Verborgene Schätze

Am Montag öffnete die siebte Ausgabe der Design Miami ihre Tore. Im Zentrum der parallel zur Art laufenden Messe stehen seltene Möbel- und Lampenentwürfe des 20. Jahrhunderts. Daneben gibt es eine grosse Auswahl an Gallerien, die aktuelles Design in limitierten Auflagen oder als Einzelstücke präsentieren. Wer die diesjährige Design Miami betritt, riskiert ein Déjà-vu: Zur […]

Jean Prouvés «Maison Métropole».

Am Montag öffnete die siebte Ausgabe der Design Miami ihre Tore. Im Zentrum der parallel zur Art laufenden Messe stehen seltene Möbel- und Lampenentwürfe des 20. Jahrhunderts. Daneben gibt es eine grosse Auswahl an Gallerien, die aktuelles Design in limitierten Auflagen oder als Einzelstücke präsentieren.

Wer die diesjährige Design Miami betritt, riskiert ein Déjà-vu: Zur Linken steht ein ganzes Haus aus den späten Vierzigerjahren des französischen Ingenieurs und Entwerfers Jean Prouvé, während sich zur Rechten die filigranen Arme einer Lampe von Jean Royère aus derselben Zeit der Wand entlang ranken.

War das letztes Jahr nicht auch schon so? Selbst wenn es sich bei der diesjährigen Schau beim Haus um das grössere Modell Metropol handelt und die Lampe Liane etwas kleiner ausfällt als vor einem Jahr, die Konstellation bleibt eine ähnliche. Die grossen französischen Galerien halten an ihren Stars fest. Dies sicher nicht zu unrecht, denn Prouvé oder Charlotte Perriand, die ebenso ihren festen Platz hat, gehören mit Bestimmtheit auf den Designolymp. Aber so schön die von der Zeit gezeichneten Aluminiumprofile auch sein mögen, nach sieben Jahren an prominenter Stelle drohen sich Ermüdungserscheinungen einzustellen.

Glücklicherweise beschränkt sich die Messe aber nicht auf das Standardrepertoire, sondern bietet selbst im Bereich der ehrwürdigen Klassiker eine viel breitere Auswahl, als der erste Blick vermuten lässt.
Jedes Jahr mit dabei ist auch eine Reihe von Galerien mit skandinavischem Design. Der Fundus ausgezeichneter Entwürfe scheint hier allerdings auch dann noch unermesslich, wenn man von den ganz Grossen wie Alvar Aalto, Josef Frank oder Poul Kjaerholm absieht. Am Stand von Eric Philippe finden sich beispielsweise zwei archaisch anmutende Hocker aus verleimten Tannenholzbalken, die auf einen Entwurf des Schweden Axel Einar Hjorth zurückgehen. Die Sitzgelegenheiten sind zwar im wahrsten Sinn des Wortes simpel, aber trotzdem auf ihre ganz eigene Art elegant. Vor allem aber sperren sie sich gegen jede zeitliche Verortung. Dass sie 1929 entstanden sind, nimmt man staunend zur Kenntnis. 
Überraschend sind auch die Exponate der Heritage Gallery aus Moskau, die Möbel aus Sowjetzeiten zeigt.

Die Sessel, Tische und Wohnzimmerschränke stammen mehrheitlich aus Musterwohnungen unterschiedlicher Ausstellungen der fünfziger und sechziger Jahre, von wo sie direkt in die Wohnungen hoher Parteifunktionäre wanderten. Anders als die nach ihrem Vorbild gefertigte Billigware für die breiten Massen des Proletariats entstanden sie in direkter Zusammenarbeit mit ihren Entwerfern als handwerklich hergestellte Einzelstücke aus wertvollen Hölzern. Die Formensprache der Nachkriegszeit ist sicher weniger revolutionär als die Werke der Avantgarde unmittelbar nach der russischen Revolution. Hält man sich allerdings den Zuckergussstil zur Zeit der letzten Regierungsjahre Stalins vor Augen, sind die kurz darauf einsetzenden Bemühungen um eine sachliche Gestaltung doch bemerkenswert. Zudem wird einem angesichts dieser Entwürfe einmal mehr bewusst, dass aus Designperspektive weite Teile Osteuropas nach wie vor Terra incognita sind.


Dass sich die Design Miami nicht als reine Verkaufsmesse verstanden wissen will, beweist sie anhand verschiedener weiterer Bereiche, die im Mezzaningeschoss vorgestellt werden. Hier bietet sich zum einen einer Hand voll kleinerer Galerien die Möglichkeit, Objekte und Werkgruppen ausgewählter Designer und Designstudios zu zeigen. Zum andern werden designpädagogische Ziel verfolgt, indem beispielsweise Abschlussarbeiten von Studierenden verschiedener europäischer Ausbildungsstätten präsentiert werden und die sonst oft nur schwer zugängliche Literatur rund ums Design in einem eigens eingerichteten Bücherstand zugänglich gemacht wird. Ebenfalls unter diese Sparte fallen die täglich stattfindenden Podiumsdiskussionen, bei denen dieses Jahr der Fokus auf dem Thema Sammeln liegt.

Insgesamt vermittelt die Messe vom aktuellen Designschaffen ein Bild, in dem sich ein Trend zum Selbst- und Handgemachten andeutet, während die Hightech-Spielereien wenigstens für den Moment in den Hintergrund rücken. Wo vor zwei Jahren noch interaktive Leuchtkuben auf schwer nachvollziehbare Art mit sich und der Welt kommunizierten, sitzen jetzt die Entwerferinnen und Entwerfer des italienischen Designkollektives Formafantasma. Aus Lederresten und andern Tierhäuten nähen sie mitunter bizarre Gefässe – Anachronismen vielleicht, aber gleichzeitig auch Hinweise darauf, dass sich die Gestaltung von Alltagsgegenständen nicht allzu weit vom Menschen weg bewegen darf. Dieser Grundsatz betrifft nicht nur die verwendeten Materialien, sondern auch den Gestaltungsprozess, der bei handwerklich erzeugten Objekten für die Benutzerin oder den Benutzer verständlich bleibt und damit zum Gegenstand der Wertschätzung werden kann.

Dem Besucher der Design Miami bietet sich damit gerade dieses Jahr eine besonders gute Gelegenheit, einmal der Frage nach dem Wert von Design nachzuspüren, denn die gezeigten Objekte eröffnen eine ganze Reihe von möglichen Antworten: Diejenigen, die auf den Wert kostbarer Materialien abzielen, gehörten mit Sicherheit zu den uninteressantesten. Spannender ist dagegen die Einsicht, dass das Wissen um die Hintergründe wie bei der Kunst auch im Design den Wert des praktischen Nutzens bei weitem übertrifft. Gleichzeitig kann sich Design nicht von seiner funktionalen Seite lösen. Immer adressiert es sich im Gegensatz zur Kunst an jemanden, der es benutzt oder wenigstens benutzen könnte. Damit steht es in viel engerem und körperlicherem Kontakt zu uns. Und vermutlich liegt auch genau hier der Grund dafür, dass wir im Bereich des Designs dem Einfachen oft den Vorzug vor dem Komplizierten geben.

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