Meister im Knüpfen von Knoten

Der Rheinschiffer und Hochseematrose Heinz Bieri kennt die halbe Welt – und Hunderte von kunstvollen Schifferknoten, über die sich auch die Zolli-Affen freuen.

Nach einem Leben auf dem Meer erkundet Pensionär Heinz Bieri nun seine Heimat – wenn er nicht gerade Seile verknotet. (Bild: Stefan Bohrer)

Der Rheinschiffer und Hochseematrose Heinz Bieri kennt die halbe Welt – und Hunderte von kunstvollen Schifferknoten, über die sich auch die Zolli-Affen freuen.

Was haben die Kletterseile im Affenhaus des Basler Zolli mit dem Ozean zu tun? Das kunstvoll geknüpfte Seilarrangement stammt nicht aus einem Versandhaus für Grosstierhaltungsbedarf, sondern ist liebevoll von Hand geknüpft. Von einem der letzten «echten» Schweizer Hochseematrosen: dem 63-jährigen Heinz Bieri. Die Kletterkonstruktion für die Tiere ist das praktische Nebenerzeugnis eines abenteuerlichen Menschenlebens.

Natürlich haben ursprünglich nicht die Knoten Heinz Bieri fasziniert. «Schon als kleiner Bub hab ich Papierschiffe gebaut und auf Bächen und Teichen schwimmen lassen», erinnert sich der ehemalige Seemann. Und immer schon zog es den heute Pensionierten in die Ferne unter weitem Himmel. Bei seinen ausgedehnten Velotouren machte der Bub aus dem bernischen Langenthal Bekanntschaft mit dem Basler ­Hafen und der Rheinschifffahrt. Eine Berufslehre als Schreiner brach er ab, weil er nicht in einer Werkstatt arbeiten wollte.

1966 heuerte Bieri als Schiffsjunge auf einem Rheinfrachter an und erlernte den Beruf des Rheinschiffers. Und so sicher wie der Rhein in die Nordsee fliesst so sicher zog es Bieri hinaus aufs offene Meer. Als Deckboy stach er erstmals in See, wurde bald Leichtmatrose und stieg zum Bootsmann auf.

«Die meisten Leute hierzulande wis­sen gar nicht, dass die Schweiz eine Hochseeflotte hat und rund 600 Seeleute mit Schweizer Pass die Weltmeere bereisen», sagt der Seebär mit einem breiten Grinsen unter seinem buschigen Schnurrbart.

Thunfisch und Raketenteile

Bieri befuhr im Auftrag von ­Schweizer Reedereien Atlantik und ­Pazifik, Mittelmeer und Gelbes Meer. Er landete am Polarkreis im eisigen finnischen Kemi und umschiffte das Kap der Guten Hoffnung. Er schipperte ­Autos und Stahl den Kongo hinauf und Tropenholzbaumstämme wieder hinab. Er lieferte Thunfisch aus Kuru nach Ecuador und Raketenteile für die Raumfahrt von Ruon (F) nach Fran­zösisch-Guayana.

Entlang der afrikanischen West- und Ostküste, nach Indonesien, China, Nord- und Südamerika transportierte er zuerst für die Schweizerische Ree­derei AG, dann für die Neptun AG, die Migros, die Rhenus und schliesslich die Swissalpina Stückgut von Nord nach Süd, von Ost nach West. Exotische Orte und Abenteuer gehen ihm locker von der Lippe und lassen noch heute seine Augen leuchten.

Die Seefahrt zählt zu den gefährlichsten Berufen. Doch über Unfälle und Todesfälle, die er miterlebt hat, mag Bieri nicht sprechen – aus psychohygienischen Gründen. «Ich habe stets nur die lustigen Geschichten erzählt und die bitteren Erlebnisse lieber rasch vergessen», sagt er lächelnd. Containerschiffe waren zu Bieris Zeiten noch die Ausnahme. Auf den kleinen 10 000- und 15 000-Tönnern gab es noch allerlei festzuzurren und zu verknoten.

Tausende von Knoten

«Im Lehrbuch für Matrosen sind nicht weniger als 3000 Knoten verzeichnet», erzählt der Seemann, «viele davon sind allerdings reine Ziergebilde.» Wie viele er selber auswendig knüpfen kann, weiss Bieri nicht genau. «Viele Knoten funktionieren ähnlich und die meisten werden in der modernen Schifffahrt gar nicht mehr gebraucht», erklärt er. Und: «Einen Knoten zu machen, ist keine grosse Kunst. Aber im Notfall die Knoten eines nassen, aufgequollenen Seils in Sekundenschnelle zu öffnen, das will gelernt sein.»

Die Matrosen von heute haben diesbezüglich weniger Probleme. Die Seile sind normalerweise aus Kunststoff und wasserabweisend. Container werden mit Ketten und Drahtseilen befestigt. Da holt sich keiner mehr klamme oder blutige Finger bei der Befestigung. Aber dafür sehen die Hochseematrosen auf ihren Reisen auch nichts mehr von ihren Zieldestinationen. «Heute sind die Frachter so gross, dass sie oft Kilometer vor den Häfen gelöscht oder beladen werden müssen.»

Zu Bieris Zeiten landeten die Matrosen noch in den Hafenstädten und gingen auf Tuchfühlung mit den Menschen. «Einmal lagen wir wartend im Nigerdelta vor Anker. Da gab es ein kleines Dorf. Die hatten zwar keinen Strom, keinen Hafen und nicht mal einen Landungssteg. Aber einen ­Petroliumkühlschrank mit kaltem Bier.» Grund genug, das Rettungsboot zu wassern und an Land zu rudern. Doch irgendwann hätten die Matrosen keine Lust mehr gehabt, sich beim Landgang nasse Füsse zu holen. «Da haben wir einfach einen 16 Meter langen Landungssteg gebaut.»

17 Jahre auf hoher See

Den Grossteil seines Berufslebens hat Bieri auf dem Wasser verbracht, 17 Jahre davon auf hoher See. Eine Fahrt von Rotterdam nach Singapur dauerte damals noch 35 Tage, eine Reise nach China und zurück fünf bis sechs Monate. Die kurzen Ferien zu Lande verbrachte der Seemann meistens bei seinen Eltern in Langenthal. Hat sich da nicht ein beträchtliches Vermögen angesammelt? Schliesslich waren Kost und Logis auf den Frachtern frei, und auf See konnte man kein Geld ausgeben. Bieri winkt ab: «Viele Matrosen schafften es, ihre ganze Heuer bei einem Landgang auf den Kopf zu hauen. Ich selber hielt die Ausgaben stets im Rahmen – viel Geld ist trotzdem nicht übrig geblieben.»

Wie es mit der Liebe stehe, wollen wir noch wissen – in jedem Hafen eine Braut? «Das ist ein Filmklischee», sagt Bieri. «An vielen Orten war der Kontakt zu den Einheimischen gar nicht möglich – etwa in China. Oder überall, wo es militärische Konflikte gab.»

Heute lebt er in einer festen Partnerschaft, ist aber unverheiratet. «Auch die Wohnsitze halten wir getrennt», sagt der Seebär schmunzelnd. Die freie Zeit als Pensionär werde ihm ohnehin nie lang. Meistens arbeitet er an kunstvollen Knoten, die er Freunden und Bekannten schenkt. Zurzeit ist er mit einer Hängematte beschäftigt: «230 Meter Schnur, 300 Knoten.» Und jetzt, nachdem er fast die ganze Welt bereist habe, komme er endlich auch dazu, die Schönheiten der Heimat zu erkunden. Mit SBB-Tageskarte und Proviant gewappnet fährt er mit seiner Mutter oder Freunden kreuz und quer durch die Schweiz. Nur vom Wandern hält er nichts: «Ich hab meine Knie auch so kaputt gekriegt. Ausserdem bin ich im Sternzeichen Wassermann und nicht Steinbock.» 

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 03.02.12

Konversation

Nächster Artikel