Toskanische Gewitter, 6. August 2002

Lira-Noten bringen mich zum Nachdenken, Gewitter zwingen, immer wieder Unterschlupf zu suchen und ein Nadelwald breitet mir das breiteste Bett aus, in dem ich je schlief.

Unterschlupf in einem verlassenem Gehöft während eines Gewitters: Da wurde wohl Wein gelagert. (Bild: Urs Buess)

Lira-Noten bringen mich zum Nachdenken, Gewitter zwingen, immer wieder Unterschlupf zu suchen und ein Nadelwald breitet mir das breiteste Bett aus, in dem ich je schlief.

Am Morgen lagen die dreissigtausend Lire, die hinter einem Bild versteckt waren, noch immer auf der Kommode. Und nun? Italien hat sich ganz offensichtlich schon an diesen Euro gewöhnt. Acht Monate gibt es ihn und im Gegensatz zu Frankreich, wo man intensiv dem Franc nachtrauert, habe ich auf dem bisherigen Weg durch Italien wenig Sehnsucht nach der Lira entdeckt. Ganz zu schweigen von Britannien, wo er immer noch ein Teufelswerk ist.

Der Anblick der drei Zentausender-Lire-Noten machte mich ganz nachdenklich. Wo ist wohl der Besitzer jetzt? Und, natürlich: Wer ist er oder sie wohl? Überstürzt das Hotel verlassen? Oder mit einem schrecklichen Kater nach durchzechter Nacht? Eine geplatzte Liebesgeschichte? Jedenfalls: Es muss letztes Jahr oder noch früher passiert sein, als jemand die Rückwind dieses Bildes (eine Landschaft am Meer mit Ruderbooten) zum Versteck gewählt hatte. Mir gehörte das Geld jedenfalls nicht. Es an der Rezeption abgeben mochte ich auch nicht. Und so liess ich es liegen. Der Zimmerfrau würden die drei Noten wohl einen Gang auf eine Bank wert sein.

Eine tiefe Einsicht in italienische Kultur habe ich bei meinem Zwischenhalt in Florenz nicht gewonnen, weder einen mir unbekannten Maler gefunden, noch einen Literaten entdeckt oder so etwas. Das war wirklich nicht der Fall. Hab mich einfach über die Massen von Touristen gewundert, die sich da hordenweise durch die Kulturtempel schleusen lassen, Souvenirs kaufen und in Reiseführer starren.

Nochmals der Army-Look

Nicht in Ruhe gelassen hat mit der all präsente Armee-Look in der Mode und so habe ich mir ein Herz gefasst und eine junge Italienerin nach dem Grund gefragt, wieso sie ein solches T-Shirt und entsprechende Hosen trage. «Ist einfach Mode in Italien, man trägt das – sonst nichts.» Ist es eigentlich arrogant, wenn ich finde, solche Antworten zeugten doch auch von einer grossen Portion Dummheit und gedankenlosen Oberflächlichkeit obendrein?

Kaum war ich in die Ebene von Pistoia heruntergekommen am Sonntag, ist mir aufgefallen, mit welcher Fruchtbarkeit die Toskaner gesegnet sind. Auf jedem Quadratmeter wachsen reich und üppig all die Herrlichkeiten, mit denen die Leute hier ihre Tische füllen. Südlich von Florenz dann unversehens eine neue Vegetation. Zypressen, Föhren, würzige Sträucher dominieren, Olivenhaine, soweit man sehen kann, regelmässig gestreut die Bauernhöfe inmitten von Hainen und Reben.

Gewitter und leere Weinflaschen

In Impruneta war es plötzlich dunkel. In Kürze war ein Gewitter heraufgezogen, es brauste los, Windböen, Blitze, Donner, heftiger Regen.  Es reichte nicht, mich in eine Bar zu retten, suchte das Trockene unter dem Vordach eines Kleiderladens. Innert Kürze war die Strasse ein Bach, Autos fuhren keine mehr, es schwemmte Äste den Teer herunter. Ein Blitz schlug unmittelbar vor mir in die Fernsehantenne eines Hauses ein, was wunderprächtig aussah, und dann krönte ein Hagelschauer das Schauspiel.

Wie gekommen, verschwand das Gewitter wieder. Hatte nicht einmal Zeit, ein Pfeife leer zu rauchen und zog weiter Richtung Strada – erst auf einer Teerstrasse, die in der Sonne dampfte, dann über weiche Feldwege.

Ein neues Gewitter zog herauf, diesmal fand ich Unterschlupf in einem zerfallenden Bauerngehöft. Es stand voller leerer Weinflaschen, Glaskolben, in denen einmal so an die fünfzig Liter Platz hatten – ein sehr malerischer Anblick. Wunderte mich, dass ein solches Haus – so nah bei Florenz – nicht längstens für Ferienzwecke hergerichtet worden ist.

Wählerischer Agriturismo

Die Sonne lockt nach solchen Gewittern intensive Gerüche aus den Sträuchern. Es war betörend weiterzugehen, Rebbergen entlang, deren Trauben sich bereits blau färben. Und wie sich die Vegetation verändert hat, so änderte sich auch das Strassenbild. Plötzlich trägt jedes zweite Auto ein ausländisches Nummernschild: Deutsche vor allem, auch Franzosen, Holländer, Engländer. «Agriturismo» dominiert, Bauernhöfe bieten Verkauf ab Hof und Betten an. Bin lange Zeit in der Hoffnung auf ein Bett in einem solchen Gehöft drauflos marschiert, doch es waren nicht einfach deutsche Automobilisten, die mir zuvor kamen: Grundsätzlich vermiete man nur an Leute, die drei Nächte bleiben.

Und an Alleinreisende sowieso ungern. Macht mir erstmals ein bisschen Mühe, dieses Allein-Umherziehen unter all den ordentlichen Familien und Pärchen. Frage mich manchmal, was ich da eigentlich tue. In den Städten war mir diese Frage immer etwas vorn, nun drängt sie sich auch in dieser Tourismusgegend auf.

Das Wetter schien stabiler und der Boden in einem dichten Nadelwald so weich, dass ich – kurz hinter Greve – beschloss, die Nacht hier im Freien zu verbringen.

(Greve, 7. August 2002)

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