Kultwerk #51: SBB-Bahnhofsuhr

Sie ist Symbol von Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit und wird gar von digitalen Giganten geschätzt.

Allgegenwärtig: Die SBB-Bahnhofsuhr. (Bild: Keystone)

Sie ist Symbol von Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit und wird gar von digitalen Giganten geschätzt.

Die Aufregung um das bekannteste Symbol der hiesigen Pünktlichkeit ging sanft und leise zu Ende. Im September 2012 hat der Weltkonzern Apple bei einem Software-Update das Design der Schweizer Bahnhofsuhr für ein Zeit-Icon übernommen: weisser Hintergrund, zwei markante schwarze Zeiger für Stunden und Minuten, eine rote Kelle für die Sekunden. 1944 hat sie der Ingenieur und Gestalter Hans Hilfiker im Dienst der Schweizer Bundesbahnen entworfen, 1955 kam der Sekundenzeiger hinzu, seither hängt sie unverändert an jedem Bahnhof. Ein Klassiker mit klarem Design, der es von Anfang an präzise nahm mit der Pünktlichkeit: Weil der Sekundenzeiger aufgrund der möglichst geringen Menge an Bewegungsimpulsen etwas zu schnell läuft, verharrt er jedes Mal eine Zusatzsekunde, sobald er die Zwölf kreuzt.

Die Uhr folgt also derselben Qualität, die auch dem von ihr geleiteten Zugverkehr abverlangt wird: Präzision. Die formale Strenge, die Hilfiker ins Design der Uhr hineingelegt hat, war für ihn Ausdruck einer «verantwortungsvollen Formgebung», die im Dienst aller «lebensfördernden Beziehungen» zu stehen hatte. Zwischen Mensch und Mensch wie zwischen Mensch und Ding. So hat ihn weniger die Ästhetik, sondern vielmehr die Funktionalität zu seinem berühmtesten Wurf gebracht: deutliche Kontraste, klare Formen, gut erkennbare Zeichen. Die SBB-Uhr geht kaum je falsch und die Zeit ist sehr gut ablesbar.

So wurde sie zum Designklassiker, die unter anderem im London Design Museum und im Museum of Modern Art in New York ausgestellt wird. Auch wird sie von der Schweiz bei Staatsfeiern ins Ausland verschenkt, etwa 2003 an die Stadt St. Petersburg zu ihrem 300. Gründungstag. Seit 1986 gibt es Hilfikers Uhr auch für das Armgelenk, produziert von der Uhrenfirma Mondaine, legalisiert von den SBB per Lizenzvertrag. Die kostet zwar je nach Modell mehrere Hundert Franken, hat aber auch Vorteile: Wer sie vorzeigt, erhält im London Design Museum den Eintritt umsonst. Eine Lizenzvereinbarung mit den SBB hat unterdessen auch Apple geschlossen. Was die Vereinbarung konkret beinhaltet und welche Summen auf den Tisch geworfen wurden, darüber haben die Parteien Stillschweigen vereinbart. Die SBB dürfen aber erfreut sein: Ihre Hoheit über den Designklassiker bleibt gewahrt, zusätzlich wird Hilfikers Uhr auf rund 80 Millionen iPhones und iPads zu sehen sein.

Der Zürcher Hans Hilfiker (1901–1993) war Elektroingenieur und Gestalter. Er gilt als einer der Pioniere des schweizerischen Industriedesigns. Neben seinem bekanntesten Werk – der Bahnhofsuhr – war er massgeblich an der Entwicklung einer Systemküche in den 1960er-Jahren beteiligt, welche zur Schweizer Küchennorm 55/60/90cm führte.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 26.10.12

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