Ein Kind, das von der Mutter «Mami» genannt wird

In ihrem Dokumentarfilm «El tiempo nublado» reist Arami Ullon (36) von Basel nach Paraguay, um sich um ihre kranke Mutter zu kümmern.

«Meine Filmcrew machte sich zeitweise Sorgen um mich»: Arami Ullon, Regisseurin des Films «El tiempo nublado». (Bild: Miguel Bueno)

In ihrem Dokumentarfilm «El tiempo nublado» reist Arami Ullon (36) von Basel nach Paraguay, um sich um ihre kranke Mutter zu kümmern.

Lust auf eine filmreife Liebesgeschichte? Arami Ullon trampte 1994 mit dem Rucksack durch Südamerika. Die Paraguayerin traf Schweizer Backpacker, verknallte sich in einen. Es war die Liebe ihres Lebens. Dachte sie. Sie war 16.

Ihre Wege trennten sich, als ihr das Geld ausging. Arami kehrte nach Asunción zurück. Es folgten Liebesbekenntnisse via Fax. Sie musste ihn wiedersehen. Steckte ihr ganzes Geld in ein Flugticket nach «Suiza». In Basel angekommen, offenbarte ihr der Schwarm, dass er jetzt mit einem anderen Mädchen zusammen sei. Aramis Reise um die halbe Welt: umsonst.

Eine verlorene Kindheit

«Ich war total verloren», erinnert sie sich heute. «Doch während sich die Schweizer Bekannten liebenswürdig um mich sorgten, genoss ich dieses Verlorensein, dieses Mich-Fallenlassen.» Denn viel zu früh hatte sie in ihrem Leben Verantwortung übernehmen müssen. Der Vater fort, die Mutter krank, aber zu stolz, um sich Hilfe zu holen. Also kümmerte sich die Tochter um sie. Was Arami Überwindung kostete. Denn die Mutter hatte epileptische Anfälle, die ihr solche Schrecken einjagten, dass Arami mit sieben Jahren erstmals abhauen wollte. Doch sie blieb. Was zu einer verlorenen Kindheit und einer umgekehrten Rollenverteilung führte. Ihre Mutter nennt ihre Tochter «Mami». Es ist zärtlich und tragisch zugleich.

Kein Wunder, dass Arami dem Eskapismus frönte – und fernab der Heimat, in der Schweiz, das Loslassen genoss. Dabei verfiel ihr ein neuer Bekannter: Patrick, Grafikstudent. Sie liess sich den Kopf aber nicht schon wieder von einem Schweizer verdrehen, kehrte in ihre Heimat zurück, fasste in der kleinen TV- und Filmbranche Paraguays Fuss. Sie machte Werbeclips, drehte experimentelle Kurzfilme und arbeitete als Produktionsassistentin für Grossproduktionen wie «El Toque del Oboe» oder gar «Miami Vice».

Liebe auf den zweiten Blick

Die Arbeit führte sie schliesslich nach Europa, nach Spanien, nach Mallorca. Ein Ausflug in die Schweiz lag da nahe. Nach zwölf Jahren traf sie alte Bekannte wieder, darunter Patrick. Er hatte sie nie vergessen. Und diesmal schlug es richtig ein. Zunächst führten sie eine Fernbeziehung, «doch nach einer gewissen Zeit mussten wir uns entscheiden. Und so zog ich vor vier Jahren nach Basel.»

Eine Reise ins Ungewisse

Was danach geschah, das erfahren wir im Dokumentarfilm «El tiempo nublado», bei dem sie Regie führte und tiefe Einblicke in ihr Leben gibt. Arami wird aus ihrer kuscheligen Verliebtheit in Basel gerissen, als sie erfährt, dass sich der Zustand ihrer Mutter verschlechtert. Die private Pflegerin, für die sie aus der Ferne aufkommt, ist überfordert, mag nicht mehr. Die Mutter leidet an Epilepsie und Parkinson, zu stolz, loszulassen, zu stolz auch, ihre Unselbstständigkeit und Überforderung anzuerkennen. Und das in einem Land, in dem es keine soziale Krankenversorgung gibt, wie wir sie kennen.

So reist die Tochter nach Asunción, pflichtbewusst, schuldbewusst. Wie konnte sie nur die Mutter zurückzulassen und ihr eigenes Leben führen wollen? Begleiten lässt sie sich diesmal von einer Filmcrew, darunter Ramòn Giger an der Kamera. Arami will die Situation dokumentieren, erhofft sich davon einen Nutzen, auch therapeutischer Art.




Arami Ullon mit ihrer Mutter. Szenenbild aus «El tiempo nublado». (Bild: Cineworx)

«Mein Psychiater allerdings riet mir davon ab – er fürchtete, dass alles zu viel werden könnte», sagt sie. Tatsächlich gingen die neun Wochen in Paraguay an die Substanz. So manifestieren sich die dunklen Wolken in «El tiempo nublado» nicht nur im Filmtitel, sondern auch in den Gedanken der Mutter, des Vaters und um die Augen der Tochter. Man sieht allen an, welch schwere Zeit sie durchmachen.

Der Zustand ermüdet Arami, hinzu kommen finanzielle Nöte, existenzielle Fragen, die eigene Verlorenheit. «Ich war in der vielleicht depressivsten Phase meines Lebens, als wir diesen Film drehten», sagt sie selber, aufrichtig offen. «Meine Filmcrew machte sich zeitweise Sorgen um mich. Es war wohl schwer damit umzugehen, dass die Regisseurin die Kontrolle verlor.»

«Mein Freund tut mir mit seiner verständnisvollen Schweizer Art gut. Er balanciert das Dramatische aus.»

So still der Film, voller Ratlosigkeit und Melancholie, so heiter und lebhaft wirkt Arami Ullon heute, bei unserer Begegnung im Café Frühling. Sie wohnt gleich in der Nähe, an der Feldbergstrasse. Nicht die ruhigste Ecke. Doch die Augenringe sind weg. Hat ihr die filmische Reflektion ihrer Familiensituation geholfen? «Ja, sehr. Der ganze Prozess half mir, mit meiner Situation besser zurechtzukommen.»

Sie hat Abhängigkeiten hinter sich gelassen. «Und mein Freund tut mir mit seiner verständnisvollen Schweizer Art gut. Er balanciert das Dramatische aus, das mir als Latina innewohnt», sagt sie.

Auf grossen Reisen ist sie wieder, seit einem Jahr. Schon an 20 Festivals wurde sie eingeladen, von Nyon bis Kanada, von Buenos Aires bis Toulouse. Ihre Geschichte geht um die Welt. «Viele Leute reden danach über eigene, ähnliche Erfahrungen», sagt sie. «Das finde ich sehr schön.» Im Herbst reist sie wieder nach Paraguay, um den Film dort zu promoten. Was erhofft sie sich davon? «Dass man dort endlich über soziale Verantwortung spricht, darüber auch, wie verlassen die alten Menschen im aktuellen System sind.»

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«El Tiempo Nublado» – Basler Premiere in Anwesenheit von Arami Ullón:
Kino Atelier, 5. Mai, 18.30 Uhr.


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