«Versuchen Sie mal, sich selbst zu kitzeln»

Kaum jemand weiss, was die Wissenschaft treibt. Sie sitzt im Elfenbeinturm. Nun bringt die Theatergruppe Anda einen Neurowissenschaftler auf die Bühne. Und zwar nicht irgendeinen. Kaum jemand weiss, was die Wissenschaft treibt. Zu komplex, zu trocken, zu spezifisch. Dabei haben manche Disziplinen einen festen Platz in der Unterhaltungskultur. Etwa wenn abstruse Ideen im Gewand der […]

Gibt spielerische Einblicke in unsere «Spukhaus-Gehirne»: Peter Brugger.

Kaum jemand weiss, was die Wissenschaft treibt. Sie sitzt im Elfenbeinturm. Nun bringt die Theatergruppe Anda einen Neurowissenschaftler auf die Bühne. Und zwar nicht irgendeinen.

Kaum jemand weiss, was die Wissenschaft treibt. Zu komplex, zu trocken, zu spezifisch. Dabei haben manche Disziplinen einen festen Platz in der Unterhaltungskultur. Etwa wenn abstruse Ideen im Gewand der Neurologie die Storys von Filmen wie «Transcendence» vorantreiben, in dem Johnny Depps Hirn ins Internet eingespeist wird.

Jetzt hat der Nationalfonds eine Reihe von Veranstaltungen gefördert, die den Stand der modernen Wissenschaft in neuen Darstellungsformen präsentieren will – im Theater. Am Schauspielhaus Zürich gab es bereits solche «Scientainment»-Anlässe. Einer fand kürzlich mit Peter Brugger, Neuropsychologe am Universitätsspital Zürich, zum Thema «Sinnliches und Übersinnliches» statt. Demnächst wird der Anlass auch in Basel zu sehen sein. Im Gespräch erklärt Brugger, warum wir manchmal Geister sehen, wo keine sind.

Brugger auf der Bühne – man denkt eher an Ihre Tochter, die Slampoetin Hazel Brugger. Machen Sie ihr die Bühne streitig?

(lacht) Ich lasse mir nicht träumen, ihr etwas streitig zu machen. Aber ich freue mich, dass ich ein wenig in ihre Fussstapfen trete. Und etwas Vaterstolz ist auch dabei.

Was können Sie für Ihren Auftritt von ihr lernen?

Naja, sie ist ja auf der Bühne die böse Lady, mein Auftritt ist recht anders. Aber im Leben lerne ich viel von ihr. Zum Beispiel habe ich durch sie alle Bücher von Markus Werner gelesen. Als Wissenschaftler ist der Blick schon recht eng.

Sie tragen im Theater Wissenschaft vor: Ist das eine geeignete Kombination?

Es geht hier um die Vermittlung von Wissenschaft ausserhalb des universitären Rahmens. Gedacht ist das für Menschen, die sich nicht in Brain-Fairs treffen, aber die Denkspiele der Wissenschaft lieben. Wir sorgen für spielerischen Austausch.

Macht Ihnen die Bühne Freude?

Ja. Aber das Textlernen macht mir Bauchweh.

Sie haben der Theatergruppe Anda zugesagt, auf der Bühne von ihrer Forschung zu berichten. Spricht daraus das Gefühl, im Elfenbeinturm zu sitzen?

Es war natürlich die Absicht des Nationalfonds, der das Projekt finanziert, die Grenze zwischen Gesellschaft und Wissenschaft aufzuweichen – die ganz generell ein Elfenbeinturmproblem hat. Meiner Forschung geht es dabei noch relativ gut. Ich frage danach, warum die Menschen an übersinnliche Erfahrungen glauben. Das berührt jeden und lässt sich dementsprechend leicht mitteilen. Molekularbiologen haben es da schwerer.

«Es ist die Absicht des Nationalfonds die Grenze zwischen Gesellschaft und Wissenschaft aufzuweichen.»

Der Abend im Theater kreist um die Wahrnehmung von Geistern und Unerklärbarem: Manchmal sehen wir nicht, was der Fall ist, sondern was wir erwarten. Warum lassen wir uns von Erwartungen immer wieder täuschen?

Ich nenne es das «Spukhaus-Gehirn». Da kann es schon vorkommen, dass wir etwas sehen, nur weil wir die Erwartung dafür entwickeln. Zum Beispiel Geister. Diese Forschung ist nicht neu. Neu sind die Verbindungen von Psychologie und Neurologie.

Sie greifen an diesem Abend auf die Berichte von Ludwig Staudenmaier aus dem frühen 20. Jahrhundert zurück.

Er war schizophren und hat seine Erlebnisse aufgeschrieben: ein Grenzgänger zwischen Wahn und Wissenschaft. Zur gleichen Zeit hat man mit mechanischen Zungenapparaten versucht, Verbindungen mit dem Hirn zu erforschen. Jahre später hat man ähnliche Versuche gemacht, um die Verbindung der inneren Stimmen von Schizophrenen mit dem Sprachzentrum im Hirn zu beweisen: Man erwartete Aktivität in den rezeptiven Arealen, fand aber überraschenderweise ebenso viel Aktivität in den motorischen Spracharealen.

Heisst das, wir können reden, ohne zu denken?

Nein. Schizophrene denken eher, ohne zu reden – die «Stimmen», die sie hören, sind ihre laut gewordenen Gedanken. In der Peripherie erfolgt eine minimale Aktivierung der Muskeln des Sprechapparates, im Gehirn ist das motorische Sprachzenturm aktiviert, aber ohne dass ein Laut gebildet wird. 

Das klingt jetzt schon sehr wie eine Fachvorlesung. Wo ist das Entertainment?

Es kommt zum Beispiel aus den Erzählungen des Wissenschaftlers Staudenmaier. Sein Buch ist wissenschaftlich interessant und ungemein packend. Der Schauspieler Yannick Schmucki spricht Stellen aus dem Text, in dem Staudenmaier gewisse Phänomene auf übersinnliche Ursachen zurückführt, und ich widerlege ihn. Er hat sich ebenfalls damit beschäftigt, ob unser Sprechen immer mit motorischer Aktivität anfängt.

Das heisst, unser Hirn warnt uns bereits, bevor wir überhaupt denken, dass wir gleich etwas sagen werden?

Im Prinzip, ja. Das zeigt sich auch in anderen Bereichen: Versuchen Sie doch mal, sich selber zu kitzeln. Sie bewegen Ihren Finger, wie ein anderer es tun würde, der Sie kitzelt. Sie berühren sich dort, wo andere Sie kitzeln können. Und doch: Lachen Sie?

Nein…

Weil das Zentrum, das für die Bewegung des Fingers im Hirn zuständig ist, Sie vorwarnt. Lachen kann darüber nur der Schizophrene, das wurde experimentell gezeigt.

Glück gehabt.

Grillen, die zirpen, machen sehr laut auf sich aufmerksam. Sie hören aber sich selber moderat abgeschwächt, damit sie die anderen hören. Diese Rückmeldung, das sogenannte Reafferenzprinzip, gilt auch für unsere Sehvorgänge. Die Welt wäre ohne dieses Prinzip für uns nicht stabil sichtbar. Wir bewegen das Auge. Ohne entsprechende Ankündigung könnte das für das Gehirn genauso gut bedeuten: Die Welt bewegt sich.

Ohne Reafferenzprinzip hätte Kino auf uns fatale Wirkungen. Wir wären wohl andauernd auf der Flucht. Ist bekannt, wie das Hirn im Kino funktioniert?

Es ist fast so tätig wie im realen Leben, mit der Ausnahme, dass unsere Motorik, das Tasten, Riechen und Schmecken etwas zu kurz kommen. Ein bewegter Reiz wird in den visuellen Arealen des Gehirns woanders verarbeitet als ein stationärer, für Farben sind andere Bereiche zuständig als für Formen, und für Gesichter wiederum ganz spezialisierte.

Im Film «Transcendence» wird behauptet, man könne bereits jedem einzelnen Wort im Hirn eine Vernetzung zuordnen. Können wir unsere Träume bald auf Bildschirmen sehen?

Davon sind wir weit entfernt. Wir könnten anhand der Analyse der Hirnaktivitäten vielleicht sagen, wo wir uns in einem Film befinden, etwa weil der Zuschauer ein Gesicht sieht oder eine bestimmte Farbe. Umgekehrt könnten wir vielleicht zwei Zeichen eines Traums im Hirn erkennen. Oder an der Augenbewegung sehen, dass jemand von einem Tennisspiel träumt. 

«Wir sind weit davon entfernt, unsere Träume auf Bildschirmen zu sehen.»

Vor Kurzem machte eine Vergleichszahl die Runde: Der Neandertaler verarbeitet in seinem ganzen Leben etwa so viele Informationen, wie wir in einem einzigen Film auf der Grossleinwand. Wie viele Gigabyte braucht es, um alle Informationen von einem menschlichen Hirn herunterzuladen?

Da würde ich keine Zahl nennen wollen. Weil: Das Problem ist nicht nur die Masse, sondern auch die Kohärenz. Wird im Hirn gerade moduliert, gelernt, oder variiert? Das erinnert mich an das Blue-Brain-Project. Dort hat man sich das Ziel gesetzt, mit allen Daten, die von den Neurowissenschaften ins Netz gespeist wurden, ein Hirn zu simulieren. Bis jetzt kann auf zellulärer Ebene keine neokortikale Säule simuliert werden. Das ist um Welten weniger als ein Gehirn…

Wie verändert sich unser Bewusstsein mit der immer schneller werdenden Zugänglichkeit von Wissen im Netz? Muss ein Studentenhirn überhaupt noch Wissen speichern?

Die neue, auf Technologie basierende Wissensaneignung vernachlässigt die Entwicklung einer Idee aus eigenen Gedankenexperimenten. Auslagern ist da ein ganz geeignetes Wort. Manfred Spitzer brachte den polemischen Begriff der «digitalen Demenz» ins Gespräch. Und klar, Studenten nutzen ihr Handy während der Vorlesung. Schaubilder werden nicht mehr abgeschrieben, sie werden fotografiert. Die Verbindung des motorischen Aufschreibens mit dem Denken wird neu organisiert. Die Daumenareale im Hirn sind sicher am Wachsen. Inwiefern dies die Denk- und Hirnstruktur heutiger Studenten beeinflusst, lässt sich empirisch kaum erheben.

Verlernen wir die Verwaltung unseres Wissens?

Wir überlassen sie vielleicht mehr den anderen. Ich persönlich habe zum Beispiel kein Handy. Dies erscheint mir der einzige und zugleich genügend radikale Schutz vor zu viel Verfügbarkeit.

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Blackbox Science Vol. 4 – Anda. Samstag, 24. Mai, 20.30 Uhr, Unternehmen Mitte, Safe.

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