Präimplantationsdiagnostik: Warum ich ein Nein einlege

Die Schweiz stimmt am 14. Juni über die Präimplantationsdiagnostik ab. Community-Mitglied Walter Beutler hat eine Auslegeordnung aus Sicht eines Behinderten gemacht. Die Schweizer Stimmberechtigten entscheiden am 14. Juni 2015 über die Zukunft der Präimplantationsdiagnostik (PID). Die Materie ist komplex, der Entscheid setzt naturwissenschaftlich-medizinische Kenntnisse voraus und hat weitreichende Folgen für die Zukunft der Fortpflanzungsmedizin – […]

Der Ständerat will die Präimplantationsdiagnostik allen Paaren zugänglich machen, die eine künstliche Befruchtung durchführen.

Die Schweiz stimmt am 14. Juni über die Präimplantationsdiagnostik ab. Community-Mitglied Walter Beutler hat eine Auslegeordnung aus Sicht eines Behinderten gemacht.

Die Schweizer Stimmberechtigten entscheiden am 14. Juni 2015 über die Zukunft der Präimplantationsdiagnostik (PID). Die Materie ist komplex, der Entscheid setzt naturwissenschaftlich-medizinische Kenntnisse voraus und hat weitreichende Folgen für die Zukunft der Fortpflanzungsmedizin – und für den künftigen Umgang der Gesellschaft mit unperfektem, versehrtem Leben. Die Schweizer Stimmbevölkerung spielt am 14. Juni gewissermassen Ethikkommission. Eine Auslegeordnung aus Sicht eines Behinderten und die Suche nach einer angemessenen Antwort.

Im Speaker’s Corner publiziert die TagesWoche ausgewählte Texte und Bilder von Community-Mitgliedern. Vorschläge gerne an community@tageswoche.ch.

Zunächst geht es um einen Satz in der Bundesverfassung, genauer um den Artikel 119 BV. Dort sind die Bedingungen festgelegt, unter denen eine menschliche Eizelle ausserhalb des Körpers der Frau – in vitro, im Reagenzglas – befruchtet und somit ein Embryo erzeugt werden darf.

Bis jetzt durften nur so viele Embryonen entwickelt werden, wie unmittelbar eingepflanzt werden können. Neu sollen so viele entwickelt werden können, «wie es die vorgesehene Behandlung erfordert». Erst diese Umformulierung des Artikels 119 BV ermöglicht überhaupt die PID – weil dieses ja nur einen Sinn hat, wenn auch Embryonen vor der Einpflanzung ausgeschieden werden können, also mehr Embryonen erzeugt als dann schliesslich eingepflanzt werden. PID war bisher schon aufgrund dieses Verfassungsartikels ausgeschlossen.

Verfassungsstufe und Gesetzesebene

Es wird am 14. Juni also darüber – und nur darüber – abgestimmt, ob die PID grundsätzlich und auf Verfassungsebene ermöglicht werden soll oder nicht. Unter welchen Bedingungen die Präimplantationsdiagnostik – nach einem allfälligen Ja zur Verfassungsänderung – durchgeführt werden darf, regelt das ebenfalls überarbeitete Fortpflanzungsmedizingesetz (FMedG), über das allerdings erst in einem nächsten Schritt abgestimmt werden kann, vorausgesetzt das Referendum dagegen kommt zustande.

Und das Referendum ist bereits angekündigt. Denn das FMedG öffnet die Tür Richtung PID deutlich weiter, als vom Bundesrat ursprünglich vorgeschlagen. Neben der Untersuchung der Embryonen auf schwerwiegende vererbbare Krankheiten (Vorschlag Bundesrat) – um es Eltern mit der Anlage zu solchen Krankheiten zu ermöglichen, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen –, sieht das überarbeitete Gesetz vor, dass die Embryonen auch auf Chromosomen-Anomalien geprüft werden können. Damit können gewisse Krankheiten und Behinderungen, zum Beispiel Trisomie 21, das Down-Syndrom, erkannt und verhindert werden. Diese Erweiterung der Diagnosemöglichkeiten hat das Parlament ins FMedG eingefügt.

Hier nun setzen die Bedenken vieler Behindertenorganisationen ein. Gewisse Behinderungsarten könnten in Zukunft als vermeidbar gelten, weil sie noch vor der Einsetzung des Embryos in den Uterus der Mutter erkannt werden können. Und in der Folge könnte Druck ausgeübt werden, solche Kinder – die ja heute schon im Mutterbauch mittels Pränataldiagnostik erkannt werden können – nicht zur Welt kommen zu lassen, zum Beispiel indem bei ihnen, ganz im Sinne des Verursacherprinzips, der Krankenversicherungsschutz eingeschränkt wird. Spätestens dann wären wir bei der Eugenik angelangt, dem Bestreben, «den Anteil negativ bewerteter Erbanlagen zu verringern» (Quelle: Wikipedia).

Behindertenorganisationen uneinig

Auch die gesellschaftliche Akzeptanz von Behinderung im Allgemeinen – und der Behinderten – sehen die entsprechenden Verbände bei einer Annahme der PID infrage gestellt. Was kommt einem Kind oder Erwachsenen etwa mit Down-Syndrom gesellschaftlich entgegen, wenn man weiss, dass diese Behinderung im Grunde vermeidbar ist, das heisst bei In-vitro-Fertilisation Embryonen mit dieser Chromosomenveränderung frühzeitig aussortiert und verworfen werden können? (Auch bei der Pränataldiagnostik im Mutterleib, die immer zuverlässiger und unproblematischer wird, können Behinderungen wie das Down-Syndrom frühzeitig erkannt werden. Der Schritt zur Abtreibung ist aber deutlich schwerwiegender als die Aussortierung im Reagenzglas.)

Es ist also mehr als Unbehagen, das von dieser Seite zur PID geäussert wird. Trotzdem sind sich selbst die Behindertenorganisationen nicht einig. Manche sagen klar Nein zur Verfassungsänderung – unter anderem mit dem Argument, der PID müsse ein möglichst enger Rahmen auf Verfassungsstufe gesetzt werden. Ansonsten öffne man eine Büchse der Pandora, und je nach politischer und gesellschaftlicher Grosswetterlage werde der Rahmen scheibchenweise durch relativ einfache Gesetzesänderungen – im Gegensatz zur aufwendigeren Verfassungsänderung – erweitert.

Andere Behindertenorganisationen sagen – wohl mit einigen Vorbehalten – Ja zur Verfassungsänderung, aber Nein zum Gesetz. Sie würden sich also nach der grundsätzlichen Annahme der PID für ein Referendum gegen das Fortpflanzungsmedizingesetz stark machen. Um im Bild zu bleiben: Die Büchse der Pandora wird im Vertrauen darauf geöffnet, dass man im FMedG ein geeignetes Instrument zur Zähmung der so gerufenen Geister hat.

Das Leiden kinderloser Paare als Wirtschaftsfaktor

Die Befürworter der PID stellen das Leiden kinderloser Paare in den Mittelpunkt. Warum sollen angesichts dieser Leiden die Möglichkeiten der modernen Medizin ungenutzt bleiben?

Um diesem Argument Gewicht zu verleihen, wird allerdings dieses Leiden meines Erachtens etwas sehr aufgebauscht. Ist es denn in der heutigen Zeit so wichtig, auf Teufel komm raus eigene Kinder zu zeugen, um den Stammbaum fortzuführen? Wäre für solche Paare nicht eine Adoption denkbar, statt mit der medizinischen Brechstange eigene Kinder im biologistischen Sinne zu ermöglichen?

Der wirtschaftliche Faktor wird in der Diskussion gemeinhin unterschätzt. Es besteht seitens der spezialisierten Kliniken ein handfestes Interesse, den Personenkreis, der für eine PID in Frage kommt, möglichst weit zu fassen. Nicht ausgeschlossen, dass ihr Lobbying im Parlament entscheidend war. Der restriktivere Vorschlag des Bundesrates hätte fünfzig bis hundert Paaren pro Jahr ermöglicht (Quelle 1), trotz ihrer erblichen Belastung dank PID ein gesundes Kind zur Welt zu bringen. Der durch das Parlament erweiterte Rahmen entspricht dem Bedürfnis von schätzungsweise 6000 Paaren pro Jahr (Quelle 2).

Bei durchschnittlichen Kosten von 15’000 Franken pro Behandlungszyklus (5000.– für die In-vitro-Fertilisation und 10’000.– für die PID) kann man selber ausrechnen, wie handfest die Interessen der IVF-Kliniken sind. Kein Wunder, kommt da Goldgräberstimmung auf!

Fazit

Mein Unbehagen gegenüber der Logik der Selektion, die bereits im Reagenzglas beginnen soll, hat sich im Laufe der Auseinandersetzung mit dem Thema vertieft, sodass ich ein Nein zur Präimplantationsdiagnostik einlegen werde. Die Argumente der PID-Befürworter, insbesondere die starke Gewichtung des Leids kinderloser Paare, haben mich nicht überzeugt. Sie bekommen angesichts der wirtschaftlichen Interessen der IVF-Kliniken gar einen etwas schalen Geschmack.

Und die Aussicht, dass der Rahmen, innerhalb dessen die PID erlaubt sein soll, mit der Zeit tendenziell erweitert werden wird, hat etwas Beklemmendes. Dass die PID wohl kaum aufzuhalten ist, da sie ganz und gar dem Trend der Zeit entspricht, nehme ich eher trotzig zur Kenntnis, als dass ich mich durch einen falsch verstandenen Pragmatismus zu einem halbherzigen Ja verleiten lasse.

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Mehr über Walter Beutler auf seinem Blog. Quellenangaben:

1) Botschaft des Bundesrats vom 7.6.2013 zur Änderung der Verfassungsbestimmung zur Fortpflanzungsmedizin und Gentechnologie im Humanbereich (Art. 119 BV) sowie des Fortpflanzungsmedizingesetzes (S. 5855).
2) Die Zahl wurde in den Debatten im Parlament genannt, siehe Statistik über die medizinisch unterstützte Fortpflanzung des BFS 2013.

Konversation

  1. Was mir bislang in der Diskussion fehlt, ist die explizite Thematisierung, wer denn alles gemeint ist mit „Paaren die auf natürlichem Wege keine Kinder zeugen können“. Sind da lesbische Paare auch inbegriffen oder sind automatisch Heteropaare gemeint? Auch in den Abstimmungsunterlagen fand ich keinen Hinweis.

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  2. Lieber Herr Beutler

    Als Vater eines behinderten Sohnes kann ich Ihnen nur beipflichten. Und an dieser Stelle beifügen, dass die PID ein ganz klarer Schritt in Richtung Eugenik darstellt.

    Offensichtlich sind wir wiederum in einer Zeit angelangt, in der man sich mit der Definition des „lebensunwerten Lebens“ nicht mehr schwer tut.

    Hier ein eindrücklicher Beitrag zum Thema von Volker Pispers (aus dem Jahre 1993 notabene!!!):
    https://www.youtube.com/watch?v=drqxq6BC-rc

    Frei nach Schiller: Sie treiben mit Entsetzen Scherz…

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  3. @Florian Suter
    Danke für Ihren Beitrag, der das Bild noch wesentlich ergänzt.
    Daneben haben wir Frau Wahl, die „behindert“ geboren wurde, bei Walter Beutler war es eine Krankheit und eben Herr Suter, der als Arzt auch Betroffene begleitet und beratet.
    Und ich bin dankbar, dass Herr Suter findet, dass es nicht an ihm ist zu entscheiden, ob das richtig ist oder nicht. Das ist in der Verantwortung jedes Einzelnen.
    Ich hab ja auch von mir gesprochen, dass ich das nicht machen würde und mir Gedanken gemacht über die finanziellen Möglichkeiten und dass sich das eben nicht alle leisten können.

    Während der Schwangerschaft meiner jüngeren Tochter, das war 1980 hat die Frauenärztin eine Ultraschall-Untersuchung gemacht. Ich wollte das nicht, aber sie meinte, dass ich das meinem Kind schuldig sei. So knickte ich ein. Sie meinte dann, dass irgend etwas nicht stimmt, dass das Kind unterentwickelt sei. Das Geschlecht hat sie nicht erkannt. Da war ich froh. Sie sprach sehr beunruhigend. Ich meinte zu ihr, dass mir jedes Kind recht sei. So wie es auf die Welt komme, so sei es richtig, weil es offenbar so sein muss.
    Ich fühlte mich sehr gut in der Schwangerschaft mit meinem Kind und ich wollte mir das nicht kaputtmachen lassen und gar noch mir angst einreden lassen. Ich wechselte den Frauenarzt und sagte ihm, dass es schon Ultraschall gegeben hatte und alles ok sei. und ich das deshalb nicht mehr wolle.
    Meine Tochter kam sehr gesund auf die Welt und ist sehr kräftig bis heute.
    Wie gesagt, das ist meine ganz persönliche Ansicht. Ich wollte mein werdendes Kind nicht mit angst meinerseits, es könnte etwas nicht stimmen, belasten. Und wirklich, ich hätte auch ein behindertes Kind gerne mit Freude aufgenommen.

    Heute sind all diese Möglichkeiten da. Deshalb sollte man es den Eltern überlassen, davon Gebrauch zu machen oder nicht. Auf der anderen Seite sollte es den Eltern ebenfalls frei gestellt sein eben gerade auf das zu verzichten aus welchen Gründen auch immer.

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    Etwas anderes liegt mir auch noch sehr am Herzen:
    Es gibt verschiedene Betrachtensweisen oder anders gesagt, es lässt sich aus ganz verschiedenen Blickwinkeln anschauen.

    Heute sind ganz stark die Eltern im Vordergrund. Will ich ein Kind oder will ich keine Kinder. Wann will ich das Kind haben. Zu welchem Zeitpunkt passt es am besten in meinen Lebenslauf. Wenn der Zeitpunkt erst später geeignet erscheint, lässt sich die Natur gut umgehen mit der künstlichen Befruchtung oder mit Eiern einfrieren und was es sonst noch gibt. Das ist heute einfach so und die Möglichkeiten sind auch da. Deshalb muss das ethisch sehr genau geregelt werden.
    Bei der PID ist die Büchse der Pandora einfach schon einen Spalt breit offen. Und die Versuchung Eugenik zu betreiben, ist einfach gegeben. Deshalb müssen sehr sorgfältig bestimmungen gefällt werden.
    Weiter noch entscheiden die Eltern, wenn ein Fötus eine Behinderung hat, ob sie Abtreiben wollen oder nicht. Das kann aus ganz verschiedenen Ueberlegungen sein. Ist das Kind einmal geboren, wird alles daran gesetzt, dass es so lange wie möglich lebt. Jetzt will man die Untersuchungen schon machen können, bevor der Zellhaufen eingepflanzt wird in die Gebärmutter.

    Da stellt man sich die grundsätzliche Frage: Wann ist das Ungeborene noch nicht Mensch? Wann fängt es an Mensch zu sein?
    Ich stelle mir da noch weitere Fragen: Lebt der Mensch ewig? wird er wiedergeboren? Wenn das so ist, kommt die Seele die ewig lebt wenn aus Samen und Eizelle etwas entsteht, die Seele dazu.
    Wenn das so ist, würde das heissen, dass, wenn man bei der PID Gendefekte findet und deshalb den Fötus nicht einpflanzt, also getötet wird: Seele, Du musst wieder gehen. Der Leib ist nicht gut genug für Dich. Noch deutlicher wird das bei Abtreibungen, wenn das Kind schon mehrere Wochen im Mutterleib ist.
    Ich mache mir noch viel mehr Gedanken über all das.
    Wie gesagt, das sind meine ganz persönlichen Ansichten. Jeder Mensch muss für sich ganz allein dazukommen, was er selbst für richtig erachtet.

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    1. @Maya Eldorado:
      Ich bezweifle sehr, ob man Moralvorstellungen per Gesetzesänderung ändern kann. Eine eugenische Gesellschaft wird auch nach einem Verbot der PID eugenisch bleiben. Man macht dann halt einen Ausflug ins Ausland.
      Es ist Aufgabe von uns, Menschen Platz zu gewähren oder eben auch nicht, das ist Kultur.
      Ich denke leider, wer gegen Ausländer wettert, „Massen“ statt „Menschen“ betrachtet, hat ein ziemlich elitäres Menschenbild von sich selber.
      Wenn die Gesellschaft für ein behindertes Kind und deren Mutter keinen Platz hat, ist es tatsächlich eine Zumutung, die Mutter damit zu diskriminieren, ….und auch das Kind und den Erwachsenen später.
      Da wird schon im Vorfeld das Lebensrecht in Zweifel gezogen bis negiert.

      Ich würde das in Gesetze giessen, was auch umgesetzt wird, weil es kulturell nahe bei den Leuten ist. Ansonsten wird einfach das Gesetz umgangen (wie zum Beispiel die Höchstgeschwindigkeit oder der Mindestabstand der Autos auf den Strassen).

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  4. Interessanter Beitrag, allerdings haben Sie die wichtigsten Argumente für die PID vergessen:

    1. Die PID ist in allen Ländern Europas (ausser Litauen) zum Teil schon seit Jahrzehnten zugelassen. Die Schweiz hingegen hat – ohne ersichtlichen Grund – eines der restriktivsten Fortpflanzungsmedizingesetze in Europa. Nun mag man einwerfen: Was interessieren mich die anderen Länder? Ja, allerdings beweist diese Tatsache eben, dass sich etliche Ethikkommissionen in etlichen Ländern darüber gebeugt haben und alle haben entschieden, dass die Vorteile die Nachteile überwiegen. Skandale, Missbrauch, eine Ausrottung von Behinderungen – all das ist nicht geschehen.

    2. Dass die PID in Europa längst etabliert hat, hat gute Gründe: Denn eine PID ist weniger gravierend als ein Schwangerschaftsabbruch. Das sagt zum Beispiel auch die Nationale Ethikkommission der Schweiz und stellt sich hinter die PID. Denn Tatsache ist auch, dass eine überwiegende Mehrheit der Paare ein Kind abtreibt, wenn die Pränataltests eine Trisomie 21 oder eine andere Behinderung anzeigen. Man mag das nicht gut finden, aber am Ende ist es die Entscheidung der Paare. So soll auch die Durchführung der PID die Entscheidung der Paare sein. Eine PID ist wie Pränataltests freiwillig.

    3. Wenn Sie die PID als eine eugenische Methode bezeichnen, dann ist jeder Schwangerschaftsabbruch nach einer Trisomie 21 ebenfalls eugenisch. Wollen Sie diesen Paaren unterstellen, dass diese eugenisch handeln?

    4. Die Angst, dass dann immer noch mehr kommt, ist insofern unbegründet, als das Schweizer Stimmvolk über alles wird abstimmen müssen. Egal ob Leihmutterschaft, Eizellspende, Erweiterung der PID (über all das werden wir am 14. Juni nicht abstimmen) – über alles wird das Stimmvolk entscheiden.

    5. Jeder 6. Paar leidet in der Schweiz unter ungewollter Kinderlosigkeit. Es ist also keineswegs so, dass das Problem aufgebauscht wird. Und es geht ja nicht nur um die PID, es geht vor allem darum, dass die Fortpflanzungsmedizin in der Schweiz nicht komplett den Anschluss verliert. Auch alle Grosseltern, die sich Enkelkinder wünschen, sollten sich dessen bewusst: Eines Tages sind ihre Kinder darauf angewiesen, die Fortpflanzungsmedizin in Anspruch zu nehmen. Aber der Arzt wird ihnen dann möglicherweise raten, ins Ausland zu gehen …

    6. Sie haben vergessen zu erwähnen, dass es viele Betroffenenorganisationen gibt, die sich zweimal für ein Ja einsetzen: für die Verfassungsänderung und für das Gesetz. Ebenso wie der gesamte Ärzteverband FMH sowie der Apothekerverband pharmaSuisse.

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  5. Ist das Demokratie?
    Mit welchem Recht masse ich mir an, etwas über andere zu sagen, was mich eigentlich überhaupt nichts angeht. Der Besen sollte vor der eigenen Haustür stehen.
    Wird jemand geschädigt? Was auf die Welt kommt, bekommt Rechte, schon eigentlich nach drei Monaten Schwangerschaft.

    „Nein, den Balg will ich nicht, der kann nicht reden und hört nur sehr wenig, der macht mir in der Erziehung zuviel Aufwand und ich habe mir mein Leben anders vorgestellt, als den die nächsten vierzig Jahre herum zu wägelen, falls er nicht vorher stirbt!“
    – als Lösung?

    Mord ist nicht drin, obwohl es schon einmal eugenische Ideen gab, die auch umgesetzt wurden.
    Wenn er das nicht kann, damit mehr überfordert ist, als mit dem Management eines Jaguars, o.k. es ist sein Leben und er setzt seine Schwerpunkte. Hier fehlt mir das Recht, ihm Vorschriften zu machen.

    Das andere ist, wie hier in de Gesellschaft an sich mit Müttern und Behinderten umgegangen wird:
    – Irgendeinen längeren Schutz gibt es nicht, dass ein Baby länger bei seiner Mutter bleiben kann, wenn nicht die Sozialdienste einigermassen menschlich handeln würden.
    – Behinderte, besonders Geistig Behinderte werden sorgsam vor der Gesellschaft versteckt in Heimen und mit IVB-Bussen transportiert, auch, weil sie eigentlich niemand sehen will und der aufwand mit ihnen sonst zu umständlich ist.
    – Das Trauerspiel um Behindertenparkplätze in Basel kann man in der Zeitung nachlesen.
    – Es gibt in diesem Land immer noch noch kein Recht auf Teilhabe am Leben: Die billigere Lösung mit Heimunterbingung setzt sich dann halt durch anstatt das unterstützte leben in eigenen vier Wänden, da teurer.
    – Die IV / SVA ist immer noch der Meinung, dass Hausarbeit auch dann noch voll erledigt werden kann, wenn im Berufsleben schon nichts mehr geht, weil man sich ja „die Arbeit einteilen könnte“.
    – Die Eltern könnten ganze Nächte Balladen singen darüber, was alles eingespart wird bei der IV bei behinderten Kindern, teilweise dann mit Kleinkrieg um die anderen Kostenträger.
    – Wenn der Vater wegen Krankheit eines Kindes frei braucht, naja, dann darf er bald wieder Bewerbungen schreiben….
    – Das edle Vorrecht einer allein erziehenden Mutter ohne Angehörige, ihre Kinder 24 Stunden solo betreuen zu dürfen, natürlich auch nachts und am Wochenende, ist hoffentlich allen bekannt.
    – Die schelen Blicke der Nachbarn, die hemmungslos ihren Wonneproppen zeigen auch bei einer Mutter mit einem Kind im Rollstuhl und damit eine Hitparade schaffen, was man in welcher Art wie auf die Welt zu setzen hat, wird nur durch das milde Mitleid eben dieser Mutter gegenüber gemildert.

    Man muss länger darüber nachdenken.

    Es ist Pöbelokratie, Mobbokratie einer Gesellschaft mit Hang zur Belästigung des Nachbarn. Wir wohnen wohl zu dicht aufeinander, weshalb wir den anderen nicht in Ruhe lassen können.
    Den etwas Mindermächtigen dann aber Rechte einzuräumen?…..nee, viel zu teuer!
    Billiger geht vor Teilhabe-Recht.
    Wer solche Bälger auf die Welt setzt, soll gefälligst die Mehrkosten doch lieber mehr als weniger auch selber tragen.

    Bezüglich dieser Form von Demokratie ist mir sogar das Papier zu schade, auf denen die Abstimmungszettel gedruckt wurden.

    Heucheln kann man am Sonntag in der Kirche: „Jawoll, wir haben sie beim Herrn!“

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  6. Ich finde die Entscheidung, wie am 14. Juni über die Präimplantationsdiagnostik abgestimmt werden soll, auch sehr schwer und keinesfalls ganz klar Ja oder Nein. Ich habe mich aber – wenn auch nicht restlos überzeugt – doch für ein Ja entschieden.
    Tatsächlich hatte ich als Hausarzt während 25 Jahren intensiv mit Menschen mit Behinderungen zu tun, ich betreute immer mehr von ihnen, und ich engagiere mich noch jetzt mit Überzeugung bei der Vermittlung der Besonderheiten, die die (ärztliche) Betreuung von Menschen mit Behinderungen mit sich bringen. Und – ja, zugegeben! – ich hätte bei jeder/m der von mir betreuten BewohnerInnen von Wohnheimen für Menschen mit Behinderung äusserst bedauert, wenn sie nicht gelebt hätten.
    Ich finde auch die Argumentationen(von Walter Beutler über Maya Eldorado bis Andres Egger) absolut beherzigenswert und legitim, aber …
    Aber es gibt auch andere Sichtweisen, die, denke ich, ebenso legitim sind und berücksichtigt werden sollten oder dürften. So argumentiere ich eben aus Sicht von Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch, die sich (zur Erfüllung dieses Wunsches) einer In Vitro-Fertilisation (IVF) unterziehen. So gut ich Menschen mit Behinderung kennen gelernt, betreut und schätzen gelernt habe, so gut kenne ich eben auch Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch. Ich finde es äusserst heikel, solchen Menschen vorzuhalten, sie müssten doch nicht „auf Teufel komm raus“ (hoppla!) eigene Kinder zeugen oder ihnen (sinngemäss) vorzuhalten, eine Frau ab 35 Jahren brauche sowieso keine Kinder mehr. Solche Argumentationen klingen für mich moralisierend, und dass sollten wir bei dermassen heiklen Fragen tunlichst vermeiden. Ich bin selbst Vater dreier wunderbarer erwachsener Söhne und in wenigen Wochen glücklicher Grossvater eines (hoffentlich gesunden) Neugeborenen – aber ich hätte damit erst recht Schwierigkeiten, einem Paar mit unerfülltem Kinderwunsch gewissermassen ins Gesicht zu sagen: Nun ja, Ihr müsst Euch eben bescheiden. Es ist, finde ich, so eine Sache mit dem „bescheiden“, solange man es selbst nicht muss.
    Wenn ich denn schon Verständnis für IVF aufbringen kann (und vor allem wenn ich weiss, wie belastend für die Betroffenen die ganze Prozedur ist – das macht NIEMAND leichtfertig, das ist IMMER äusserst belastend!), dann wäre es mir wirklich ein bisschen unverständlich, wenn man die Möglichkeit einer PID ausser Acht liesse. Ehrlich gesagt kann ich mir nicht richtig vorstellen, wie man das realistischerweise mit Eugenik in Zusammenhang brächte. Der Begriff „Eugenik“ erinnert eben immer noch stark an den 2. Weltkrieg und die Gräueltaten der Nationalsozialisten. Aber da sehe ich auch bei wirklich sehr kritischem Beachten keinen überzeugenden Zusammenhang zur PID. Und – mit Verlaub, Herr Egger – das Zitat von Schiller finde ich in diesem Zusammenhang ziemlich unpassend; wer triebe mit welchem Entsetzen Scherz? Scherz?!
    Schliesslich überzeugt mich das Argument, IVF-Kliniken könnten aus wirtschaftlichen Gründen für den PID-Verfassungsartikel sein, auch nicht. Meines Wissens ist auf diesem Gebiet die Nachfrage sowieso sehr gross.
    Ganz offensichtlich handelt es sich bei der Frage, die uns am 14. Juni vorgelegt wird, um eine ethische Fragestellung. Ethische Fragestellungen erlauben selten ein klares Ja oder Nein – meist gilt es, Argumente für oder gegen eine bestimmte Vorgehensweise aufzulisten. Der Entscheid, welchen der Vorzug zu geben ist, kann in guten Treuen unterschiedlich erfolgen, und Leute, die zu einem anderen Entscheid finden, verdienen es, genauso respektiert zu werden.

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    1. @Suter: Meine Bemerkungen:
      1. Zitat:“Solche Argumentationen klingen für mich moralisierend, und dass sollten wir bei dermassen heiklen Fragen tunlichst vermeiden.“ Später schreiben Sie von ethischen Fragen bzgl. dieser Angelegenheit. Ethik ok aber Moral nicht? Was ist für Sie der Unterschied?

      2. Zitat:“[…] aber ich hätte damit erst recht Schwierigkeiten, einem Paar mit unerfülltem Kinderwunsch gewissermassen ins Gesicht zu sagen: Nun ja, Ihr müsst Euch eben bescheiden.“ Was heisst Behinderung (bspw. für Sie)? Ist jemand, der kein Kind zeugen kann, nicht auch behindert?

      3. Zitat:“Ehrlich gesagt kann ich mir nicht richtig vorstellen, wie man das realistischerweise mit Eugenik in Zusammenhang brächte.“ Den Kinderwunsch zu befriedigen allein noch nicht. Aber natürlich zum Teil das, was dabei zusätzlich hinzukommt. Und was heute nicht ist, kann morgen sein, zumal das Heute das Morgen beeinflusst. Eugenik war nicht nur ein Problem des Nationalsozialismus, das war bis dato die extremste Form. Das eugenische Denken existiert im westlichen Denken seit dem 19. Jh. Wissenschaftshistoriker würden Ihnen das wohl bestätigen.

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  7. Lieber Walter
    Ich möchte dir herzlich für deine präzisen Worte danken! Ich habe aus prsönlichen Gründen wie Du gestimmt, weil ich erstens selbst geburtsbehindert bin ( Spina bifida und darum heute beseitigt würde ) und ich auf Grund meiner Behinderung auf eigene Kinder verzichtet habe! So komme ich zur Erkenntnis, dass ich ein wertvolles Mitglied unserer Gesellschaft bin ( beruflich mit Kindern gearbeitet , mein Leben zu einem rechten Anteil selbst finanziert, vielen Menschen eine Hilfe und Stütze und trotz Erschwernis stets sozial tätig)! Ich habe ein glückliches Leben und teile es mit vielen Mitmenschen!
    Es wäre schade, wenn es uns nicht gäbe!

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