Ich bin eine Nummer

Rahel Leupin hat die USA verlassen und verabschiedet sich mit einem Vergleich des amerikanischen mit dem dänischen System aus dem Wahltag-Blog. Ich habe die USA verlassen. Früher als geplant. Aber so spielt das Leben eben manchmal. «Auf was freust du dich am meisten back in Europe?», fragten meine amerikanischen Freunde. Ich antwortete kokett und ohne […]

Rahel Leupin hat die USA verlassen und verabschiedet sich mit einem Vergleich des amerikanischen mit dem dänischen System aus dem Wahltag-Blog.

Ich habe die USA verlassen. Früher als geplant. Aber so spielt das Leben eben manchmal. «Auf was freust du dich am meisten back in Europe?», fragten meine amerikanischen Freunde. Ich antwortete kokett und ohne genau zu erläutern, was ich damit meinte: «Auf mehr Sozialstaat».

Seit einer Woche bin ich nun eine Nummer im dänischen System. Soweit habe ich es in während meinem zweijährigen USA-Aufenthalt nicht geschafft. Mit meiner sogenannten Personenregistrierungsnummer (CPR) kann ich zum Arzt rennen (der Beamte auf dem Bürgeramt hat mich kurz zu sich hinter den Computer gebeten, mir eine Liste mit Arztpraxen in meiner Wohnnähe gezeigt und gesagt: «Pick a doctor – wähl einen Arzt aus.»), mein Kind für eine ganztägige Kinderkrippe anmelden, ein Handyabonnement abschliessen, ein Bankkonto eröffnen und und und. Die Nummer wurde mir 24 Stunden nach meiner Ankunft in Kopenhagen ausgestellt, notabene. Ich bin ziemlich beeindruckt, wie hindernislos Bürokratie hier in Dänemark abgewickelt wird.

Apropos Hindernis: Die administrativen Verbindungen zu den USA lassen sich nicht so easy abstreifen. Mit einem Vertreter der amerikanischen Telekommunikationsfirma AT&T telefonierte ich zuerst eine halbe Stunde, um einen Antrag zu stellen, dass meine Simkarte für andere Anbieter freigeschaltet wird.

Eine weitere geschlagene Stunde verbrachte ich im Live Chat mit AT&T und versuchte anhand ihrer Instruktionen mein Iphone zu entsichern. Als ich dann bei meinem neuen dänischen Anbieter einen Vertrag abschloss, tippte der Angestellte meine Personenregistrierungsnummer ein und sagte: «Ah, da haben wir Sie». Er las meine Wohnadresse laut vor. Ich war einfach nur baff. Er lachte laut auf als er mein erstauntes Gesicht sah und sagte: «Wilkommen im System».

Meinte ich also «das System», als ich meine Vorfreude auf mehr Sozialstaat äusserte? Freue ich mich wirklich darauf, dass sich der Staat stärker in meine privaten Angelegenheiten mischt und meine persönlichen Daten von einem Angestellten einer Telefonfirma abgerufen werden können? Mein Aufenthalt hier wird’s zeigen.

Aber eines ist klar: An alle US Bürger, die sich gegen einen stärkeren Sozialstaat auflehnen und Obama als Sozialisten beschimpfen: Relax. Entspannt euch! Lasst euch versichern – solange viele von euch 2000 Dollar pro Monat für Kinderbetreuung ausgeben, solange ihr immer und überall aufs neue eure Kontaktdaten angeben müsst, solange die Mittelschicht schrumpft und solange ihr euch eine verkürzte Wartezeit im Vergnügungspark erkaufen könnt, solange keiner von euch mehr als 40% Steuern bezahlt, seid ihr meilenweit von einem funktionierenden Sozialstaat entfernt!

Übrigens, selbstverständlich muss ich das Lohnkonto nicht meinem dänischen Arbeitgeber mitteilen. Die Bank hat das für mich erledigt. In einem mächtigen Sozialstaat gibt es keine Geheimnisse mehr, schon gar keine Bankgeheimnisse.

Mit diesem Artikel verabschiedet sich Rahel Leupin aus dem Wahltag-Blog. Die Redaktion der TagesWoche bedankt sich für die Mitarbeit und wünscht ihr alles Gute in Dänemark.

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