Interview Alba Rohrwacher

Seit «Hungry Hearts» gehört sie auch über Italien hinaus als eine grosse Schauspielerin. Ihre Zartheit und Sanftheit entwickeln immer wieder eine neue Macht. Im Gespräch mit Hansjörg Betschart erzählt Alba Rohrwacher von ihrer Arbeitsweise. In Venedig wurde sie mit einem silbernen Löwen als beste Schauspielerin ausgezeichnet, und schaffte, was Filmschauspielerinnen selten gelingt: Sie provozierte das […]

Alba Rohrwacher gibt über ihre Arbeit Auskunft

Seit «Hungry Hearts» gehört sie auch über Italien hinaus als eine grosse Schauspielerin. Ihre Zartheit und Sanftheit entwickeln immer wieder eine neue Macht. Im Gespräch mit Hansjörg Betschart erzählt Alba Rohrwacher von ihrer Arbeitsweise.

In Venedig wurde sie mit einem silbernen Löwen als beste Schauspielerin ausgezeichnet, und schaffte, was Filmschauspielerinnen selten gelingt: Sie provozierte das Publikum zu einem spontanen Zwischenapplaus. Aber nicht aus Begeisterung. Sondern aus Abscheu. Ihre Figur wurde georfeigt. Warum liebt diese zarte Person, starke, komplexe Figuren? 

Zu Beginn einer Arbeit erscheint mir  jede Figur wie ein unbekannter Kontinent, den es zu entdecken gilt. Ich denke dann nicht an den Film. Ich begebe mich auf die Suche nach dem anderen Menschen, als wäre es ein Abenteuer für das Leben.

Nun spielen sie in «Vergine Giurata» wiederum eine komplexe Frauenfigur: Eine junge Frau, wird in einer Männergesellschaft vor die Wahl gestellt, in Freiheit zu leben – aber als «Eingeschworene Jungfrau» mit den Rechten des Mannes – oder als Ehefrau. Ihre Figur entscheidet sich für Ersteres. Wie geschah die Annäherung?

Ich suche immer nach dem Körper einer Figur. Nach der physischen Anwesenheit. Die unterscheidet sich meist von meiner eigenen sehr deutlich: Ich muss als Mark eine Binde um die Brust tragen. Ich darf ja als «Vergine Giurate» keine Weiblichkeit im Körper zeigen. Als die Figur dieses Korsett endlich ablegt, und wieder zu Hana wird, ist das nicht nur eine Befreieung fürdie Figur, sondern auch eine Bedrohung. Um das zu zeigen, musste ich diese Szene nackt spielen. Ich fühle mich aber nicht wohl, nackt vor der Kamera, Das ist unangenehm. Aber ich bin froh, dass ich mich nicht wohl fühle dabei. Für die Figur ist das eine der wichtigsten Szenen. Freiheit ist nicht immer ein Glücksgefühl, sondern kann auch Angst machen.

Sie haben sich in eine Tradition vertieft, die  in Albanien noch praktiziert wird?

Das ist eine mündliche Tradition, genannt Kanun, die seit Jahrhunderten gilt, wie eine Art Verfassung, die das Zusammenleben von Mann und Frau regelt. Das wird sehr strikt beschreiben, was eine Frau darf und was nicht.

Und was die Männer tun müssen?

Da wird eben eine strikte Männerherrschaft festgeschreiben. Zum Beispiel sind es bei der Beerdigungszeremonie die Männer die singen, trauern – nicht die Frauen. Hana unternimmt also auch ein Reise in ein anderes Jahrhundert, wenn sie in der Grosstadt ankommt, wo Frauen sich frei bewegen.
Sie sieht aber dieses jahrhundert mit ihren Augen: So stösst sie im Schwimmbad auf Frauen, die Synchronschwimmen. Eine phantastische Metapher für die Anstrengungen, die heutige Weiblichkeit von Frauen fordert. Unter Wasser strampeln die Mädchen und leiden und dürfen nicht atmen und strengen sich an, und kaum sind sie über Wasser, lächeln sie fast maskenhaft, und alle gleich geschminkt. Da wird das Leben unter und über Wasser zu ihrem Leben. Hana sieht das als eine Möglichkeit ihrer Wiedergeburt, die auch mit Leiden und Anstrengung verbunden ist. Dieses Bild hat mir sehr geholfen in der Arbeit.

Sie spielen nicht nur eine Frau, die keine Frau sein darf, sondern sprechen auch deren albanischen Dialekt. Kannten Sie ihnvor der Arbeit?

Ich liebe es, wenn ich mich an eine Figur mit ihrer Sprache nähern kann. Das ist für mich wie die Entdeckung der Maske, hinter der sich die Figur befindet. Ihre Sprache ist ein erster Schritt zu einer Figur, die ganz weit weg von mir liegt.

Hat Hana als Mark dann eine männliche Sprachmaske?

Mark ist ja kein Mann. Er ist nur keine Frau. Der männliche Körper ist für Hana ein Gefängnis, in dem sie als Frau steckt. Hana kann sich als Mark ganz frei bewegen, aber wenn Sie genau schauen, können sie das Leid sehen in ihrem einsamen Körper.

Hana verwandelt sich nicht in einen Mann. Sie wird aber auch keine Frau?

Ich versuche nicht einen Mann zu imitieren. Zeige mich nicht als Mann. Ich verkörpere nicht, wie Cate Blanchett das  tut,wenn sie Bob Dylan spielt, männliche Haltungen. Ich spiele eine Frau die sich in einem gefangenen Körper bewegt. Sie  darf ihre Weiblichkeit nicht zeigen. Damit bezahlt sie ihre Freiheit unter den Männern. Das macht sie fünfzehn Jahre lang frei – glaubt sie – aber danach entdeckt sie eine andere Freiheit. Plötzlich kommt ihr ihr Körper wie tiefgefroren vor, der beim Auftauen weh tut.

Wie kommt es, dass ihre Figuren immer so wirken, als müssten Sie sie gar nicht spielen, sondern, eher das Gefühl vermitteln, als würden sie da leben, wo der Film sie besucht, hier in den albanischen Bergen. Haben Sie ihre Figur auch in Albanien ausprobiert?

Ich habe die Männer getroffen, die da oben leben, wo die Geschichte sich abspielt. Ich habe mit ihnen gearbeitet, habe so den Körper meiner Figur gefunden, ja, um meine Figur zu sein. Die Figur Mark hat mich tatsächlich rund um die Uhr begleitet. Sie ist sehr fein, und ich wollte sie nie verlieren.  Ich habe immer ein Geheimnis von ihr mit mir bewahrt. In «Hungry Hearts» musste ich den Albtraum eines Paares aushalten. Mit Adam Driver war ich sehr nahe. Wir waren ganz dicht aneinander. Und ich musste denneochsehr verschlossen sein. Wir kannten uns als Figuren besser als privat, so nahe waren wir uns im Spiel. Wir existierten neben den Figuren fast nicht mehr. Es gab nur noch die Figuren. Aber jede Figur hat ein anderes Geheimnis. In «Meraviglie» durfte ich den Gemeinsinn einer Familie leben. Das ist viel offener,viel kommunikativer.

Sie haben für «Hungry Hearts» den Silbernen Löwen in Venedig erhalten. Wie befördert das ihre Arbeit?

Für mich ist ein Preis eine Anerkennung meiner Arbeit. Aber meine Arbeit entsteht im Team. Die Anerkennung gilt also vielen Menschen, die diese Leistung möglich gemacht haben, die dasselbe Ziel hatten. Ein Preis fördert mich daran, noch mehr an ein Team zu glauben, das einegemeinsame Herausforderung sucht. Und Teil eines solchen Teams zu sein, das eine solche Anerkennung erhält.

In «Hungry Hearts» spielt sie eine besessene Veganerin.

In «Meraviglie» spielt sie die Schwester in einer Landkommune

In «Vergine Giurata» spielt sie Hana, die als Mark wieder zur Hana zurückfinden will

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