Mutmassliche Attentäter von Paris offenbar identifiziert

Die französische Polizei soll die drei Täter des Terroranschlags auf das Satiremagazin «Charlie Hebdo» identifiziert haben, berichtet die Zeitung «Le Monde» unter Berufung auf Ermittler.

Amateuraufnahme der Schützen von Paris (Bild: sda)

Die französische Polizei soll die drei Täter des Terroranschlags auf das Satiremagazin «Charlie Hebdo» identifiziert haben, berichtet die Zeitung «Le Monde» unter Berufung auf Ermittler.

Die französische Polizei soll die drei Täter des Terroranschlags auf das Satiremagazin «Charlie Hebdo» identifiziert haben. Darunter seien zwei Brüder aus Paris mit französischer Staatsangehörigkeit, berichtete die Zeitung «Le Monde» unter Berufung auf Ermittler.

Die Polizei suche unter anderem nach zwei Brüdern aus Paris mit französischer Staatsbürgerschaft; auch der dritte Täter sei identifiziert, hiess es unter Berufung auf Ermittlerkreise. Die Männer sollen 34, 32 und 18 Jahre alt sein. Berichte über Festnahmen der drei Täter dementierte das Innenministerium allerdings.

Nach dem Blutbad in der Redaktion war zunächst unklar, wie viele Täter daran beteiligt waren. Der Staatsanwalt sprach von «mindestens zwei» Angreifern, ein Augenzeuge soll drei Täter gesehen haben.

Polizei vermutet ausgebildete Killer

Innenminister Bernard Cazeneuve hatte zuvor berichtet, dass es beim Anschlag auf die Satire-Zeitung drei Täter gab. Es werde alles getan, um die Kriminellen, die hinter diesem «barbarischen Akt» steckten, ausser Gefecht zu setzen, sagte er nach einer Krisensitzung im Élysée-Palast. Konkrete Angaben zur jeweiligen Rolle der Attentäter machte Cazeneuve nicht.

Die Angreifer waren mit Kalaschnikows bewaffnet am Vormittag in die Redaktionsräume der Satire-Zeitung im Zentrum von Paris eingedrungen, die für ihre provokanten Mohammed-Karikaturen bekannt ist. Fünf Minuten sollen die Angreifer in den Räumen gewesen seien, sie töteten zwölf Menschen und verletzten bei dem blutigsten Anschlag in Frankreich seit vier Jahrzehnten elf weitere, vier von ihnen schwer.

Die Täter, deren Fahrzeug sichergestellt wurde, konnten anschliessend – zunächst unerkannt – fliehen. Nach Angaben von Innenminister Bernard Cazeneuve schliesst die Polizei aus deren Vorgehen auf professionell ausgebildete Killer. Inzwischen hat die Polizei Fotos der mutmasslichen Täter veröffentlicht, der Jüngste soll sich zudem gestellt haben, nachdem Identitätskarten im Auto gefunden worden sein sollen. Nach Angaben des französischen Premierministers Manuel Valls gab es bereits mehrere Festnahmen (> zum aktuellesten Artikel).

Getötet wurde auch Chefredaktor

Unter den Toten sind der Mohammed-Karikaturist und Redaktionsleiter Charb alias Stéphane Charbonnier (ein Porträt von Frankreich-Korrespondent Stefan Brändle: Der Provokateur, der sich selber nicht so sah ) sowie die drei weiteren bekannten Karrikaturisten Cabu, Wolinski und Tignous. Elf weitere Menschen wurden bei dem blutigsten Anschlag in Frankreich seit vier Jahrzehnten nach Angaben der Staatsanwaltschaft verletzt, vier von ihnen schwer.

Auf Videoaufnahmen ist zu sehen, wie zwei vermummte Männer mit Kalaschnikow-Gewehren die Redaktion im Zentrum der französischen Hauptstadt stürmen. Ein Mann schrie «Allahu akbar» («Gott ist gross»), danach sind erste Schüsse zu hören. Auch rief einer der Täter «Wir haben den Propheten gerächt».

Eine Karikaturistin der Westschweizer Satire-Zeitschrift «Vigousse» hat den Anschlag auf «Charlie Hebdo» überlebt. Wie die Zeichnerin Corinne Rey selbst gegenüber der Zeitung «l’Humanité» erläuterte, hätten die Männer perfekt französisch gesprochen. «Sie sagten, sie seien von Al Kaida.» Der Überfall habe etwa fünf Minuten gedauert; sie habe unter einem Schreibtisch Deckung gesucht.

Nicht der erste Anschlag

«Charlie Hebdo» war mehrfach wegen Mohammed-Karikaturen in die Kritik geraten. Bereits im November 2011 waren nach der Veröffentlichung einer «Scharia»-Sonderausgabe mit einem «Chefredaktor Mohammed» die Redaktionsräume in Flammen aufgegangen. Die Website war zudem mehrfach von Hackern angegriffen worden.

Seine neueste Ausgabe vom Mittwoch widmete die Wochenzeitung dem neuen Roman des französischen Skandal-Autors Michel Houellebecq. Dieser beschreibt in «Soumission» (Unterwerfung) den Sieg der Präsidentschaftswahl 2022 durch einen muslimischen Kandidaten, der in der Folge Frankreich regiert. Dagegen hatte es heftige Proteste von Muslimen gegeben.

Scharfe Reaktionen der französischen Vereinigungen der Muslime

Präsident François Hollande eilte zum Tatort und sprach von einem Terroranschlag. Hollande kündigte Härte gegen die Täter an: «Wir werden die Angreifer bestrafen und so lange jagen wie nötig.» Die Regierung rief für Paris die höchste Terror-Warnstufe aus.

Von französischen Muslimvereinigungen kamen scharfe Worte. Der französische Rat des muslimischen Glaubens (CFCM) sprach von einem «barbarischen» Akt «gegen Demokratie und Pressefreiheit». Auch die den Muslimbrüdern nahestehende Union der islamischen Organisationen Frankreichs (UOIF) kritisierte den «kriminellen Angriff und diese schrecklichen Morde». Die Täter seien kriminelle Barbaren, die ihre Seele an die Hölle verkauft hätten, sagte der Imam der Moschee von Drancy bei Paris.

Distanzierungen aus Ägypten, Saudi Arabien und Iran

Aber auch aus Kairo kamen klare Worte. «Das ist ein krimineller Akt. Der Islam lehnt Gewalttaten jeder Art ab», liessen die islamischen Gelehrten der für Sunniten – rund 90 Prozent aller Muslime – massgeblichen Al-Azhar-Universität in der ägyptischen Nachrichtenagentur Mena verlauten. Und von der Arabischen Liga hiess es: «Wir verurteilen den Terroranschlag mit Schärfe.»

Auch das Königreich Saudi-Arabien, Hüter der heiligen Stätten in Mekka, bezog Position. Der Angriff sei ein «feiger Terrorakt, der durch die Religion des Islam und alle anderen Religionen abgelehnt wird», sagte ein Sprecher des Königshauses. Am Abend kamen harte Worte ausserdem aus dem Iran.

Die Welt in Empörung

International sorgte der Anschlag für scharfe Reaktionen, von Moskau über Berlin, Brüssel und London bis Washington wurde er verurteilt. «Die Morde in Paris sind ekelerregend», schrieb der britische Premier David Cameron auf Twitter. «Wir stehen an der Seite des französischen Volks im Kampf gegen Terror und beim Verteidigen der Pressefreiheit.»

Bestürzung in der Schweiz

Die Bestürzung ist auch in der Schweiz gross. Die Schweiz verurteile das Attentat in Paris, sagte Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga gemäss Tweet von Bundesratssprecher André Simonazzi. Sie drücke Frankreich ihr Beleid aus.

Der Westschweizer Verlegerverband Médias Suisses zeigte sich konsterniert. Es sei ein «schwarzer Tag» für die Pressefreiheit, sagte Generalsekretär Daniel Hammer.

Der Journalistenverband Impressum äusserte sich in einer Mitteilung «zutiefst erschüttert». «Wir verurteilen den Angriff auf die Presse- und Meinungsäusserungsfreiheit aufs Schärfste und rufen die Behörden auf, die Verantwortlichen des Massakers und ihre Hintermänner ohne Rücksicht auf andere Interessen zur Verantwortung zu ziehen.»

Zu Wort meldete sich auch der deutsche Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani in einer Medienmitteilung:

«Das ist nicht nur ein Anschlag auf eine Zeitschrift und auch nicht nur auf die Kunst. Das ist ein Anschlag auf ein Europa, das den Menschen ungeachtet ihres Geschlechts, ihres Glaubens, ihrer Herkunft, ihrer sexuellen Orientierung Würde, Freiheit und gleiche Rechte zuspricht – auch und zumal den Muslimen. Tun wir, was den Tätern am meisten missfällt und den Opfern am meisten entspricht: Bleiben wir frei.»

Tausende solidarisieren sich




Solidaritätsbekundung in Lausanne. (Bild: LAURENT GILLIERON)

Mehr als 100’000 Menschen gedachten am Mittwochabend in ganz Frankreich bei Trauerkundgebungen der zwölf Todesopfer. In der Hauptstadt versammelten sich auf dem Platz der Republik mehr als 35’000 Menschen, wie die Polizei mitteilte. In vielen anderen Grossstädten gingen ebenfalls tausende Demonstranten auf die Strasse.

Auch in der Schweiz gab es mehrere Kundgebungen. Ausserdem versammelten sich anderen Hauptstädten viele Menschen aus Solidarität.




Buenos Aires. (Bild: MARCOS BRINDICCI)

Sicherheitsvorkerungen in Dänemark erhöht

Nach dem Anschlag in Paris hat die dänische Zeitung «Jyllands-Posten» die Sicherheit in ihren Redaktionshäusern verschärft. Die «Jyllands-Posten» hatte 2005 zwölf Mohammed-Karikaturen veröffentlicht. Diese hatten heftige Reaktionen in der islamischen Welt ausgelöst. Ein Anschlag auf die Redaktion in Kopenhagen hatte 2010 vereitelt werden können.

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Ein Porträt des Magazins der «Süddeutschen Zeitung»: «Charlie Hebdo» und die Kunst, böse zu sein
Die Analyse des TagesWoche-Korrespondenten: Grausamer Höhepunkt einer ganzen Serie von Terroranschlägen
Die Welt trauert:
Trauerbekundungen fanden spontan noch Mittwochabend statt – auch in der Schweiz
Eine Welle der Solidarität ging auch durch die sozialen Medien – massenhaft verbreitet und geteilt wurdenlegendäre «Charlie»-Cartoons.
«Die Welt» hat zudem die Reaktionen von Karikaturisten auf den Anschlag gesammelt:

Dies und noch viel mehr zum Thema findet sich derzeit auf Twitter:

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