«Offiziell sind LGBT-Themen in Basel inexistent»

Roman Heggli bezeichnet sich selbst als einen «Berufshomosexuellen». Mit der Jugendorganisation Milchjugend unterstützt er junge Menschen dabei, zu ihrer sexuellen Identität zu stehen.

Roman Heggli, LGBT-Aktivist, Leiter Milchjugend

(Bild: Eleni Kougionis)

Roman Heggli bezeichnet sich selbst als einen «Berufshomosexuellen». Mit der Jugendorganisation Milchjugend unterstützt er junge Menschen dabei, zu ihrer sexuellen Identität zu stehen.

Roman Heggli sieht man den Kämpfer nicht an, so entspannt wie er auf der Terrasse der «Kabar» sitzt, in der Hand eine Zigi, auf dem Tisch ein Jever. Doch der 26-Jährige führt viele Kämpfe. Mehr, als sich ein Mensch vorstellen kann, der den gesellschaftlichen Normen entspricht und heterosexuell ist.

Sein erster Kampf liegt schon mehr als zehn Jahre zurück. Heggli war 15 Jahre alt. Er hatte zwar einige Freundinnen, kurze Liebschaften, doch er wusste: Irgendwas stimmt nicht. Heggli fand Typen interessanter als Mädchen und verschlang jeden Buchstaben, der ihm zum Thema Homosexualität in die Finger kam. Und dann war da noch dieser Junge in seiner Klasse, der sich als schwul geoutet hatte.

Heggli sah: Es war möglich. Auch im Gymnasium auf dem Land, in Rothenburg im erzkonservativen Kanton Luzern. Dennoch sollte es noch zwei, drei Jahre dauern, bis auch Heggli sein Coming-out wagte. In dieser Zeit machte er sich viele Vorstellungen davon, was wohl passieren würde, würde er tatsächlich offen zu seiner Homosexualität stehen. Er war in der Pfadi, betreute dort Kinder und Jugendliche. Was würden deren Eltern sagen? Würden Sie ihm ihre Kinder noch anvertrauen?

«Mir ist erst im Nachhinein aufgefallen, wie viel befreiter ich mich nach dem Coming-out gefühlt habe.»

Roman Heggli

Und die Freunde? Familie? Schulkameraden? Die Leute im Dorf? «Letztlich war alles halb so schlimm, wie ich es mir ausgemalt hatte», sagt Heggli heute. «Mir ist erst im Nachhinein aufgefallen, wie viel befreiter ich mich nach dem Coming-out fühlte.» Er konnte Menschen wieder näher an sich heranlassen. Musste Freunde nicht mehr auf Distanz halten, aus Angst, dass sie seinem Geheimnis auf die Schliche kommen könnten.

Jeder Kuss in der Öffentlichkeit wird zum politischen Statement

Doch bis heute muss sich Heggli ständig aufs Neue outen. Heterosexualität ist selbstverständlich, Homosexualität nicht. Heterosexuelle werden nie nach ihrer sexuellen Ausrichtung gefragt, Heggli ständig. «Bei der Arbeit, in der Freizeit, gegenüber neuen Bekanntschaften, irgendwann wird meine Sexualität immer zum Thema», sagt er.

Heggli hat inzwischen Übung und outet sich meist beiläufig. Aller Routine zum Trotz, dieses ständige Sich-erklären-müssen ist anstrengend.

Wenn Heggli mit seinem Freund am Rhein spazieren geht und sie sich küssen wollen, wirft er zuerst einen Blick in die Runde. Gibt es jemanden, der sich an diesem Kuss zwischen zwei Männern stören könnte? Heggli, der sich manchmal selbst als «Berufshomosexuellen» bezeichnet, hat oft kein Problem damit, dass seine Liebe, seine Küsse, auch politisches Statement sind. Doch manchmal will auch er einfach seinen Freund küssen, diesen flüchtigen Moment der Intimität geniessen. Nur vermeintlich eine Selbstverständlichkeit.

Neue Welten schaffen

Genau dort setzt Heggli mit der «Milchjugend» an, der Organisation für «falschsexuelle Jugendliche». «Wir wollen Welten schaffen, in denen sich anderssexuelle und andersgeschlechtliche Jugendliche wohlfühlen können.» In diesen Welten soll selbstverständlich sein, was draussen in der Gesellschaft noch zu oft auf Irritation stösst. Es sind Orte der Ruhe, wo nicht jeder Kuss ein politisches Statement sein muss. Orte, wo der verstohlene Blick in die Runde nicht nötig ist.

Die Milchjugend begann vor fünf Jahren als «Milchbüechli», eine vierteljährlich erscheinende Zeitschrift, die sich mit LGBT-Themen (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender) befasst und gezielt an Jugendliche zwischen 16 und 25 Jahren richtet. Aus der Zeitung wurde eine Jugendorganisation mit regelmässigen Treffen, einer Bar in Zürich, Wochenendausflügen und 200 Aktivisten. Heggli ist seit Anfang dabei und leitet den Verein heute als Präsident.

«Wir sind alle stolz darauf, anders zu sein», sagt Heggli, «und wollen nicht trotzdem, sondern genau deswegen akzeptiert werden.»

In den geschützten Milchjugend-Welten sollen Jugendliche, schon geoutet oder nicht, zu einem Selbstverständnis finden. «Wir sind alle stolz darauf, anders zu sein», sagt Heggli, «und wollen nicht trotzdem, sondern genau deswegen akzeptiert werden.» Mit gestärktem Selbstbewusstsein können die Jugendlichen dann nach draussen gehen und die Gesellschaft von innen verändern.

Denn um nichts weniger geht es Heggli und seinen Milchjugendlichen. «Wieso gilt hetero als gesetzt? Weshalb wird die sexuelle Ausrichtung und die Geschlechtsidentität nicht als weisser Fleck betrachtet im Bild, das wir uns von einem Menschen machen, wenn wir ihm zum ersten Mal begegnen? Weshalb werden männliche Teenager gefragt ‹Und, hesch ä Fründin?›, statt ‹Und, bisch verliebt?›».

Die Schweiz mag demokratischen Vorbildcharakter haben. Doch was die Rechte von Homosexuellen, Bisexuellen und Transmenschen angeht, sieht es eher düster aus. Auf der «Rainbow Map» von ILGA Europe (International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans & Intersex Association) landet die Schweiz diesbezüglich lediglich auf Platz 26, weit hinter Frankreich, Deutschland und Österreich.

Auch auf lokaler Ebene sind staatliche Initiativen zur Stärkung der LGBT-Rechte spärlich gesät. «In Basel sind unsere Themen auf offizieller Ebene bisher völlig inexistent», sagt Heggli. Doch den Gang in die Politik könne er sich nicht vorstellen. «Das würde mir nicht liegen, ich will mich lieber auf anderen Wegen für weniger Diskriminierung und mehr Gleichberechtigung einsetzen.»

Vielleicht aber tut sich nun auch im offiziellen Basel etwas. Heggli wurde vom Regierungsrat unlängst zum Vizepräsidenten der Basler Gleichstellungskommission gewählt. Er ist des Kämpfens noch nicht müde.

Konversation

  1. Danke an Roman Heggli für sein Engagement. Dass es (leider immer noch) notwendig ist, wurde ja hier wieder einmal in den Reaktionen wunderbar demonstriert.

    Darum wieder mal „note to self“: niemals die Kommentare lesen.

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  2. Traurig, dass wir immer noch darüber diskutieren- jeder darf lieben, wen er eben möchte- warum ist das ein Thema ? Schliesslich betrifft da nur zwei Menschen – wenn die sich einig sind, geht uns das überhaupt nichts an … es ist anmassend und eine Frechheit, andere wegen persönlichen Angelegenheiten zu verurteilen. Oder fänden sie es angenehm, wenn Ihr Liebesleben überall zum Thema wird? Nein? Eben.

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  3. @Esther: Oppliger würde mich sogar dann als Rassisten beschimpfen, wenn ich mein Brot mit Quittenkonfi beschmiere, weil die Farbe zu sehr an weiss erinnert. Als Sexisten, weil ich der Butter in der Mundart das männliche Pronomen zuweise. Als transphob, weil ich nicht konsequent geschlechtsneutrale Pronomina verwende. Und als homophob, weil meine Katze weiblich ist.
    Wäre meine Hautfarbe schwarz, hätte er jedoch kein Problem mit diesen Umständen. Naja.

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  4. Eigentlich bin ich erstaunt über die mehrheitlich heftigen und bissigen Kommentare.
    *Uneigentlich* zeigt es einmal mehr: Gleichstellung ist noch nicht erreicht. Auch nicht für LGBTIA*.
    Und ja: auch wenn das Coming-out zur Routine wird und geschickt in Nebensätzen plaziert, es bleibt anstrengnd und zeigt auf:.Liebe ist nur dann selbstverständlich wenn “ sie cis-heterosexuell ist.“
    Es gibt noch viel zu tun.
    Gutes Weiterkämpfen,.Roman.
    Und…lasst uns Communities-übergreifend wirken, auch gegen Binnendiskriminierung!

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  5. Pointe:
    Das einzige Absonderliche, was wirklich erlaubt scheint, und sogar besungen wird, ist:

    „Dann heirate doch dein Büro….“

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  6. Mich interessiert das ganze LGBT-Zeugs nicht. Weil mich interessiert die sexuelle Orientierung meiner Mitarbeitenden nicht.
    Das WC ist für alle da, wie im Zug. Selbst da ist die sexuelle Oroentierung wurscht.

    Unter Freunden eigentlich auch nicht, sie sind so wie sie sind und werden als das akzeptiert.

    Aber interessant finde ich, dass man auch hier mittela Sprache als Waffe kämpfen will. Das lehne ich entschieden ab.

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    1. Was ich damit genau sagen will: Die Leute sind bei uns angestellt und haben ein Pflichtenheft resp. Anforderungskatalog zu erfüllen.

      Ob sie dann im Privatleben dann ihre Sorgen mit einem Mann, einer Frau, jemand Transsexuellen etc. teilen und besprechen resp. zur Mitarbeiterfeier (mit Anhang) mitbringen, ist schlicht nicht relevant.

      Was einzig für mich zählt: Do your fucking Job und sei lieb zu Deinen Teammitgliedern!

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  7. @Jenkins:
    Danke für die beeindruckende Illustration des Begriffes „gefühlte Diskriminierung“.
    Wenn es etwas weniger warm ist, sollten Sie sich aber vielleicht mal überlegen, weshalb Sie bei sich selber so überzeugt sind, schlecht behandelt zu werden, im Falle der sich benachteiligt fühlenden homosexuellen jungen Menschen dies rundweg als nicht existent abtun.

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