October Surprise

Der 17. September könnte als der Tag in den Kalender eingehen, an dem Mitt Romney seine Wahl zum US-Präsidenten verloren hat. Dahinter steckt – wie oft bei Romney – ein Eigentor. In einer Rede vor SponsorInnen hat der Republikaner knapp die Hälfte (47%) seiner Landsleute beschimpft. Sein Pech: er wurde klammheimlich gefilmt. «Unelegant», nennt Mitt […]

Heimlich gefilmt: Mitt Romney bei seiner wilden Rede.

Der 17. September könnte als der Tag in den Kalender eingehen, an dem Mitt Romney seine Wahl zum US-Präsidenten verloren hat. Dahinter steckt – wie oft bei Romney – ein Eigentor. In einer Rede vor SponsorInnen hat der Republikaner knapp die Hälfte (47%) seiner Landsleute beschimpft. Sein Pech: er wurde klammheimlich gefilmt.

«Unelegant», nennt Mitt Romney seinen eigenen Auftritt. Er habe auf Fragen reagiert und seine Antworten «aus dem Ärmel geschüttelt», sagt er bei einer hastig einberufenen Pressekonferenz. Doch er bereut nichts. Romney bleibt bei allem, was er am 17. Mai in Boca Raton in Florida gesagt hat.

Der republikanische Präsidentschaftskandidat sprach in dem herrschaftlichen Wohnsitz seines Kollegen Marc Leder, der im Private-Equity-Geschäft spekuliert. Romneys Publikum waren SponsorInnen, die jeweils 50.000 Dollar für das Essen bezahlt hatten. Die Kellner trugen weisse Handschuhe.

Vier Monate später hat das linke US-Magazin «Mother Jones» eine Aufzeichnung des Auftritts, bei dem Romney sich allein mit den MillionärInnen glaubte, online gestellt. Das 50minütige Video ist klammheimlich von einem Weintisch am Rande des Raums aufgezeichnet worden. Romney beschimpft darin US-AmerikanerInnen, die von Niedrigeinkommen leben. Behauptet, die PalästinenserInnen «wollen keinen Frieden». Witzelt, dass er «bessere Wahlchancen» hätte, wenn seine Vorfahren mexikanisch wären. Und erklärt, dass er seine Frau nicht zu häufig in den Wahlkampf vorschickt, damit die WählerInnen ihrer «nicht müde» werden.

Unter anderem bezeichnet Romney 47 Prozent seiner Landsleute als «Nicht-Steuerzahler», die «von der Regierung abhängen», sich «als Opfer sehen» und meinen, «sie hätten ein Anrecht auf Gesundheitsversorgung, auf Nahrung und auf Wohnungen». Um diese knappe Hälfte seiner Landsleute will sich der Mann, der im November US-Präsident werden will, gar nicht erst kümmern. Romney: «Sie werden sowieso für den Präsidenten stimmen. Es ist nicht mein Job, mir Sorgen um sie zu machen.»

Sieben Wochen vor den Wahlen schlägt die Veröffentlichung des Video – zunächst in einem Ausschnitt, dann in voller Länge – wie eine Bombe ein. Die Steuer-Fakten stimmen: Tatsächlich zahlen 46 Prozent der US-AmerikanerInnen keine Einkommenssteuer (siehe: Tax Policy Center). 

Doch dass ein Bewerber auf das Präsidentenamt eine knappe Hälfte seiner Landsleute links liegen lassen will, geht selbst RepublikanerInnen zu weit. Mehrere davon distanzieren sich am Dienstag von Romney. In dem konservativen Magazin «Weekly Standard» schreibt der einflussreiche Journalist Bill Kristol von «arroganten und stupiden Bemerkungen» und nennt bereits Ersatzpräsidentschaftskandidaten: «Das Ticket Ryan-Rubio». Und Romneys Wahlkampfteam, sowie der ihm treu ergebene TV-Sender «Fox», versuchen vergeblich, auf andere Themen auszuweichen.

Romney hat in seinem Wahlkampf – unter anderem in Großbritannien, in Israel und vor allem in den USA – schon viele Dummheiten gesagt. Davon sind die meisten verhallt. Doch dieses Mal könnte er sich um seine eigene Karriere geredet haben.

Nicht nur, weil seine Äusserungen mangelnden Realitätsbezug zur Basis zeigen. Sondern auch, weil sie mit Steuern zu tun haben – einem Thema, mit dem Romney sich persönlich schwer tut. Der Multimillionär Romney (geschätztes Vermögen: 250 Millionen Dollar) hat Teile seiner Anlagen in der Schweiz und der Karibik investiert, um sie vor dem US-Fiskus zu schützen. Er weigert sich, mehr als seine Steuererklärung von nur einem Jahr zu veröffentlichen. Und er zahlt – das immerhin gibt er nach monatelangem Zögern bekannt – nur die sensationell niedrige Steuerquote von 13 Prozent.

Schwierig für das frömmlerische Fußvolk der republikanischen Partei ist auch die Gesellschaft in Boca Raton. Gastgeber Marc Leder war zuletzt mit Sex-Parties in den Schlagzeilen. 

Doch vor allen Dingen ist unübersehbar, dass Romney tatsächlich meint, was er gesagt hat. Selbst wenn er die Form nachträglich «unelegant» findet. Er will – und so steht es auch im Programm seiner Partei – Sozialleistungen kürzen, die Steuern für Einkommensschwache erhöhen und den Spitzensteuersatz senken.

«October Surprise» werden Enthüllungen im Endspurt von Wahlkämpfen genannt. Zahlreiche verhinderte US-Präsidenten können ein Lied davon singen. Seit dieser Woche ist es wahrscheinlicher denn je, dass sich Romney im November in ihre Reihe stellen muss.

PS: Einen Tag, nachdem das ganze  Video veröffentlicht ist, setzt das Pro-Obama „Super-PAC“, Priorities USA Action, den uneleganten Auftritt von Romney erstmals im demokratischen Wahlkampf ein:

Konversation

  1. Die vielen überraschenden Fakten ergeben dank der guten Beobachterin vor Ort, Dorothea Hahn, einen ziemlich niederschmetternden Eindruck von der Wahlkampagne des republikanischen Elefanten im demokratischen Porzellanladen. Dank modernster Technik können glücklicherweise die Wählerinnen und Wähler auch hinter die Kulissen blicken und die schönen Versprechungen mit den zu erwartenden Tatsachen vergleichen.

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