonesome Rider On The Road». Einfach genial!

Vom Kanutrekking bis zum Sprachaufenthalt

«Raus aus dem Alltag» und «Tapetenwechsel» sind die in der Reisebranche üblichen Lockrufe. Angepriesen werden längere Reisen der wärmenden Sonne und fremden Kulturen entgegen. Nicht nur der Körper, sondern auch das Gemüt und die Seele sollen in die Ferienwelt eintauchen und Erholung erfahren. Die Palette reicht entsprechend von Badeferien auf Lanzarote zu betreuten Ferien auf La Palma. Schottland, Island, Kenia sind mögliche Destinationen. Schiffsreisen auf dem Fluss oder auf hoher See, Sprachaufenthalte in London oder in Nerja an der Costa del Sol. Es gibt betreute Gruppenferien im In- und Ausland. Auf Teneriffa, Griechenland und in Andalusien. Segeltörns, Wanderferien und Kanutrekking. Das Angebot ist wirklich üppig und kann fast alle Wünsche erfüllen. «Procap Reisen» ist der Spezialist in der Reisebranche für Menschen mit und ohne Handicap.

Fragt mich nicht, weshalb es die letzten Jahre Indien sein musste! Ich weiss es selbst nicht genau. Vielleicht auch wieder eine Frage der Sozialisation: Zu jener Zeit, als ich jung war, gab es diese Indien-Freaks, die – möglichst auf dem Landweg – nach Indien reisten, oft nach Goa. Und dort dann – ebenso oft – absumpften. Indien wollte ich – es ist gar nicht so lange her – partout aus eigener Anschauung kennenlernen, und auf eigene Faust. Ohne abzusumpfen natürlich.

«Procap Reisen» hat in diesem Jahr auch ein wichtiges Etappenziel erreicht: Es ist mittlerweile Mitglied des Schweizerischen Reisebüro-Verbandes und des Garantiefonds der Schweizerischen Reisebranche. Heute ist «Procap Reisen» als Reisespezialistin für Reisen von Menschen mit Handicap bestens etabliert.

Nun, es war nicht besonderer Mut oder gar Tollkühnheit, die mir diese erste Reise nach Indien ermöglichte, sondern eine sorgfältige Organisation. Das Hauptproblem ist die Unterkunft. Ohne ein Zimmer oder ein Häuschen, in dem ich mich selbstständig bewegen kann und wo ich eine Dusche nehmen kann, bin ich aufgeschmissen. Ich wusste: Wenn ich so etwas finde, zum Beispiel in Südindien, vielleicht noch in einem spannenden Gebiet, dann habe ich schon viel gewonnen. Ich muss dazu noch sagen, dass ich jeweils meinen Swiss Trac, mein Rollstuhl-Zuggerät mit auf die Reise nehme. Ich bin damit recht mobil. Eine Batterieladung des Gerätes reicht bis zu dreissig Kilometer weit. Tatsächlich habe ich dann ein wunderbares Häuschen im Wald von Auroville in der Nähe von Pondicherry, Tamil Nadu, gefunden. Dieser besondere Ort bildete für alle folgenden Reisen in Indien die Basistation, von wo aus ich immer grössere Kreise zog, je besser ich mit den Gepflogenheiten der indischen Welt bekannt wurde.

Auf meiner letzten Reise vergangenen Winter führten mich die grösser werdenden Kreise durch ganz Indien, teils mit dem Zug, teils mit dem Auto. Ich hatte mich für diese «grosse Reise» durch Indien gleichwohl wieder mit jemandem zusammengetan, der Indien bestens kannte und mich – beinahe schon problemlos – jeweils in den Zug hieven konnte – und dann auch wieder raus. Indien ist nicht rollstuhlgängig. In keiner Weise. Zwischendurch war es echt schwierig. Natürlich kann man sich fragen: Muss man denn als Behinderter unbedingt nach Indien reisen? Meine Antwort: Ja, man muss. Da mache ich keine Abstriche. Gar keine!

Anfang Dezember feiert «Procap Reisen» sein 20-jähriges Jubiläum. Ein grosses Fest in Olten wird angerichtet und öffentlich soll jubiliert werden. Das Engagement des Reisebüros ist aber letztlich nur möglich dank zahlreichen freiwilligen Helfern und Helferinnen, welche sich als Reisebegleiter immer wieder zur Verfügung stellen. Das Fest ist auch ein Dankeschön an diese.

Procap ist die grösste Selbsthilfeorganisation für Menschen mit Handicap in der Schweiz. Rund 20’000 Mitglieder greifen in 44 Sektionen und 30 Sportgruppen in allen Sprachregionen auf eine Vielzahl von Dienstleistungen zu und werden bei Bedarf von über 1500 freiwilligen Helferinnen und Helfern betreut. Procap bietet professionelle Beratungen in den Bereichen Sozialversicherungsrecht, Bauen, Wohnen und Reisen. Mit ihren Aktivitäten macht sich die Organisation für einen gleichberechtigten Zugang zu Sport, Freizeit, Kultur und Gesellschaft stark.

Walter Beutler führt einen Blog, auf dem unter anderem seine Indienreisen dokumentiert sind: Walter Bs Textereien, walbei.wordpress.com

Konversation

  1. Bei mor gehts am Frritag auch los in die Sonne Thailands. Einfach mal pause von den unzähligen Therapien. Ich hoffe das macht den Kopf etwas frei um nach vorne zu schauen und Fortschritte zu machen. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, wieder aus dem Rollstuhl zu kommen

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  2. Es kann auch andere Behinderungen geben, die einem am Reisen hindern, das ist Geldmangel – wenn das eingenommene Geld einfach nur für das allernötigste reicht.

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    1. @eldorado
      machen Sie Ihre anspruchsvollen reisen weiterhin ins (landes)innere!
      auch ich fühle mich etwas behindert: neulich wollte ich unbedingt und ohne abstriche in einer kleinen barke von afrika her nach italien schippern:

      denkste.

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