Im Nationalrat verlor sie die Lust an der Politik

Ruth Mascarin war die erste POCH-Nationalrätin der Schweiz. Sechs Jahre lang, von 1979 bis 1985. Dann hatte sie definitiv genug von der Politik und mied die Öffentlichkeit.

(Bild: Michael Würtenberg)

Ruth Mascarin war die erste POCH-Nationalrätin der Schweiz. Sechs Jahre lang, von 1979 bis 1985. Dann hatte sie definitiv genug von der Politik und mied die Öffentlichkeit.

Es ist ihr zweiter grosser Abschied. Der erste, 1985, sorgte in der ganzen Schweiz für Schlagzeilen und Berichte. Damals trat sie als National­rätin ­zurück. Der zweite, in diesen Tagen, ­bekümmert nur ihre Patientinnen und Patienten. Ruth Mas­carin, Hausärztin in Basel, geht in den Ruhestand.

Wahrscheinlich bewegt sie der zweite Abschied stärker. Zusammen mit ­ihrem langjährigen Praxispartner Alex Schwank hat sie in ihrem Sprechzimmer an der Waldshuterstrasse beim Eglisee 32 Jahre lang Patienten betreut und muss nun feststellen, dass sich ­keine Nachfolge finden lässt. Der Allgemeinmediziner ist heute für Mediziner unattraktiv geworden. Unregelmäs­sige Arbeitszeiten und vergleichsweise tiefe Einkommen haben den Beruf des Hausarztes unattraktiv werden lassen. «Die medizinische Ausbildung hat es verpasst, dem Hausarzt die richtige ­Position zu geben», sagt Ruth Mascarin.

Linke Exotin im Parlament

Sie war etwas irritiert über den Telefon­anruf am Montagmorgen, als wir sie anfragten, aus Anlass ihres Rücktritts als Ärztin ein Gespräch mit ihr zu führen. Sie sei keine öffentliche Person mehr, seit sie 1985 den Nationalrat verlassen habe. Das stimmt natürlich. Umso interessanter sei es, sagten wir, mit jemandem über die Zeit zu reden, in der sie als linke Exotin im schweizerischen Parlament mitgewirkt habe. Am Nachmittag kam sie vorbei, eine zierliche Person, Entschlossenheit und Bescheidenheit in einem.

Ruth Mascarin ist 1979 von den Basler Stimmbürgern als erste National­rätin der Progressiven Organisationen der Schweiz (POCH) gewählt worden. Eine Partei, die als linksextrem galt, eine Partei, die von den Bürgerlichen als Ableger Moskaus abgestempelt, vor allem aber von der SP gemieden und abgelehnt wurde. Ihre Wurzeln hatte sie in Basel, in der Basler Studentenschaft. Ruth Mascarin studierte in den späten 1960er-Jahren Medizin, interessierte sich für Politik, empörte sich über die Kriegsgräuel in Vietnam, über den Algerienkrieg. Die linke Studentenschaft war aufgewühlt. Studentinnen und Studenten studierten nicht nur, sie politisierten auch. Sie suchten nicht Anschluss an bestehende Parteien, sie gründeten eigene, unter anderem die POCH. Die POCH wurde zur erfolgreichsten der neuen linken Parteien, 1969 entstanden, zehn Jahre später im Nationalrat vertreten mit Mascarin und Andreas Herczog aus Zürich.
Der Erfolg hatte seinen Preis. Bereits der Umstand, zu den Gründungsmitgliedern der POCH zu gehören, zog für Ruth Mascarin ein Berufsverbot nach sich. Sie hatte ihr Studium 1972 erfolgreich abgeschlossen. «In Basel habe ich nie eine Stelle erhalten und hätte sie nie erhalten können. Als ich 1990 Einsicht in meine Staatsschutzfichen nehmen konnte, sah ich, dass eine entscheidende Seite fehlte, aber ich entdeckte doch den Satz, der mein Berufsverbot belegte.»

«Lustvolle Politik»

Sie fand Arbeit im Spital Laufen, poli­tisierte aber in Basel. 1972 wurde sie Grossrätin. Fünf POCH-Leute zogen in den Rat ein, in den erfolgreichsten Jahren waren sie zu zwölft. Die POCH philosophierte nicht nur über Weltpolitik, sie wirkte im Lokalen. Sammelte Unterschriften gegen Trampreiserhöhungen, blockierte Schienen, kletterte auf Bäume, um die Schanzenstrasse vor baulichen Verschandelungen zu retten, kämpfte für Kinder­tagesstätten. «Es war eine lustvolle Politk», sagt Ruth Mascarin.

Als Ruth Mascarin 1979 National­rätin wurde, kam ihr diese Lust abhanden. «Wenn man ins Bundeshaus eintrat, standen vor einem zuerst einmal diese drei steinernen riesigen Eidgenossen. Die erdrückten einen fast», sagt sie. Und die Stimmung im Saal, dieses Macker-Gehabe der National­räte, sei auf die Nerven gegangen.

Am schlimmsten hat sie die SP empfunden. «Helmut Hubacher hat nie mit uns gesprochen. Er schickte immer Moritz Leuenberger vorbei.» Das Büro des Nationalrats beschäftigte sich mit ihr, weil sie auch mal lockere Sommerhosen mit afrikanischen Mustern trug. Mascarin arbeitete gern in Kommissionen, bewirkte unter anderem, dass Frauen nach der Heirat ihren ledigen Namen behalten konnten. Sie hat gern mit Elisabeth Kopp zusammengearbeitet, sie aber nicht in den Bundesrat gewählt: «Frau sein als Programm genügt nicht. Ich habe nie bürgerlich gewählt.»

Der letzte Wahlkampf

1983 wurde sie wieder in den Nationalrat gewählt, doch sie wusste, dass es ihr letzter Wahlkampf sein würde. «Durch die Stadt gehen, an Plakatsäulen sein eigenes Konterfei ­sehen zu müssen – das wollte ich nicht mehr. Diese plakative Art widerstrebte mir.» Mascarin trat zwei Jahre später zurück, Anita Fetz, die heutige SP-Ständerätin, ersetzte sie.

Seither widmete sie sich voll und ganz ihrer Praxis, trat öffentlich allenfalls noch auf, um sich gegen gentech­nologische Auswüchse in der Me­dizin auszusprechen und betreute das gesund­heitspolitische Magazin «Soziale Medizin». Es ist von Ärzten und Fachleuten aus linken Medizinerkreisen herausgegeben worden: ein letztes Lebens­zeichen aus alten POCH-Zeiten. Ende dieses Jahres erscheint auch die «Soziale Medizin» zum letzten Mal.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 23/12/11

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