Schweizerhalle: Die Lehren aus dem Unfall

Beim Sandoz-Grossbrand vor 25 Jahren lief einiges schief. Der Schock wirkte nach – auch im positiven Sinne.

Schweizerhalle (Bild: Schweizerhalle)

Beim Sandoz-Grossbrand vor 25 Jahren lief einiges schief. Der Schock wirkte nach – auch im positiven Sinne.

Gift: Heute sucht man keine toten Vögel mehr

1. November 1986: 260 Feuerwehrleute kämpfen gegen das Feuer in der Halle 956 der Firma Sandoz in Schweizer­halle. Die Flammen schiessen bis zu sechzig Meter in die Höhe, immer wieder kommt es zu Explosionen, Fässer fliegen durch die Luft.

Was ist da drin? Wie gefährlich sind die Stoffe?

Schweizerhalle

(Bild: Schweizerhalle)

«Grösstenteils harmlos», sagen die Vertreter der Firma Sandoz. Ihre Angaben sind allerdings vage. Und falsch. Dennoch bezeichnen auch die Be­hörden die Situation als «nicht alarmierend».

Insgeheim zweifeln sie aber an den Beschwichtigungen, auch wegen der Luftmessungen, die wenig aussagekräftig sind. Darum schickt der Krisenstab eine Polizeistreife in den Hardwald zwischen Muttenz und Basel. Ihr Auftrag: das Verhalten der Vögel zu beobachten, die auf Umwelteinflüsse jeweils be­sonders sensibel reagieren. Eine halbe Stunde später melden die Polizisten: keine besonderen Vorkommnisse im Wald. Die Vögel zwitscherten freudig, tote Tiere seien keine zu sehen.Heute würde man sich kaum mehr auf zoologische Einschätzungen von Polizeibeamten stützen. Sondern auf technische Geräte. «Inzwischen stehen uns viele wichtige Instrumente und Messmethoden zur Verfügung», sagt Ruedi Braun von der Kontrollstelle für Chemie- und Biosicherheit im Basler Gesundheitsdepartement. Im Falle einer Katastrophe würden die aus­getretenen Substanzen heute zuerst mit ­mobilen Messgeräten bestimmt und danach im Kantonalen Laborato­rium genauer analysiert. Erste Aussagen über die Gefährlichkeit der Stoffe sollten bereits auf dem Schadensplatz gemacht werden können, sagt Braun. Dennoch sind die Analysenmethoden auch heute irgendwann am Limit. «Bei einem Brand können sich neue Verbindungen und bisher unbekannte, toxische Substanzen bilden», sagt Braun: «Sie zu finden ist kaum einfacher als die Nadel im Heuhaufen.»

 

Alarm: Heute denkt man auch an die Elsässer

 

Die Information der Bevölkerung habe «recht gut geklappt», sagten die Be­hörden am Morgen nach dem Brand in Schweizerhalle. Das war ein ziemlicher Bluff. Zuerst wurden über das Radio widersprüchliche Meldungen verbreitet. Dann entschied man, in Muttenz, Basel-Stadt und einigen umliegenden Gemeinden Katastrophenalarm aus­zulösen. Doch das war in weiten Teilen der Stadt nicht so einfach möglich, weil die alten, kaputten Sirenen dort noch nicht ersetzt worden waren.

Also mussten Polizeipatrouillen die Bevölkerung über Lautsprecher warnen: «Hier spricht die Polizei. Es folgt eine Anweisung: Grossbrand in Schwei­zerhalle. Schalten Sie Radio Basilisk oder Radio DRS ein und befolgen Sie die Anweisungen. Schliessen Sie Fenster und Türen und bleiben Sie in der Wohnung. Ende der Durchsage.» Für viele Basler war diese aber zu leise. Sie schliefen weiter – genauso wie die Menschen in Südbaden und im Elsass, bei denen man gar nicht erst den Versuch unternahm, sie zu warnen. Etliche Grenzgänger wurden erst auf dem Weg zur Arbeit informiert und wieder heimgeschickt – von Zöllnern, die mit Gasmasken ausgerüstet waren. Ein beunruhigendes Bild. Tatsächlich befürchteten die Behörden auch nach sechs Uhr morgens noch, die Luft könnte vergiftet sein. Wieder zuversichtlicher wurden sie erst kurz vor ­sieben Uhr, als das Feuer endlich seinen Hunger gestillt hatte und aus der Halle 956 nur noch Rauch aufstieg. Nun wurde Endalarm bekannt gegeben – und die Basler Jugendlichen wurden entgegen allen bisherigen Empfehlungen aufgefordert, in die Schule zu gehen. Das Hin und Her empörte viele Eltern. Erboste Reaktionen gab es auch aus dem Ausland. «Die Gifte gehen über die Grenze, die Informationen nicht», titelte die französische Zeitung «La Libération». Die «recht gute» Information geriet zur Staatsaffäre, für die sich schliesslich auch der Schweizer Bundespräsident Alphons Egli entschuldigen musste.Heute würde es bei einer Katastrophe nicht mehr so weit kommen, sagt Martin Roth, Stabschef der Kantonspolizei Basel-Stadt. Bei einem «ernsthaften Ereignis» könnte die Einsatzzentrale sofort alle Sirenen heulen lassen. Danach würden der Bevölkerung über Radio DRS Anweisungen erteilt.Widersprüchliche Empfehlungen sollte es keine mehr geben, dafür möglichst präzise Informationen – auch für das benachbarte Ausland. «Das Meldesystem Trinat hat sich bei einer Reihe von kleineren Ereignissen bewährt», sagt Roth. Bei grösseren Ereignissen gäbe es dennoch grössere Probleme, weil viele Menschen nicht wissen, was zu tun wäre (Radio anschalten), weil viele Schutzkeller verstellt sind und grosse Evakuationen kaum realistisch sind. Für Roth steht trotzdem fest: «Der Mensch kann jede Katastrophe bewältigen. Es fragt sich nur, wie lange die Chaosphase dauert.»

 

Schuld: Heute können auch Firmen haften

 

Die Brandursache ist bis heute nicht restlos geklärt. Als «wahrscheinlichste Ursache» gilt ein Glimmbrand des Farbpigments «Berliner Blau». Dieser soll beim Löten der Plastikverpackung entstanden sein. Der juristisch erforderliche natürliche Geschehensablauf konnte aber nie sicher nachgewiesen, Brandstiftung demzufolge nicht ausgeschlossen werden. Es blieb Raum für Spekulationen: Vor elf Jahren behauptete ein ehemaliger CIA-Agent gegenüber dem ZDF, die Stasi habe den Brand im Auftrag des russischen Geheimdienstes gelegt, um von der Atomkata-strophe in Tschernobyl abzulenken. Entsprechende Ermittlungen wurden nie aufgenommen.

Andere Untersuchungen hingegen dauerten Jahre. Ohne Resultat: Gegen führende Sandoz-Mitglieder wurden sämtliche Anklagen fallengelassen. Stattdessen wurden der Chef des Werksicherheitsdienstes und der Einsatzleiter der Werkfeuerwehr zu Geldstrafen verurteilt. Sie hatten Lösch­wasser in den Rhein gespült, obwohl kein ­Notstand mehr bestand. Dass sie deswegen wegen Verstosses gegen das ­Gewässerschutzgesetz verurteilt wurden, sorgte in der Öffentlichkeit für Kopfschütteln. Der damals zuständige Erste Staatsanwalt, Adrian Jent, verteidigt sein Vorgehen: «Ein Freispruch hätte bedeutet, dass man bereits verunreinigte Gewässer ohne Weiteres weiter verunreinigen darf.» Seit Schweizerhalle hat sich einiges getan im schweizerischen Strafrecht. Nicht zuletzt wegen der Sandoz-Katastrophe wurde ein Gesetz zur strafrechtlichen Verantwortlichkeit von Unternehmen eingeführt: Wenn ein Verbrechen innerhalb einer Firma keiner bestimmten Person zu­geordnet werden kann, kann neuerdings das Unternehmen selber strafrechtlich haftbar gemacht werden. Doch selbst wenn dieses Gesetz schon vor 25 Jahren gegolten hätte – die Sandoz wäre trotzdem nicht ver­urteilt worden, sagt Jent: «Die Brandursache konnte nicht abschliessend geklärt werden. Ausserdem entsprachen die Sicherheitsstandards den damaligen Richtlinien, daher kann strafrechtlich niemand verantwortlich gemacht werden – auch die Firma nicht.»

 

Sicherheit: Heute wird staatlich kontrolliert

 

«Absolute Sicherheit gibt es nicht», sagt Rolf Klaus, Leiter des Baselbieter Sicherheitsinspektorates. Aber: «Die ­Sicherheit hat seit Schweizerhalle einen viel höheren Stellenwert.»

Das Inspektorat selber wurde als Folge der Sandoz-Katastrophe aufgebaut. Der Kanton hatte beschlossen, die «kontrollierte Eigenverantwortung» der ­Firmen zu fördern. Entsprechend wurden die Vorschriften verschärft: Jede Firma führt heute eine Liste mit den Substanzen, die sie lagert. Es werden Tages- und Wocheninventare geführt. Rückhaltebecken für Löschwasser und Sprinkleranlagen gehören ebenso zum Standard wie Feuerwehreinsatzpläne für die spezialisierte Chemiewehr und doppelte Schutzhüllen für Container.Das gab es 1986 alles noch nicht. Die wichtigste Änderung sei aber die Einstellung der Verantwortlichen, sagt Klaus: «Vorkehrungen werden nicht mehr nur für Mitarbeitende getroffen, sondern auch für Bevölkerung und Umwelt.» Klingt banal, aber: «Leider muss oft zuerst etwas passieren, bevor man handelt. Denn der Mensch weiss häufig gar nicht, was überhaupt passieren könnte.» In Basel könne es heute zu keinem Unfall im Ausmass von Schweizerhalle mehr kommen, ist Klaus überzeugt. In osteuropäischen Ländern dagegen sei man längst nicht so weit wie hier. «Dort passieren immer wieder ähnliche Katastrophen, nur bekommt es hier niemand mit.»

 

Rhein: Heute gibt es mehr Fische denn je

 

Nach Schweizerhalle war der Rhein über ein Jahr lang tot. Von Basel bis Koblenz starben im Herbst 1986 sämtliche Fische und Kleinlebewesen. Die Folgen der Katastrophe waren bis Rotterdam zu spüren. Fotos von haufenweise toten Aalen, Äschen und Barben gingen um die Welt. Gesprayte Fisch­skelette prangten an Basels Hauswänden. Das Bild wurde zum Symbol für die Katastrophe – und ist es heute noch. Allerdings nur in den Köpfen: Der Lebensraum für Fische und Kleinlebewesen im Rhein ist besser denn je. 33 Arten wurden bisher im Basler Rheinabschnitt nachgewiesen. Von jeder Sorte schwimmen Hunderte, teilweise sogar Tausende Exemplare umher. Zwar werden in den Tieren auch heute artfremde Stoffe nachgewiesen, allerdings handelt es sich dabei nur noch vereinzelt um Substanzen der chemischen Industrie. Stattdessen finden die Verantwortlichen in den Fischen Pflegemittel- und Medikamentenrückstände.

Kurz: Die Wasserqualität im Rhein ist heute gut. «Nach dem Unfall kam man auf die Welt», sagt Hans-Peter Jermann, Kantonaler Fischereiauf­seher im Basler Amt für Umwelt und Energie. Nach der Katastrophe be­fassten sich plötzlich verschiedene Gremien intensiv mit Umweltschutz. So entstand die Rheinüberwachungsstation für die ständige Überwachung der Wasserqualität und es wurden neue Lebensräume für Fische und Kleinlebewesen geschaffen. «Diese Massnahmen wären ohne Schweizerhalle vermutlich nicht so rasch eingeleitet worden», sagt Hans-Peter Jermann. Mit Sicherheit könne er das allerdings nicht sagen. Sollte es aber so sein, wäre die heutige Artenvielfalt im Rhein eine positive Folge von Schweizerhalle – wenn vielleicht auch die einzige.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 28/10/11

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