Spieltag 18: Der Fluch der Serie

Deutschland und Italien machen in Warschau den Finalgegner von Titelverteidiger Spanien aus (20.45 Uhr). Vorletzte Gelegenheit auch für einen Abstecher ins EM-Stübli im Hinterhof. Nachdem man um Spanier und Portugiesen im ersten Halbfinal ein bisschen Sorge hatte wegen taktischer Erstickungsgefahr und die jeweiligen Zonen, in denen es kitzlig werden kann – vulgo: Strafräume – zur […]

FILE - The June 17, 1970 file photo shows the fourth goal for Italy scored by Gianni Rivera, left, during the Football World Cup semi-fnal between West Germany and Italy in Mexico City, Mexico. From left to right : Rivera, West German Captain Franz Becken

Deutschland und Italien machen in Warschau den Finalgegner von Titelverteidiger Spanien aus (20.45 Uhr). Vorletzte Gelegenheit auch für einen Abstecher ins EM-Stübli im Hinterhof.

Nachdem man um Spanier und Portugiesen im ersten Halbfinal ein bisschen Sorge hatte wegen taktischer Erstickungsgefahr und die jeweiligen Zonen, in denen es kitzlig werden kann – vulgo: Strafräume – zur Sperrzone erklärt schienen, möchte man sich von Deutschland und Italien eine Spur mehr Spektakelfussball wünschen. Jenseits der Erkenntnisse, an denen sich all jene, die mal Trainer werden wollen, ergötzen.

Ein Blick in die Geschichte zeigt folgendes: Deutschland kann Italien eigentlich gar nicht. Seit 1923 und dem ersten Länderspiel (am Neujahrstag!) haben die Deutschen in 30 Begegnungen 14 Niederlagen kassiert und nur sieben Mal gewonnen. Das letzte Mal 1995. In einem Wettbewerbsspiel haben die Italiener die Deutschen noch nie an sich vorbei gelassen.

Das blendet Bundes-Jogi Löw natürlich aus und sagt: «Die Zeit ist reif, gegen Italien zu gewinnen.» Muss er ja sagen. Die Bilanz des Schreckens weist vier Gruppenspiele gegen Italien aus, darunter drei Mal ein 0:0. Zweimal standen sich die beiden Mannschaften in einem WM-Halbfinal gegenüber, von dem das 4:3 nach Verlängerung 1970 in Mexiko City noch immer als «Jahrhundertspiel» gilt. Der Reihe nach:

31. Mai 1962, WM, Vorrunde in Santiago der Chile
Deutschland-Italien 0:0
Uwe Seeler trifft in der Anfangsphase nur die Querlatte, anschliessend ist in den Geschichtsbüchern von einem Nichtangriffspakt die Rede. Torchancen auf beiden Seiten: null. Die Deutschen kommen unter anderem mit einem Sieg über die Schweiz weiter, Italien scheidet aus.

17. Juni 1970, WM-Halbfinal, Mexiko City
Italien–Deutschland 4:3 n.V. (3:2, 1:1, 1:0)
Die Hitzeschlacht bei 40 Grad vor 102‘400 Zuschauern im Azteken-Stadion. Deutschland hat drei Tage zuvor England in einem ebenso epischen Match mit 3:2 bezwungen. Boninsegna bringt Italien in der 7. Minute in Führung, ausgerechnet der deutsche Italien-Legionär Schnellinger gleicht in der dritten Minute der Nachspielzeit aus. Franz Beckenbauer spielt ab der 65. Minute mit ausgerenkter Schulter und improvisierter Armbandage. Der Rest des Spielfilms: 1:2 Müller (95.), 2:2 Burgnich (98.), 3:2 Riva (103.), 3:3 Müller (110.), 4:3 Rivera (112.). Wenn man sich Fussball wünschen könnte, dann so.

14. Juni 1978, WM-Zwischenrunde, Buenos Aires
Italien–Deutschland 0:0
Dichter Nebel über der argentinischen Metropole, Italien ist gegen ein biederes Deutschland überlegen, aber Sepp Maier hält alles, was auf den Kasten kommt.

11. Juli 1982, WM-Final, Madrid
Italien–Deutschland 3:1

Rossi, Tardelli und Altobelli schiessen Italien diskussionslos zum WM-Titel; Paul Breitner ist es kein Trost, dass er der einzige Spieler ist, der in zwei WM-Finals ein Tor erzielt. Das war noch zu der Zeit, als Schweizer der Nationalmannschaft aus dem grossen Kanton eher die Pest an den Hals gewünscht hätten. Wie sich die Zeiten geändert haben.

10. Juni 1988, EM-Vorrunde, Düsseldorf
Deutschland–Italien 1:1
Das Startspiel. Roberto Mancini, heute Trainer bei Manchester City, bringt die Azzurri in Führung, Andreas Brehme gleicht per indirektem Freistoss aus. Beide kommen weiter und scheiden in den Halbfinals (gegen Holland und die Sowjetunion) aus.

19. Juni 1996, EM-Vorrunde, Manchester
Italien–Deutschland 0:0
Im Grunde spielen die Italiener so wie die Spanier heute: 90 Minuten Handball um den deutschen Strafraum herum. Gianfranco Zola scheitert mit einem Penalty an Andreas Köpke. Das wars für die Italiener: Heimreise. Selber schuld. Deutschland wird Europameister – der letzte Titel bis dato.

4. Juli 2006, WM-Halbfinal, Dortmund
Deutschland–Italien 0:2
Das jähe Ende des deutschen Sommermärchens. Es zeichnet sich in der Verlängerung ab, Italien ist besser. Und dann steckt Andrea «Löffelchen» Pirlo den Ball grandios auf Grosso zum 0:1 durch. Eine Minute fehlte den Deutschen, um sich ins Elfmeterschiessen zu retten. Del Piero legt gleich noch einen nach.

Fortsetzung also heute, live auch im Hinterhof zu verfolgen. Dazu gibt es im Vorprogramm ab 18 Uhr gratis die Vorpremiere eines Films zu sehen.

Konversation

  1. Italien gegen Deutschland ist mehr als nur Fussball. Wie früher USA-Sowjetunion im Eishockey. Das ist der Zusammenprall zweier Kulturen. Tattoos gegen blank, Bärte gegen Flaum, rohe Manneskraft gegen Duracell-Häschen, Skandalkicker gegen brave Jogi-Nutella-Jungs, Individuum gegen System, Rechtsaussen gegen Multikulti, Bad Boys gegen Political correctness, Strassenfussball gegen Ausbildungsfussball, Nonchalence gegen Sportwissenschaft, Intuition gegen trainierte Bewegungsabläufe, Zufall gegen Empirie, Genetik gegen Statistik, Ertrag gegen Aufwand, Raffinesse gegen Nervosität, Tragödie gegen Drama.

    Hier werden Helden und Verlierer geboren. Brutaler Abnützungskampf mit Blut, Schweiss und Tränen. Wie einst bei den Gladiatoren.“Brot und Spiele“, sprach Cäsar.

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