Sunnyboys aus dem Südosten


Mit den Konzerten von Goran Bregovic und George Dalaras fand die diesjährige AVO Session Basel ihren Abschluss. Die Veranstalter ziehen eine positive Bilanz und sprechen von einem Rekord-Jahrgang: Insgesamt seien 20’000 Tickets verkauft worden, was einer Auslastung von 99 Prozent entspreche.

Flotte Balkan-Beats: Goran Bregovic (Gitarre) und seine Band reissen das AVO-Publikum aus den Sesseln.. (Bild: Dominik Plüss/AVO Session)

Mit den Konzerten von Goran Bregovic und George Dalaras fand die diesjährige AVO Session Basel ihren Abschluss. Die Veranstalter ziehen eine positive Bilanz und sprechen von einem Rekordjahrgang: 99 Prozent der Tickets seien verkauft worden.

Mit 40 wollte er eigentlich im eigenen Adria-Häuschen in Rente gehen, nach einer bewegten Karriere als Rockstar in Jugoslawien. Doch was wäre das für ein Lebensabend gewesen für einen Mann, dessen Motto lautet «If you don’t go crazy, you’re not normal», wie es die vor dem Konzertsaal verkauften T-Shirts verkünden? Stattdessen schrieb Goran Bregovic 1991 die Filmmusik zu Emir Kusturicas «Time Of The Gipsies» und startete eine zweite Karriere: Durch einen Sound, der die Traditionen seiner Heimat poppig mit internationalen Gästen von der Kapverdin Cesaria Evora bis zum Griechen George Dalaras koppelte, wurde er zum Urvater des Balkan Beat. Zwanzig Jahre später ist der 61-Jährige längst von jungen Kollegen wie DJ Shantel überholt worden. Was kann er dem Publikum noch Neues bieten?

Die Stimme ist der Star

Die Frage musste am Finale der AVO Session erst einmal hintan gestellt werden, denn die erste Hälfte des Abend bestritt der bereits erwähnte George Dalaras. In der gleichen Altersklasse wie sein serbokroatischer Kollege hat sich die zweite Musikikone des modernen Griechenlands nach Mikis Theodorakis prima gehalten. Zwar vollständig ergraut, aber immer noch mit einem jungenhaften Schalk um die Mundwinkel, präsentiert er sich vor grossem, elfköpfigen Ensemble, das ein orchestral gefärbtes, teils wuchtiges Ambiente für seine zunächst eher getragenen Songs liefert. Akkordeon, Flöte, Klarinette, Geige und Bouzoukis fügen sich zu einem Klang, der im traditionellen Hafenblues Rembetiko wurzelt.

Durch Dalaras avanciert dieser aber zu grosser Liedermacherkunst mit ausgetüfteltem Kolorit, auskomponiert bis hinein in die kurzen arabesken Zwischenspiele und die Glockenspiel-Effekte. Hier wird nichts dem Zufall, der Improvisation überlassen. 

Dalaras’ Stimme ist der Star: ein sanfter, wendiger Tenor mit großzügigem Vibrato, der sich auch mal in kräftige Kehligkeit aufschwingt. Meist singt er mit geschlossenen Augen, inbrünstig und mit Pathos, aber nie affektiert oder prätenziös. Gerne hätte man ein paar erläuternde Worte zu den Texten bekommen, doch so hängt man umso mehr an seinen Lippen, um zu ergründen, warum sich mal sein Gesicht verdüstert, sich mal mit einem seligen Lächeln überzieht. Bevor die etwas statische Inszenierung in Langeweile kippt – Dalaras steht fast unbeweglich an seinem Pult – bekommt er Verstärkung durch Melina Aslanidou. Die junge Sängerin mit erdig-warmem Timbre und blitzenden Augen stiehlt ihm für drei Stücke die Show, schmiegt sich dann als Begleitstimme an ihn.

Ein wenig Dynamik kommt hinein, als Dalaras selbst zur Bouzouki greift, sich gegen Ende der Show herbe Melodik von der Schnittstelle zum Balkan hinein schiebt. Das Publikum ist begeistert und webt ein Sirtaki-Band zwischen den Tischen und Stuhlreihen.

Die Balkanvariante von «Carmen»



Auch nach der Pause kommt der Impuls zunächst von jenseits der Bühne: Wie es sich für eine Blaskapelle geziemt, zieht das fünf Mann starke Blech der Wedding & Funeral Band aus den verschiedenen Winkeln des Saals ein. Das mitreissende Quintett aus Saxophon, Trompeten und Hörnern, das schnell für dicht geschlossene Tänzerreihen sorgt, erledigt dann für die nächsten 90 Minuten auch die Hauptarbeit, zusammen mit dem kernig-seelenvollen Sänger Muharem Redzepi, der mit bewundernswertem Paralleleinsatz auch die große Trommel und das Becken rührt. Leader Goran Bregovic, immer noch ganz der schelmische Bub, sitzt mit seiner blauen Gitarre inmitten der Bläser und bedient unauffällig den Laptop, um peitschende Rhythmen herauszukicken. Für seine unbändigen, schrägen Neunachtel- und Siebensechzehntel-Takte ist der Balkan bekannt – bei Bregovic ist das meistens in ein vorprogrammiertes Zweiviertel-Korsett gezwängt, eine fast discomäßige Nivellierung und Monokultur, die aber als Vorbild für viele Balkan Beat-Pultmeister diente. 



Und die natürlich international noch immer funktioniert, weshalb Bregovic an seinem Rezept auch seit zwanzig Jahren nichts geändert hat. Heizenden Hits wie «Mesecina» und «Gas Gas» stattet das Mini-Orchester Besuche ab, Auszüge aus seiner Version der «Carmen»-Oper und dem aktuellen Album «Alcohol» erklingen, ein balkanisiertes «Bella Ciao», und als melancholisches Interludium die berühmte Roma-Hymne «Ederlezi». Hier übernehmen endlich einmal die beiden bulgarischen Matronen die Hauptrolle, nachdem sie zuvor allzu sehr dekoratives Element geblieben sind. Schließlich kommt es auch zum Gipfeltreffen der beiden Sunnyboys Bregovic und Dalaras, deren jugendliche Ausstrahlung auf ein wenig mehr Frische hindeuten mochte, als sie ihre Musik letztendlich verströmen konnte. Dem Enthusiasmus der Zuhörer tat das keinen Abbruch – und so schloss die AVO Session 2011 wie Bregovics Balkanvariante von «Carmen»: mit einem «happy ending».


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