Ende der Pause, 13. Juli 2002

Länger als geplant dauerte mein Zwischenhalt in Birsfelden. Schliesslich ist es nicht so einfach, eine Wohnung zu finden auf den Zeitpunkt, wenn die Reise fertig sein wird. Zwei Bücher haben die Pause verkürzt.

«Paris – Bâle à pieds» von Arnold Kübler und «Carlino» von Stuart Hood (übersetzt von Stefan Howald). (Bild: Urs Buess)

Länger als geplant dauerte mein Zwischenhalt in Birsfelden. Schliesslich ist es nicht so einfach, eine Wohnung zu finden auf den Zeitpunkt, wenn die Reise fertig sein wird. Zwei Bücher haben die Pause verkürzt.

Am 30. Juni bin ich zuhause angekommen. Zuhause? Es sollte ja nur ein Zwischenhalt werden im Haus, in dem ich vor meiner Abreise gewohnt habe und das unterdessen zum Zuhause von anderen geworden ist. Rino, mein Sohn, wohnt jetzt hier, zusammen mit zwei Freunden, und jeder Abend ist eine Überraschung. Da kommen immer wieder junge Leute zu Besuch – es ist ein heiteres Kommen und Gehen. Es war schön, die Burschen zu treffen, mit ihnen zu reden, lachen, essen und trinken, mit ihnen zusammen zu wohnen. Ich habe auch mal was gekocht, nicht ungern das Haus wieder mal geputzt, den Garten etwas gestrählt.

Es war vor allem schön, Moni immer wieder zu treffen. Meist bei ihr zuhause in Zürich, mal bei mir, auch auf dem Zürcher Zeltplatz, wo sie für eine Reportage war. Wir gingen mal an einen FCZ-Match, hingen in der Flachpass-Bar rum, wo mich die Zürcher Freunde hänselten, weil der FCB keine Flachpass-Bar hat. Einer in der Flachpass-Bar sagte, als ich von meiner Reise Durness-Sizilien erzählte, dass er eben ein Buch gelesen habe von einem Arnold Kübler, der 1966 in 28 Tagen von Paris nach Basel gewandert sei. Ich habe es anderntags in einem Antiquariat gefunden, gelesen und gestaunt, wie dieser Kübler, erstens eine ganz andere Wanderwelt getroffen hat als man sie heute trifft und zweitens mit seinen 75 Jahren erst noch die Zeit fand, jeden Tag Zeichnungen auf seinem Weg zu machen.

Carlinos Weg

Sein Buch las ich auf der Zugsfahrt nach Paris, wo ich mich nach Wohnungen erkundigte und in der Rue Notre-Dame-de-Lorette auch eine zugesichert erhielt. Im Herbst sollte ich dort einziehen, um meinen Job als Frankreich-Korrespondent anzutreten. Ich sah, dass mir da noch viel administrativer Kram bevorstand und beschloss, ihn erst mal auf die Seite zu schieben. Im Zug zurück nach Basel las ich ein anderes Buch, das meine Reise nach Sizilien durchaus beeinflussen würde: «Carlino».

«Carlino» ist der Bericht eines ehemaligen britischen Nachrichtenoffiziers aus Schottland, Stuart Hood, der im September 1943 aus einem Gefangenenlager bei Parma freigelassen wurde und sich durch den Apennin nach Siena und später weiter in den Süden von Italien durchschlug, um mit dem italienischen Widerstand auf die allierten Truppen zu warten. Eine sehr nüchterne Erzählung, die einerseits in die schrecklichen Abgründe von Misstrauen und Vertrauen in wirren Zeiten leuchtet, andererseits vom einfachen ländlichen Leben Italiens in der Kriegszeit erzählt und drittens eine Route durch den Apennin beschrieb. Da wollte ich ja auch durch.

Das Buch ist auf Deutsch ganz neu erschienen (Juni 2002), übersetzt hat es Stefan Howald, den Moni und ich während unseres Besuches in London besucht haben. Ich habe es verschlungen, die Seite kopiert, auf der sehr skizzenhaft Carlinos Weg durch den Apennin aufgezeichnet ist, und ich werde diese Fotokopie mit auf den Weg nach Sizilien nehmen.

Mein Rucksack ist gepackt, er steht neben der Matratze und ist leichter als beim Start zur Wanderung vor bald drei Monaten. Das Zelt nehme ich nicht mehr mit, ich kann jetzt, da der Sommer angebrochen ist, auch im Freien übernachten. Warme Kleider brauche ich nicht mehr.

(Birsfelden, 1. bis 13. Juli 2002)

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Konversation

  1. Nicht einfach, aber doch gefunden bei books.ch.
    Eine zum Nachdenken anregende, zuweilen, für mich nicht kriegserproptem Menschen, irritierende
    Geschichte. Nicht ganz so fremd, weil ich zuvor „Schönheit und Schrecken“ von Peter Englund gelesen habe (das ich durchaus sehr empfehlen kann), und doch schwer einfühlsam in die Tatsache, dass es Menschen gab, die die Gefangenschaft als beschämend empfunden hatten, weil Sie Ihre Aufgabe nicht erfüllen konnten. Kriegsgeschichten. Lohnenswert zu lesen für Generationen, die dies
    nicht erlebt haben und hoffentlich auch nicht müssen. Es ist eine ganz eigene Welt. Und doch wiederholt sie sich immer wieder. Und aus diesem Grund, sollte man sie lesen.
    Bei Wanderungen trifft man, gewollt oder ungewollt immer wieder auf die Spuren der Vergangenheit. Wie es mir erging in Deutschland. Willkommen in Dachau. Schon bevor wir das Konzentrationslager besichtigt hatten, ein merkwürdiges Gefühl bei diesem Schild. Und die Frage stellt sich natürlich: Dachau umbenennen?
    Ich bange dem Ende der Reise entgegen, die ich so sehr mitgelebt habe, mitgegangen, mitgefahren bin.
    Es ist der 15. August. Noch 4 Tage.

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