Flüchtlingsleben im wahren «Jungle»-Camp

Am 7. Dezember 2015 haben Basler Freiwillige im Rahmen der Aktion «Rastplatz» ihre Küche im französischen Flüchtlingscamp Grande-Synthe aufgebaut. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es im Camp keine stationäre Küche, die täglich warmes Essen für die Menschen anbot. Im Flüchtlingscamp leben rund 3000 Menschen, hauptsächlich Kurden, die vor den Kämpfen im Nordirak geflüchtet sind. Jeden Tag […]

Im «Jungle» von Grande-Synthe im Norden Frankreichs leben ca. 3000 Menschen. Sie sind auf dem Weg nach Grossbritannien, um dort Asyl zu beantragen. Die Chancen, auf Lastwagen versteckt auf die Britischen Inseln zu gelangen, sind gering. So sitzen viele der Menschen schon seit Monaten in Grande-Synthe fest.


Eigentlich ist auf dem Gelände eine Öko-Siedlung geplant. Die Gemeinde Grande-Synthe möchte das Flüchtlingscamp umsiedeln, doch die Menschen stehen diesen Plänen skeptisch gegenüber. Vor allem haben sie die Befürchtung, im neuen Camp registriert zu werden, was dazu führen würde, dass sie jederzeit wieder zurück nach Frankreich abgeschoben werden könnten.


Im Camp leben hauptsächlich junge kurdische Männer, die vor den Kämpfen zwischen IS und Peschmerga im Nordirak geflüchtet sind. Es sind aber auch rund 200 Familien hier, zum Teil mit Babys und Kleinkindern. Daneben gibt es auch Iraner, Iraker und ein paar wenige Vietnamesen.


Das Camp wird von manchen auch «Little Kurdistan» genannt.


Die sanitären Bedingungen im Camp sind katastrophal. Es gibt nur wenige Toiletten und Duschen, fast keinen Strom und nur eine unzureichende Abfallentsorgung. Der Boden hat sich im Herbst in Schlamm verwandelt, in dem die Zelte nun versinken.


Jeden Tag kommen ungefähr 50 Neuankömmlinge an. So steigt die Bewohnerzahl des Camps kontinuierlich. Während hier im Juni noch unter hundert Personen auf die Überfahrt nach England warteten, sind es heute über 3000.


Neuankömmlinge, die spät nachts eintreffen, finden im Küchenzelt von «Rastplatz» einen Unterschlupf. Am nächsten Tag wird versucht, ein Zelt für sie zu finden.


Manche haben Glück und bekommen ein wetterfestes Zelt zugewiesen, das von Freiwilligen aufgebaut wurde.


Andere bauen sich ihre Unterkunft aus allen möglichen Materialien, die sie im Camp finden können.


Bryat ist seit acht Wochen im Camp. Er kommt aus Mossul im Norden Iraks, spricht gut Englisch und möchte Informatik studieren. Er hat bereits 20 Mal vergeblich versucht, auf einem Lastwagen aufzuspringen, um nach England zu gelangen. Die Überfahrt ist nicht nur gefährlich, sondern wird auch von Schlepperbanden kontrolliert. Wer es wagen will, muss 6000 Euro bezahlen können.


Die 48-jährige Roonak und ihre fünf Söhne verabschieden sich von ihren Freunden. Sie sind auf dem Weg zur Autobahnraststätte Grand-Synthe, wo sie versuchen werden, in einen Lastwagen zu gelangen, der sie mit nach England nimmt. Abschiednehmen, das Hoffen und die Enttäuschung, wenn es wieder einmal nicht geklappt hat, gehören zum Alltag im Camp.


Der Eingang zum Camp wird von der Polizei kontrolliert. Sie lässt weder Zelte noch Baumaterial hinein und kontrolliert jede Tasche. Damit verhindert sie die Verbesserung der Lebensbedingungen, was dazu führt, dass die meisten Menschen in dünnen Sommerzelten ohne Isolation auf dem schlammigen Boden schlafen müssen.


Immer wieder zerstören Sturm oder Feuer die provisorisch aufgebauten Zelte. Viele Leute versuchen in ihrem Zelt zu kochen oder zu heizen, was leicht zu Bränden führt.


Die Kinder im Camp haben wenig Spielmöglichkeiten. Es ist kalt und der Boden ist überall schlammig. Immerhin gibt es eine improvisierte Schule, wo sie in einem geheizten Raum Rechnen, Schreiben und Englisch lernen können.


Auf ihren Smartphones tragen die Menschen Bilder ihres früheren Lebens mit sich. Darauf sind sie jung, tragen Sonnenbrille und lachen. Sie hoffen, in Europa ein ganz normales Leben ohne Krieg führen zu können. Im Camp scheint dieser Traum jedoch in weiter Ferne.


Viele Privatpersonen aus der Region sowie aus angrenzenden Ländern wie Belgien, England und Luxemburg spenden Nahrungsmittel, Kleider und Decken. Fast alle Unterstützung kommt von privaten Initiativen.


Médecins sans Frontières (MSF) hat die wenigen vorhandenen sanitären Anlagen gebaut. Einige helfen sich unterdessen mit improvisierten Konstruktionen selber. Sauberes Wasser gibt es nur am Eingang des Camps und muss von dort in Kanistern transportiert werden – auch für die zwei grossen Küchen, die mehrere Tausend Mahlzeiten am Tag kochen.


Die Minustemperaturen Mitte Januar haben Besorgnis ausgelöst. Viele Menschen hatten keine Möglichkeit, sich genügend vor der Kälte zu schützen. Die Leute versuchen sich an Feuern warm zu halten. Jeden Tag kommt gespendetes Feuerholz ins Camp – aber nie ausreichend für alle.


Wer eine grosse Plane findet, legt sie über das Zelt, um sich besser gegen das raue Wetter zu schützen.


Alles, was als Ofen genutzt werden könnte, wird dazu umgebaut.


Im Herbst trafen Freiwillige aus verschiedenen Ländern im Camp ein und helfen seither, die Zustände zu verbessern. Sie organisieren Essens-, Kleider- und Materialausgaben, unterhalten die kleine Schule, kochen Essen und zerkleinern Brennholz. Sie leisten Erste Hilfe und kommen mit Feuerlöschern, wenn es irgendwo brennt. Grössere oder staatliche Organisationen sind nur vereinzelt vor Ort, so z.B. Médecins sans Frontières (MSF), die ein wichtiger Pfeiler in der Camp-Organisation sind.


Angie aus England hilft seit drei Monaten, wo sie nur kann. Sie baut unter anderem «Benders», domartige Zelte aus Haselästen.


Hussain aus Nordengland kocht in seinem umgebauten Bus bis zu 3000 Mahlzeiten täglich. Vorher hat er in Österreich für Menschen auf der Flucht gekocht. Anfang Januar ist er nach Grande-Synthe gekommen. Er ist auf eigene Faust losgezogen und hat seine Hilfe zunächst aus der eigenen Tasche finanziert. Mittlerweile unterstützt ihn ein kleines Spendernetz in Grossbritannien.


Dieser Mann aus Belgien baut jeden Morgen seinen kleinen Stand am Hauptweg auf und gibt heissen Tee aus, der gerne mit viel Zucker getrunken wird.


Dieses grosse Community-Zelt beherbergt die Küche und die Männerkleider-Ausgabe. Die Basler Gruppe «Rastplatz» hat sich hier mit ihren Kochtöpfen eingerichtet und gibt an die 2000 Mahlzeiten täglich aus. Am Wochenende kochen hier auch Gruppen aus Belgien und England. Auf der Zeltwand steht «Bacherbe» geschrieben – «Willkommen» auf Kurdisch.


«Rastplatz» hat eine verlässliche, tägliche Küche aufgezogen. Sie funktioniert mit einfachster Infrastruktur, ohne fliessendes Wasser und mit einer unzuverlässigen Stromleitung. Die meisten Mahlzeiten sind einfach und bestehen aus Reis und einer Tomaten-Gemüse-Sauce. Morgens wird Rührei angeboten, was besonders gerne gegessen wird. Neben den Kernaufgaben wie Kochen, dem Sortieren von Sachspenden und der Ausgabe von Decken und Kleidern ist die Küche ein sozialer Ort, an dem sich die Leute treffen können. Es ist der einzige gedeckte Gemeinschaftsraum im Camp.


Andere Leute haben eine Kinderbetreuung aufgebaut. Von neun Uhr morgens bis vier Uhr nachmittags können dort Kinder in einem behüteten Umfeld Basteln und Spielen.


Auch gibt es Kurden, die selbst spontan unterrichten. Auf den Tafeln stehen die Zahlen und das ABC.


Die Gemeinde Grande-Synthe und Médecins sans Frontières (MSF) planen mittlerweile ein neues Camp mit einer angemessenen Grundversorgung. Ungeachtet dessen wächst die Zeltstadt weiter.


Bis zum geplanten Umzug ins neue Camp leben die Menschen weiterhin unter prekären, teils gefährlichen Bedingungen.

Am 7. Dezember 2015 haben Basler Freiwillige im Rahmen der Aktion «Rastplatz» ihre Küche im französischen Flüchtlingscamp Grande-Synthe aufgebaut. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es im Camp keine stationäre Küche, die täglich warmes Essen für die Menschen anbot.

Im Flüchtlingscamp leben rund 3000 Menschen, hauptsächlich Kurden, die vor den Kämpfen im Nordirak geflüchtet sind. Jeden Tag kommen rund 50 neue Personen an. Viele von ihnen sind junge Männer, es sind aber auch Familien mit kleinen Kindern, Neugeborenen und schwangeren Frauen sowie ältere Menschen im Camp gestrandet. Von hier aus möchten sie auf Lastwagen versteckt nach England weiterreisen, in der Hoffnung, dort Asyl zu bekommen.

Die Situation im Camp ist katastrophal. Die Menschen schlafen in dünnen Zelten, die im Schlamm aufgestellt sind. Es gibt nur eine improvisierte, unzulängliche Infrastruktur, die aus etwa 25 Toiletten, acht Duschen, zwei Wasserstationen und einer immer wieder unterbrochenen Stromleitung besteht.

Die Menschen werden von vielen Einzelpersonen und kleinen Organisationen aus Frankreich, Belgien, Luxemburg, England und der Schweiz unterstützt. Täglich werden Essen, Kleider und Decken verteilt. Es gibt eine kleine Schule und Médecins sans Frontières (MSF) bietet medizinische Versorgung sowie Duschen an. Doch diese privaten Initiativen reichen längst nicht aus, um im Camp menschenwürdige Bedingungen zu schaffen.
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Die beiden Fotografen Joel Sames und Ketty Bertossi sind Teil des Projekts «Rastplatz» und zeigen hier ihre Eindrücke vom Leben im Camp.

Konversation

  1. Danke viel mal für diese bunte einladende Schilderung dieses wahren „Junglecamps“.

    Die enormen Risiken, die diese Flüchtlinge auf sich nehmen ( bis zum Tode), stehen eins zu eins mit dem Leiden in Nordirak. Schlimmer kann es nicht werden, denken sie, denke ich.

    Andererseits entsteht eine einmalige Zwischenmenschlichkeit, die man durch den Text hindurch spüren kann, dass ich fast denke, da möchte ich dabei sein, ohne dass das Ganze romantisiert wird.

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    1. Lieber Piet, ich denke nicht nur fast, dass ich dabei sein möchte, ganz ohne Romantik. Fahren wir morgen dort hin, schauen „es“ mit eigenen Augen an, und auf der Rückfahrt nehmen Sie und ich in unseren Autos jeweils 4 Personen mit in unser menschenwürdiges Leben.

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