Kultwerk #126: Der grosse Diktator

Vor 125 Jahren wurde Charles Chaplin geboren. Mit seinem Film «Der grosse Diktator» hat er als Erster Hitlers Wahn der Welt vor Augen geführt.

Heil Hynkel! Statt eines Hakenkreuzes fungiert ein doppeltes Kreuz. «Double cross» heisst auf englisch «betrügen».

Vor 125 Jahren wurde Charles Chaplin geboren. Mit seinem Film «Der grosse Diktator» hat er als Erster Hitlers Wahn der Welt vor Augen geführt.

Seine bekannteste Rolle ist die des «Tramps», aber gleich danach kommt Anton Hynkel, der Diktator von Tomanien. Der will, hinter dem Rücken seines Verbündeten Benzino Napoloni, des Herrschers von Bakteria, ins gemeinsame Nachbarland Osterlitsch einmarschieren. Dazwischen terrorisiert er die Juden («the jewten») und schickt sie in Konzentrationslager.

Charlie Chaplins Film «Der grosse Diktator» kam 1940 ins Kino, sieben Jahre nach der Machtergreifung Hitlers in Deutschland, und die Parodie ist keineswegs subtil: der Schnauz und der Militarismus, die bizarr zackige Gestik, die Spiessgesellen Gorbitsch und Herring – alles da. Besonders drastisch überzeichnet sind die Massenansprachen von Chaplins Hynkel, in denen er Hitlers aggressiven Redestil in einem unverständlichen Denglisch persifliert, in dem es Kernbegriffe wie «Wiener Schnitzel», «Sauerkraut» und «Schtonk!» hagelt.

Legendär ist die Szene, in der der grosse Diktator seiner Weltherrschaftsfantasie einen fast zärtlichen Ausdruck gibt, indem er mit einer Weltkugel zu Wagners Lohengrin-Ouvertüre tanzt – bis der Globus ob so viel Verehrung in seiner Hand platzt. Einen seltsamen Kontrast bildet die Schlussszene: der jüdische Coiffeur (ebenfalls Chaplin), der aufgrund der frappanten Ähnlichkeit mit Hynkel plötzlich an die Stelle des Diktators getreten ist, hält eine Radioansprache ans besetzte Osterlitsch – und holt zu einer Fanfare auf die Freiheit und gegen nationalstaatliche Rivalitäten aus. Hier kippt der Film von der Parodie mit herrlichen Slapstick-Szenen ins pathosreiche Melodram – und verrät viel über die Zeit, in der er entstand.

«Der grosse Diktator», Chaplins erster Tonfilm, entsprang einer Idee, die der damals längst berühmte Schauspieler schon ein Weilchen im Kopf trug, wobei er allein schon angesichts seiner harmlosen Darstellung der Konzentrationslager von der tatsächlichen Brutalität des Nazi-Regimes offensichtlich nichts wusste. Das Leitthema ging über den Faschismus hinaus. Vier Jahre zuvor hatte Chaplin mit «Modern Times» bereits den Staatskapitalismus der USA sowie die Degradierung des Menschen durch die Industrialisierung kritisch aufs Korn genommen; nach dem Zweiten Weltkrieg geriet er in den Hetzjahren der McCarthy-Ära ins Visier der amerikanischen Patriotismuswächter.

Nach einer Europareise im Jahr 1952 versagten ihm die USA die Wiedereinreise, woraufhin sich Chaplin in Vevey am Genfersee niederliess. Auch davon handelt, auf visionäre Art, die Schlussrede des kleinen Coiffeurs, der sich plötzlich an Stelle des Diktators findet: vom Ideal der Menschenwürde, das der Einzelne nur jenseits von Staatsdoktrin und Ideologiezwang findet. Ein wahrhaft liberaler Gutmensch in jedem positiven Sinn des Wortes.

Charles Chaplin
Charles Chaplin, vor 125 Jahren in bitterarmen Verhältnissen in England geboren, wurde zu einem der ersten globalen Filmstars der Geschichte. Bekannt wurde er als Slapstick-Darsteller im Stummfilm und als namenloser Vagabund, der in seinen Komödien wie «Der Einwanderer» den Blick auf teilweise desolate Verhältnisse nicht ausser Acht liess. «Der grosse Diktator», «Modern Times» oder «The Kid» zählen zu seinen berühmtesten Filmen. Chaplin starb am Weihnachtstag 1977 in Vevey. Sein Wohnhaus soll noch dieses Jahr als Museum öffentlich zugänglich gemacht werden.

Konversation

  1. Selbstverständlich wäre es fatal, eine Hierarchie der Opfergruppen zu machen (was Ansatzweise leider in Berlin geschah mit der Eröffnung des exklusiv den Juden gewidmeten Holocaust-Memorial und dem darauf folgenden unwürdigen „Wettlauf“ um die Mahnmale der andern Gruppen).

    Fakt ist aber, dass Chaplin das Treatment des Films 1938 einreichte, als die „Anhalte-“ und „Arbeits-„Lager zweifellos schon schlimm genug waren, jedoch noch längst nicht den traurigen „Standard“ der Vernichtungsmaschinerie ab 1941 hatten.

    Zwar war wohl zur Zeit der Premiere (1940) auch ausserhalb Deutschlands schon einiges mehr über die KZ bekannt als beim Schreiben des Treatments. Nach 1941 haben die Nazis mit dem Tötungsapparat (übrigens auch gegenüber den andern Opfergruppen, siehe zB. Aktion T4, Aktion Brandt, die alle frühestens 1940 begannen) erst „richtig losgelegt“.

    Es war zweifellos kein Zuckerschlecken, in einem Arbeitslager bis zum Umfallen Steine schleppen zu müssen und soll in keiner Weise verharmlost werden.

    Auf der andern Seite wird es Chaplin nicht gerecht, ihm aus dieser sich zu Zeiten des Filmdrehs erst allmählich schneller drehenden Gewaltspirale der Nazis einen Strick drehen zu wollen.
    „Hätte ich von den Schrecken in den deutschen Konzentrationslagern gewusst, ich hätte Der große Diktator nicht zustande bringen, hätte mich über den mörderischen Wahnsinn der Nazis nicht lustig machen können“, schrieb Chaplin Jahre danach in seiner Autobiographie.

    Genau DESHALB (was übrigens alles einfach bei Wikipedia rercherchierbar ist, auch ohne dass man (wie ich) als Aktivist einer Opfergruppe sich jahrzehntelang mit dem Thema auseinandersetzt) ist die von mir kritisierte Passage im Artikel von Andreas Schneitter schludrig geschriebener Journalismus und als solcher kritisierbar.

    So ehrenhaft es manchmal ist, die TaWo zu verteidigen: Grummel scheint meinen vielleicht zu ausführlichen Kommentar von gestern Abend missverstanden zu haben oder hat sich nur an einem Teil der Argumente orientiert. Ja, es ist manchmal schwer, gut, kurz und präzis zu argumentieren. Das geht auf meine Kappe.

    Vorwürfe zu postulieren, die zwar auch schon durch die Presse geisterten, die aber definitiv nicht haltbar sind, widerspricht dem Eigenanspruch einer Zeitungsredaktion trotz aller Debatte hier ZU stark.

    Danke Empfehlen (0 ) Antworten
  2. … keinen Unterschied zwischen einem vernichteten Juden, einem vernichteten Schwulen, einem vernichteten Jenischen, einem vernichteten Katholiken, einem vernichteten Behinderten, einem vernichteten Sozialdemokraten, einem vernichteten Kommunisten, einem vernichteten Kommissar, einem vernichteten Partisanen, einem vernichteten Deserteur, einem vernichteten Widerstandskämpfer, oder überhaupt einem Vernichteten feststellen.

    «Der „grosse Diktator“ hat es nicht verdient, von einem „kleinen Journalisten“ dermassen oberflächlich und schlecht recherchiert rezensiert zu werden».

    Da kommt mir direkt ein anderes Zitat in den Sinn: «Wenn irgendein blöder britischer Zeitungslümmel nun erklärt, das müsste erst bestätigt werden …»

    Auch das kommt aus einer Grube.

    Danke Empfehlen (0 ) Antworten
  3. Ja, die Nazis waren Antisemiten, ja, die Reichskristallnacht war 1938.
    Aber nein: Chaplin hat die KZ nicht „verharmlost“ oder „offensichtlich nichts gewusst“. Am 12. November 1938 wurde das Treatment des Films bei der Copyright-Behörde eingereicht. In dieser Zeit waren neben den „Politischen“ die Asozialen, Homosexuellen, Zeugen Jehovas, Sinti, Jenische die grössten Gruppen der KZ-Insassen – in KZs, die sehr brutale „Arbeitslager“, „Festhaltelager“ etc. waren. Die vierte Phase der NS-KZ begann etwa Anfang 1942 und endete 1945. Sie war vor allem durch die massive Judenverfolgung gekennzeichnet. Als „Endlösung der Judenfrage“ bezeichneten die Nazis seit Juli 1941 ihr Ziel, alle von ihnen als Juden definierten Personen zu ermorden,
    Der „grosse Diktator“ hat es nicht verdient, von einem „kleinen Journalisten“ dermassen oberflächlich und schlecht recherchiert rezensiert zu werden. Chaplin muss sich auch zum 125. Geburtstag nichts vorwerfen lassen. Sein Diktator ist bis heute um Längen besser als andere Spielfilme, die sich als „Anti-Kriegsfilme“ u.ä. feiern liessen.

    Danke Empfehlen (0 ) Antworten
  4. Recht- was an sich schon unheimlich viel über die Parafaschistische und Totalitäre ideologie des Mc-Carthyismus verrät,- den Grossartigsten Schauspieler der Filmgeschichte, einen Human denkenden Pazifisten -mit zugegeben etlichen Menschlichen Schwächen,- der sich tatsächlich einst erdreistete öffentlich auszusprechen dass „Kommunisten Menschen wie andere auch“ seien , einen Mann ohne den Hollywood nicht das gewesen wäre wwas es damals bereits war, einfach nicht mehr einreisen zu lassen, DAS sagt uns Nachgeborenen (bin selbst Jg. 64) unglaublich viel trauriges aus über die Hysterische und Reaktionäre Nachkriegs und Kaltkriegsdenke nicht nur- aber vor allem- der USA , aber im Grunde des gesamten sog. „Freien Westens“ – den Totalitaristen von der „anderen Seite“ ja Moralisch aber auch so Turmhoch überlegen… ts. ts. ts.

    Danke Empfehlen (0 ) Antworten
Alle Kommentare anzeigen (6)

Nächster Artikel