Eine Wanderung zu den Bagni di Craveggia

Wer schwanger werden wollte, setzte sich dereinst in eine Wanne der Bagni di Craveggia und hoffte auf ein Wunder. Wir hingegen wanderten ohne solche Absichten dorthin. Wunderbar war es trotzdem.

Die rund 200 Jahre alten Badewannen stehen noch immer an Ort und Stelle. Gebadet wird jedoch in neueren Becken.

(Bild: Olivier Christe)

Wer schwanger werden wollte, setzte sich dereinst in eine Wanne der Bagni di Craveggia und hoffte auf ein Wunder. Wir hingegen wanderten ohne solche Absichten dorthin. Wunderbar war es trotzdem.

Von Basel nach Bern, dann mit dem Zug in den Berg, wieder raus, sogleich in den nächsten und wieder raus. Zusammen mit all den Wallisern, die in der schönen Altstadt von Domodossola einen Kaffee geniessen, steigen wir aus.

Unser Ziel führt uns von Kaffee und Brioche weg ins Centovalli-Bähnchen. Auf der Passhöhe, kurz vor der Schweizer Grenze, wo das Züglein gemächlich seinen Weg nach Locarno fortsetzt, liegt Malesco. Es ist der Ausgangspunkt unserer Herbstwanderung. Auf dieser wollen wir die Bäder von Craveggia, die Bagni di Craveggia, finden – heisse Quellen am Ende des Schweizer Onsernone-Tals, die sich aber noch auf italienischem Boden befinden.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde mit dem jod- und magnesiumhaltigen Wasser ein Kurbad errichtet. Dieses war vor allem deswegen berühmt, weil es Frauen, die nicht schwanger wurden, «Heilung» versprach. Wir hingegen freuen uns mehr auf ein warmes Becken, aus dem man direkt in den kalten Fluss und wieder zurück springen kann.



Ganz hinten im Onsernonetal führen die Wege meist an unbewohnte Orte. Einzig in Spruga leben ein paar Seelen.

Ganz hinten im Onsernonetal führen die Wege meist an unbewohnte Orte. Einzig in Spruga leben ein paar Seelen. (Bild: Olivier Christe)

Bereits nach einer guten Viertelstunde taucht das Dorf Craveggia auf. Doch zwischen der Ansammlung von Kirchen und Mariastatuen und den Bädern liegt noch ein 1000 Meter höher gelegener Pass: die Bocchetta di Sant‘ Antonio, der Mund des heiligen Antonio. Diesen erreichen wir nach rund zwei Stunden, pünktlich zur Mittagszeit, und blicken Antonio tief in den Rachen.



Gross reisst der heilige Antonio den Rachen auf, die Bocchetta di San Antonio, und verbindet das Centovalli mit dem Onsernonetal.

Gross reisst der heilige Antonio den Rachen auf, die Bocchetta di San Antonio, und verbindet das Centovalli mit dem Onsernonetal. (Bild: Olivier Christe)

Steil und verschachtelt liegt das Onsernone-Tal vor uns, weit und sanft das Monte-Rosa-Massiv und der Nebel über der Po-Ebene hinter uns. Wir verschlingen unsere Focaccias, die wir am Bahnhofsimbiss in Domodossola gekauft haben.



Geheimster Geheimtipp: Die Focaccia vom Bahnhofsbuffet in Domodossola.

Geheimster Geheimtipp: Die Focaccia vom Bahnhofsbuffet in Domodossola. (Bild: Olivier Christe)

Es war ein weiter Weg, den die Frauen damals auf sich nahmen, um schwanger zu werden. Ein Weg durch völlig unbewohntes Gebiet. Der Abstieg führt uns durch endlose Wälder. Da kann einem die Fantasie schon mal einen Streich spielen. Auf dem Boden entdecken wir das angefressene Bein einer Gemse, nebenan offensichtlich den Schauplatz eines gewaltigen Kampfes mit grossem Haarverlust. Die Vorstellung, dass Wolfsrudel durch die steilen Kastanienwälder ziehen, gefällt uns.

Anders vor etwas mehr als 70 Jahren. Rund 250 italienische Partisanen zogen sich hierhin zurück und vereinbarten mit den Schweizer Offizieren an der Grenze, dass sie im Falle eines faschistischen Angriffs in die Schweiz flüchten dürften. So geschah es denn auch. Vor dem Rückzug fand in diesem Niemandsland aber eine Schlacht statt, bei der mehrere Partisanen starben und die heute als die Schlacht der Bäder von Craveggia bekannt ist.



Vor etwas mehr als 70 Jahren wurden hier eingeschlossene Partisanen beschossen. Heute fürchten sich hier Rehe vor dem Wolf – oder dieser sich vor dem Jäger.

Vor etwas mehr als 70 Jahren wurden hier eingeschlossene Partisanen beschossen. Heute fürchten sich hier Rehe vor dem Wolf – oder dieser sich vor dem Jäger. (Bild: Olivier Christe)

Als wir bei den Bädern ankommen, sind wir etwas enttäuscht: Diese wurden zwar vor etwa einem Jahr schön renoviert, mit der Absicht, sie allen frei zugänglich zu machen – doch just zu der Zeit, als wir dort ankommen, sind die Leitungen zu: wegen des Winters, der vor uns liegt.

Ein Besuch im Frühling lohnt sich aber auf alle Fälle. Das Wasser riecht sonderbar weich, und obwohl es mit nur gerade 28 Grad aus dem Boden tritt, laden die Wannen am Flussufer für das erhoffte Warm-kalt-Spiel ein.



Die Strukturen der ehemaligen Bäder wurden vor wenigen Jahren renoviert und sind seither frei zugänglich.

Die Strukturen der ehemaligen Bäder wurden vor wenigen Jahren renoviert und sind seither frei zugänglich. (Bild: Olivier Christe)

Und gesund soll es ja auch sein. Ob es dem Schwangerwerden aber wirklich förderlich ist, haben wir nicht herausfinden können. Und leider ebensowenig, ob unsere These stimmt, dass die tatsächlich erfolgten Geburten neun Monate nach dem Bäderbesuch eher der Zeugkraft der damaligen Badewärter zu verdanken gewesen sein muss.

Vom Bad gelangen wir in 30 Minuten in die Schweizer Ortschaft Spruga, wo der Bus direkt nach Locarno fährt.

  • Baden: Die Bäder sind ab April geöffnet.
  • Übernachten: Um die frischen Morgenstunden am Berg zu verbringen, lohnt sich eine Übernachtung vor Ort. Am italienischen Taleingang liegt das Dorf Trontano. Eine Gruppe Mittzwanziger stellt sich der Entvölkerung entgegen und hat vor einem Jahr die vergessene Trattoria della Stazione wiedereröffnet. Einfache Küche mit einfachen Betten. Die Zimmer sind begrenzt und eine Reservierung lohnt sich: Trattoria della Stazione, Piazza Paolo Ferraris 9, Trontano VB, +39 0324 37058. 
  • Abfahren: Das Centovalli-Bähnchen fährt unregelmässig und es ist wichtig, die 9.43-Uhr-Verbindung zu erwischen. Frühaufsteher, Gipfeli und Kaffeekocher im Gepäck, nehmen den 5.43-Uhr-Zug und zmörgeln mit den ersten Sonnenstrahlen am Berg. Da Start und Ziel der Wanderung in unterschiedlichen Tälern liegen, eignet sich eine Anreise per Auto nicht.
  • Loslaufen: Die benötigte Wanderzeit beträgt vier bis sechs Stunden, exklusiv Bad. Hinauf gehts etwas mehr als 1000 Meter, hinunter rund 850.

 

 

 

 

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