«Die Wohnung verlieren – diese Vorstellung habe ich nie ausgehalten»

Wie lebt man als Armer im reichen Basel? Der 30-jährige Handwerker Antonio Salerno erzählt.

Er sei ja eigentlich ein fröhlicher Mensch, sagt Antonio Salerno*. «Aber es kam so weit, dass ich einfach keine Energie mehr hatte. Für nichts. Es brauchte grosse Überwindung, morgens aufzustehen und zur Arbeit zu gehen. Es war ja für nichts, komplett sinnlos», erzählt der 30-jährige Handwerker. Sinnlos nicht wegen der Arbeit, sondern wegen der Schulden. Die ersten machte er schon als Teenager.

Antonio Salerno hat früh geheiratet. Es folgten Kinder, die Trennung, die Scheidung – und dann verlor er seinen Job. Die Schulden wurden immer grösser. Und sie hätten den jungen Baselbieter beinahe ­erdrückt. «Du bist irgendwann einfach ­kaputt. Und dir ist alles egal.» Nein, nicht ganz alles. «Eine Rechnung habe ich immer bezahlt. Immer. Die Miete. Irgendwie habe ich das Geld aufgetrieben, auch wenn ich ja längst keines mehr hatte», sagt Salerno. «Die Vorstellung, die Wohnung zu verlieren, habe ich nicht ausgehalten.»

«Du hast nicht einmal Geld, um dich mit Kollegen zu treffen. Ohne Geld bist du gar nicht da.»

Abwärts ging es schnell und erbarmungslos. «Krankenkassen-Rechnungen, Spitalrechnungen, Handyrechnungen, Bussen: Die Rechnungen und Mahnungen haben sich einfach so angehäuft», sagt Antonio Salerno. Bei den Steuern wurde er eingeschätzt. Bezahlen konnte er die Rechnungen nicht mehr. Hinzu kamen die Alimente. «Auch für die hatte ich kein Geld. Man hat das Geld dann vorgeschossen. Noch mehr Schulden», sagt Salerno. Er streicht sich durch das kurze Haar, sagt: «Ich wollte eigentlich immer alles ­bezahlen. Aber ich konnte nicht mehr.»

Kein normales Leben

Auf das RAV folgt die Sozialhilfe. Längst ist Antonio Salerno wieder berufstätig. Aber sein Lohn wird gepfändet. «Meine Steuerschulden betrugen über 80 000 Franken», sagt er. Was übrig blieb, reichte ihm nicht zum Leben. «Du kannst kein normales Leben führen. Du brauchst Benzin für den Job. Das Auto für den Job. Du hast nicht einmal Geld, dich mit Kollegen zu treffen. Du brauchst für alles Geld. Ohne Geld im Sack bist du am Rand, bist du gar nicht da. Aber du kannst nicht einmal alle neuen Rechnungen bezahlen. Also verschuldest du dich immer weiter», sagt er.

«Es ist dann am Morgen oft ein Gefühl wie: Jetzt ist fertig», sagt Salerno. «Ich habe abgeschaltet. Resigniert. Man krüppelt jeden Tag, aber es ist sinnlos. Es ist dir auch irgendwann egal, dass du neue Schulden machst. Du kommst nicht gegen sie an.»

«Jetzt kann ich alle Rechnungen bezahlen. Ich stehe wieder gerne auf. Auch um 5.30 Uhr. Es ist kein Vergleich zu vorher.»

Durch Zufall erfuhr Salerno von der Schuldenberatung Baselland. «Nie hat mich jemand von einem Amt auf diese Möglichkeit hingewiesen», sagt er. Vor ­einigen Monaten war die Konkurseröffnung. Privatkonkurs**. «Jetzt kann ich alle Rechnungen bezahlen. Ich komme problemlos durch den Monat. Meine Stimmung ist viel besser: Ich stehe wieder gerne auf. Auch um 5.30 Uhr. Es ist kein Vergleich zu vorher.»

*Name geändert

**Konkursverfahren gibt es nur für Leute, die sich lange vergeblich um eine Schuldenbereinigung bemüht haben – oder deren Verschuldung derart hoch ist, dass eine Rückzahlung aussichtslos scheint. Die Schulden bestehen aber weiterhin. Ein Privatkonkurs verschafft dem Verschuldeten Zeit: Er kann während des Verfahrens nicht mehr für Forderungen betrieben werden, der Lohn wird nicht mehr gepfändet. Aber nach Abschluss des Verfahrens kann er wieder betrieben werden.

Dossier Armut in Basel: Betroffene erzählen

Wie lebt man als Armer im reichen Basel? Menschen am Extistenzminimum erzählen aus ihrem Alltag.

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Konversation

  1. Danke für den kernigen Beitrag zum Thema Privatkonkurs, über den vielleicht noch mehr ausgeführt werden könnte…

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