Vegan auf Zeit: Der Kaffee-Test

Vegan ist das neue vegetarisch? Gundeli-Bloggerin Daniela Gschweng hat es getestet. Vier Wochen vegan im Selbstversuch. Ohne Zwang und schlechtes Gewissen und dabei eine ganze Menge spannende Erfahrungen gemacht – angefangen beim Kaffee.

Ein bisschen mehr als Brokkoli und Co. wird bei Daniela Gschweng wohl auch in Zukunft auf den Teller kommen. Trotzdem will sie nach dem Selbsttest so vegan wie möglich leben. (Bild: Livio Marc Stöckli)

Vegan ist das neue vegetarisch? Gundeli-Bloggerin Daniela Gschweng hat es getestet. Vier Wochen vegan im Selbstversuch. Ohne Zwang und schlechtes Gewissen und dabei eine ganze Menge spannende Erfahrungen gemacht – angefangen beim Kaffee.

Je nachdem, wo man fragt, ist vegane Ernährung das einzig Wahre oder das reinste Teufelszeug. Die Meinungen liegen weit auseinander. Sätze wie «Vegan ist das neue vegetarisch» klingen schwer nach Lobbyarbeit. «Alles Blödsinn», das ist die andere Position, aber auch.

Also ausprobieren. Ein Monat dürfte drin liegen. Ich bin weder allergisch gegen Getreideeiweiss (Gluten), noch laktoseintolerant. Ideologische Probleme mit Milch und Eiern habe ich auch nicht. Selbstkasteiungswütig bin ich eher weniger. Vielleicht hat mich doch der allgemeine Gesundheitstrip zur Fastenzeit erfasst.

Am Anfang meines veganen Selbstversuchs stand eine Analyse meines Speiseplans. Ganz oben stehen die Milchprodukte, zuoberst mein geliebter Milchkaffee. Ich entschliesse mich, mit der Milch anzufangen und dann nach und nach alle tierischen Lebensmittel durch pflanzliche zu ersetzen.  

Damit liegt die grösste Hürde gleich am Anfang. Beim Kochen lässt sich Milch gut ersetzen. Bleibt der Kaffee. Bisher war ich damit so zickig, dass ich die Kaffeemilch mitgebracht habe, wenn ich irgendwo zu Besuch war. Ob das gutgeht?

Die vegane Milchbar  

Milchersatzprodukte gibt es in allen Biomärkten, stelle ich fest. Die grossen Supermarktketten führen zumindest Sojamilch, bei den Discountern gibt es gelegentlich Aktionsangebote. Nach einer Einkaufsrunde habe ich Reismilch, Mandelmilch, Hafermilch und verschiedene Sorten Sojamilch im Einkaufskorb.  Die erste Verkostung der veganen Milchbar ergibt: Für sich genommen schmeckt das alles nicht schlecht – nur wie sieht das als Michersatz im Kaffee aus?

Tag 1: Reismilch – ziemlich süss

Mein vorerst veganes Leben beginnt am nächsten Morgen. Leicht verschlafen leere ich Reismilch in die Kaffeetasse und finde das geschmacklich gar nicht so schlimm. Reismilch ist glutenfrei, enthält dazu noch ziemlich wenig Fett, ist etwas dünnflüssig und ziemlich süss. Wer süsse Heissgetränke mag, wird Kaffee mit Reismilch mögen. Meinen Geschmack trifft sie nicht ganz.

Tag 2: Hafermilch – etwas bitter im Abgang

Ein ermutigender Auftakt. Am zweiten Morgen geht es weiter mit Hafermilch. Die lässt sich aufschäumen, wie die meisten anderen Milchersatzprodukte auch, was gleich ein tolles Kaffeegefühl erzeugt. Der Kaffee schmeckt zwar etwas süsser als gewohnt aber sonst gar nicht schlecht. Einzig störend ist der leicht bittere Nachgeschmack. Etwas bitter im Abgang, könnte man sagen.

Tag 3: Soja/Reis-Drink – fast perfekt

Noch eine angenehme Überraschung am dritten Tag: Der «Bio Soja Reis Drink», gekauft jenseits der Grenze in einem gut sortieren Supermarkt, erzeugt einen fast authentischen Cafe au Lait-Geschmack. Mit dem nur leicht süsseren Geschmack im Vergleich zur Kuhmilch können auch Pingelige wie ich gut leben. Mein Kühlschrank ist voll mit angebrochenen Milchersatzprodukten, was schon leicht irre ist. Trotzdem: So langsam macht die Sache Spass.

Tag 4: Sojamilch

Am vierten Tag gibt es einen merklichen Einbruch meines Experimentierwillens. Mit Sojamilch schmeckt der Kaffee als ob die Milch gerade dabei wäre, sauer zu werden. Etwas bitter ist er auch. Zudem finde ich die leicht graue Farbe störend. Schade, denn Sojamilch ist relativ günstig und in vielen Geschmacksrichtungen zu bekommen. «An den Geschmack von Sojamilch gewöhnt man sich schnell», twittern Bekannte und empfehlen mir für den Anfang ein aromatisiertes Produkt. Die Verkäuferin im Bioladen empfiehlt mir, Sojamilch ohne Kalziumzusatz zu verwenden.

Tag 5: Sojamilch Vanille: Total Aroma

Deshalb probiere ich am nächsten Morgen Sojamilch mit Vanillegeschmack. Das ist etwas besser als Sojamilch natur. Der seltsame Geschmack ist weg, dafür ist das Vanillearoma ziemlich aufdringlich. Freunde des Kaffeesirups werden daran Freude haben, ich eher nicht. Ein weiterer Minuspunkt: Die aromatisierte Sojamilch hat ziemlich viele Kalorien. So langsam überlege ich, ob ich es aushalte, den Kaffee einfach schwarz zu trinken.

Tag 6: Mandelmilch: Vegan deluxe

Der sechste Tag beginnt mit einem «wow». Mein Kaffee ist etwas dunkler als sonst und ein wenig süsser, bekommt mit Mandelmilch aber einen feinen Nussgeschmack, den ich sehr ansprechend finde. Vegan deluxe. Das gilt leider auch fürs Portemonnaie – Mandelmilch ist relativ teuer.  

Tag 7: Kaffee vom Profi: Gewusst, wie

Am siebten Tag lasse ich mal andere meinen Kaffee zubereiten. Zuerst in einer grossen Kaffeehauskette. Die «Soy Latte» hat zwar noch ein wenig Sojageschmack, schmeckt aber viel besser, als ich von meinen bisherigen Sojamilch-Experimenten sagen kann. Es geht also doch. Nur wie?  

«Vom Geschmack her unterscheidet sich Sojamilch verschiedener Hersteller enorm», sagt Marc Stöckli, selbst Veganer und Wirt des «Caffe Bologna» in Basel, wo ich den Nachmittagskaffe hinverlegt habe. Er ermutigt mich, noch ein paar Marken auszuprobieren. Dazu bekomme ich Tipps, wie ich Käse, Eier und Butter durch vegane Produkte ersetzen kann. Mit dem veganen Kuchen, den ich zum Kaffee esse, ist das schon mal geglückt.  

Da stehen mir noch einige Experimente bevor, ahne ich. Daheim warten noch Dinkelmilch (ziemlich süss) und Hanfmilch (etwas bitter). Inzwischen habe ich mehrere vegane Milchkaffeevarianten gefunden und bin zufrieden.  

Fazit für die, das nachmachen wollen

Die Ersatzmilchprodukte schmecken teilweise fast wie Kuhmilch, lassen sich aufschäumen und beim Kochen wie Milch verwenden. Milchkaffe und Latte Macciato sind damit kein Problem. Viele sind gesüsst. Diejenigen, die ihren Kaffee gerne mit Milch und Zucker trinken, werden bei der Umstellung wenig Probleme haben, heikle Menschen wie ich müssen ein wenig suchen. Vegane Milchersatzprodukte finden sich in den Bioläden, zum Teil auch in den grossen Supermärkten. Die meist erste Wahl, Sojamilch, ist als Kaffeemilch etwas gewöhnungsbedürftig, es lohnt sich aber, mehrere Produkte zu testen.

Etwas tiefer in die Tasche greifen muss man beim veganen Einkaufen schon. Ein Liter fettarme H-Milch ist schon für einen Franken zu haben, vegane Ersatzprodukte sind dagegen teurer. An der Spitze steht die Mandelmilch mit bis zu sieben Franken pro Liter. Toll ist das grosse Angebot für Allergiker: Soja- , Mandel- und Reismilch sind gluten- und natürlich laktosefrei.

 

Mehr zum Thema:
Eine Übersicht der Milchersatzprodukte finden Sie hier.
Volksinitiative «Sentience»: Vegan soll Pflicht werden
Auch in den Mensas soll’s künftig vegan werden: vegi-mensa.ch

Konversation

  1. Ich liebe Milchproduke (wid gut ist doch ein Stück Münsterkäse!), ich liebe Fleisch und werde nie darauf verzichten.
    Dann bin ich gerne der rückständige, peverse Neandertaler, für den ich dann gehalten werde (hoppla, ich bin auch noch Akademiker). Biolandbau ist eine gute Sache aber ohne Tierhaltung (Stichwort Dünger) micht denkbar. Milchersatzaus Soja, Mandeln und Reis? Enorm heimisch in unsrem Breitengraden.

    Euer peverser, dekadenter, rückständiger Allesesser.

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  2. 50% am Anfang (50% Normalkost mit 10% Biofleisch). Danach lagsam auf 75% und dann 100%. Sport werde ich auf Wettkampf Niveau halten, und ich hiffe, ich kann mein Wettkampf Gewicht halten!

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  3. Jeder soll doch essen, was er will. Nervend sind für mich eher die Menschen die ein grosses TamTam daraus machen.

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  4. Danke für die Michauslegeordnung. Aber im ernst: Milch ist herrliche, äxgüsi: dämliche, geht auch nicht, ich bekomm’s aber schon noch hin: köstliche Nahrung. Für Säuglinge! Und dann gehen alle zur festen Nahrung über. Alle? Nein eine Spezies, die ganz schlaue, zumindest ein Teil von ihr, bleibt ihr Lebtag in der frühkindlichen Phase stecken. Und eine ganze Industrie ist auf dieser Perversion aufgebaut, und ein Dutzend Laufmeter Kühlregale sind in jedem Supermarkt mit diesen Erzeugnissen überstellt, und je länger je mehr als Arzneimittel angepriesen. Abartig, biologisch gesehen (wobei Butter, Sahne, Käse etc. – ich sag’s ungern – schon lecker ist, wobei auch pflanzliche Fette und Öle gute Geschmacksträger sind). Bei all dem: Auch Milchtrinker müssten doch irgendwo Grenzen ihres abartigen Kults respektieren und spätestens vor dem Milchkaffee halt machen. Da wird ein Riesenaufwand betrieben, der Kaffeebohne ein köstliches Aroma abzutrotzen, und dann wird es mit Kälbernahrung versaut. Kann das jemand erklären? Und warum dann nicht auch Bier, Wein und Whisky damit verderben? Das haben wir wohl noch vor uns. Ein Wort noch am Rande zu den weissen Milchersatzsäften: Wer – Veganer oder nicht – den Film „More than Honey“ gesehen hat, kann sich nicht auf Nichtwissen berufen, und könnte bei vollem Bewusstsein keine US-Mandeln mehr anrühren (und viele andere sind bei uns nicht im Handel), und demnach erst recht keine Mandelmilch. Über Soja müsste man länger reden…

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  5. Dass eine vegane Ernährung weniger nahrhaft ist, kann ich nicht bestätigen. In der ersten Woche habe ich sogar leicht zugenommen – vielleicht eine schlechte Nachricht für alle, die mit veganer Ernährung abnehmen wollen. Der Grund war schnell identifiziert. Wegen des realen oder vermeintlichen Proteinverlusts habe ich wesentlich mehr Kerne und Nüsse gegessen. Als Snack, nebenher.
    Als Problem bei Handwerkern sehe ich eher, dass die berufsbedingt oft auswärts essen müssen, wo vegan nicht immer geht.
    Wer wirklich aufs Geld schauen muss, kommt allenfalls jenseits der Grenze etwas besser weg. Teurer ist die vegane Ernährung nach meinen Erfahrungen trotzdem.

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  6. Auf der Suche nach einem Milchersatz im Kaffee habe ich all diese Sachen auch getestet. Mein Favorit ist Reismilch, wobei sich die eher schlecht aufschäumen lässt. Bei Sojamilch gibt’s wirklich grosse Unterschiede, z.B. finde ich die beim Café Spettacolo zum Abgewöhnen. Mittlerweile trinke ich den Kaffee meist ganz ohne, aber leicht gesüsst.

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  7. Veganer, die es sehr ernst meinen, gehen noch viel weiter.
    Die verwenden nichts vom Tier, wirklich gar nichts!
    Als Lederschuhe und Taschen aus Leder, egal welcher Art, tabu.
    Veganer kleiden sich in nichts, was vom Tier kommt, also keine Wolle, keine Seide. Da bleibt Baumwolle, Hanf, Nesselstoff und Kokos (kann man davon Kleider machen) und sonst noch ein paar exotische Fasern.
    Natürlich sind Kunststoffe auch nicht direkt von Tieren. Allerdings sind Veganer auch sonst sehr umweltbewusst…..
    Kleider einfach von der Stange kaufen, ist da nicht mehr soooo einfach.

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  8. Prinzipiell möglich, genau so wie der vegane Bauarbeiter.

    Aber vielleicht doch eher etwas für die Geistesarbeiter, die nicht ganz soviel Energie verbrauchen müssen und dafür aber auch erheblich mehr verdienen.

    Also zum Beispiel einen Nationalrat. Aber ob die immer mit gutem Beispiel vorangehen?

    Ich bin auf jeden Fall gespannt darauf, wie dieser Selbstversuch weitergeht.

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