Raue Sitten in O’Malley Park

Teil vier des TagesWoche-Reports über die Situation der Jugend an den Rändern Europas: Das Viertel O’Malley Park in der irischen Stadt Limerick ist besonders hart von der Krise betroffen. Nur wenige haben einen Job. Aus Langeweile zünden die Jugendlichen regelmässig Häuser und Autos an. Der zweite Eindruck aus Limerick – die grosse Reportage folgt in […]

Abgebrannte Häuser sind im O'Malley Park öfters zu sehen. Auch das Haus eines 44-Jährigen wurde angezündet – aber ausnahmsweise nicht von Jugendlichen.

Teil vier des TagesWoche-Reports über die Situation der Jugend an den Rändern Europas: Das Viertel O’Malley Park in der irischen Stadt Limerick ist besonders hart von der Krise betroffen. Nur wenige haben einen Job. Aus Langeweile zünden die Jugendlichen regelmässig Häuser und Autos an. Der zweite Eindruck aus Limerick – die grosse Reportage folgt in der TagesWoche vom 13. Juli.

Wir befinden uns im Wohnviertel O’Malley Park im Süden von Limerick. Jede zweite Person ist hier gemäss den neusten Zahlen des statistischen Amtes arbeitslos. Das Quartier wird von den Einwohnern Limericks gemieden. «Da fahre ich nicht mal mit dem Auto durch», sagt etwa die Besitzerin unseres Hotels. Im O’Malley Park gehören Morde, abgebrannte Häuser, abgefackelte Autos, Drogen und Einbrüche zur Normalität.

Vor einem Hauseingang steht ein 44-jähriger Mann. Seinen Namen will er uns nicht verraten. Vor fünf Jahren war er noch als Lastwagenchaffeur unterwegs. Heute ist er arbeitslos. Und als wäre dies nicht schon belastend genug, hat man ihm vor einem halben Jahr noch das Haus angezündet. «Das waren die Jugendlichen – aus Langeweile», sagt er. Übel nimmt er es ihnen offensichtlich nicht, obwohl er sein ganzes Hab und und Gut verloren hat und nun im verlassenen Haus seiner ehemaligen Nachbarn wohnen muss. «Die Jungen haben hier keine Perspektiven. Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass sie solche Sachen machen». Der Mann hat uns mit seiner Geschichte angelogen, wie wir später erfahren.

In einem pinken Trainer schiebt Kellie Ann O’Sullivan den Babywagen vor sich her. Angst, sich in diesem Viertel zu bewegen, hat sie nicht. Sie lebt seit ihrer Geburt hier und ist mit der Kriminalität gross geworden. «Momentan ist es nicht mehr so schlimm. Es ist ein bisschen ruhiger geworden», sagt sie. Die Schule hat O’Sullivan  nie abgeschlossen und mit 21 ist sie bereits alleinerziehend. 250 Euro Unterstützung pro Woche erhalten sie und ihre einjährige Tocher vom Staat. «Es ist verdammt hart, damit durchzukommen. Überhaupt ist es schlimm, alleinerziehend zu sein.» Über ihre Zukunftsperspektiven will sie sich keine Gedanken machen. «Wenn man alleine ein Kind grossziehen muss, überlegt man sich nicht, wie die berufliche Zukunft später aussehen könnte. Es geht nur darum, genügend Essen zu Hause zu haben.»

Wir haben inzwischen eine Familie kennengelernt, die in der Nähe des 44-jährigen Mannes wohnt. Und: Sein Haus wurde nicht von Jugendlichen angenzündet, sondern von einem älteren Mannn – seinem Nachbarn. Dies, weil der frühere Chauffeur eine Affäre mit seiner Frau hatte und der Nachbar sich rächen wollte. Raue Sitten in O’Malley Park.

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