Vom Ökotreter zur Hipstersandale: die Erfolgsgeschichte des Birkenstock

Der Birkenstock hat das erreicht, wovon Adilette und Crocs nur träumen können: Klassikerstatus mit Hipster-Credibility. Eine kleine Erfolgsgeschichte der wohl beliebtesten Schlappe der Welt.

Hat es auf den Schuh-Olymp geschafft: Der Birkenstock.

(Bild: Nils Fisch)

Der Birkenstock hat das erreicht, wovon Adilette und Crocs nur träumen können: Klassikerstatus mit Hipster-Credibility. Eine kleine Erfolgsgeschichte der wohl beliebtesten Schlappe der Welt.

Er hatte es nicht immer einfach: Jahrelang fristete der Birkenstock ein Leben an den Füssen von modisch Uninspirierten und Komfort-Fetischisten, verschrien als Ökotreter und Lehrerlatschen. Heute tragen ihn New Yorker Modepüppchen genauso gern wie der TagesWoche-Sportredaktor. Was ist passiert?

Die Geschichte der bekannten Sandale begann 1896 in Frankfurt am Main, wo Schuhmacher Konrad Birkenstock die erste Birkenstocksohle ins Leben schusterte. Er nannte seine Erfindung das «blaue Fussbett» – eine Einlage mit Fersenmulde, Wölbung unter dem Ballen und seitlichen Stützen, die sich den Bewegungen des Trägers anpasst. Die bequeme Sohle erfreute sich derartiger Beliebtheit, dass die Birkenstocks erst ins hessische Friedberg und später in die Nähe von Bonn expandierten, wo Konrads Enkel Carl Birkenstock die flexible Einlage zum festen Bestandteil von Schuhen machte.

Fussbettsandale goes Woodstock

Der Birkenstock wie wir ihn kennen kam erstmals 1964 auf den Markt, als «Birkenstock Fussbettsandale». Ein paar Jahre lang fristete er ein Nischendasein, bis er um 1970 von Ärzten und Leuten in Pflegeberufen entdeckt wurde, die zwecks Hygiene nicht mehr in Strassenschuhen die Krankenhausflure entlanglaufen wollten. Zur selben Zeit wurden auch die amerikanischen Hippies auf die Ökotreter aufmerksam, die robust, bequem und «organic» waren – die perfekte Kombination für Menschen reinen ökologischen Gewissens, die ihre Tage an langen Demos und Festivalbesuchen im kalifornischen Sommer verlümmelten.

Rund zehn Jahre später wurde der Birkenstock auch in Europa populär, und zwar in derselben Reihenfolge: Ärzte, Hippies und und dann die bürgerlichen, umweltbewussten Haushalte. Die nächsten 20 Jahre sah man die Gesundheitstreter mit Korksohle fast ausschliesslich an Füssen von Lehrern aller Art, alternativen Ärzten, Anthroposophen und Kindergärtnerinnen. Da half auch die Kampagne in den 1990ern nicht, wo Kate Moss mit Birkenstock-Sandalen posierte: Ökolatsche blieb Ökolatsche.



Hipper geht nicht: Screenshot von der #Birkenstocks-Seite auf Instagram.

Hipper geht nicht: Screenshot von der #Birkenstocks-Seite auf Instagram.

Das zwar solide, aber beharrlich nischenhafte Mode-Dasein änderte sich 2012 schlagartig, als das einflussreiche Modelabel Céline und seine nähnadelführende Designerin Phoebe Philo eine Frühjahrs- und Sommerkollektion mit Sandalen präsentierten. Diese waren nicht wie üblich mit Absätzen und Riemchen oder opulentem Dekor versehen, ganz im Gegenteil: schlicht, flach und erkennbar inspiriert von den Birkenstocks. Die Modewelt war entzückt, es folgten andere Labels und mit ihnen die Pariser, New Yorker und Londoner Glitterati. 

20 Millionen verkaufte «Birks» jährlich

Von da an ging es mit den «Birks», wie die Birkenstocks international genannt werden, steil bergauf: Heute tragen sie Prominente, Vertreter der Modewelt, Hipster, Blogger und Grafiker. Und auch bei den langjährigen Fans büsst die Sandale nicht an Beliebtheit ein: Nach wie vor tragen auch Mode-Normalos den bequemen Schuh. Jährlich werden fast 20 Millionen Paare verkauft, was Birkenstock zu einer der beliebtesten Schuhmarken der Welt macht. Wieso? Ganz einfach, meinte Birkenstock-Geschäftsführer Oliver Reichert vor ein paar Monaten im «Magazin»: «Es beginnt das Jahrhundert der Qualität.» Die Menschen wollten keinen Schrott mehr und würden vermehrt auf solides Handwerk setzen. 

Qualität ist das eine. Birkenstocks passen aber auch hervorragend zum heutigen Hipster: Öko-Materialien, Design, Komfort und eine genau richtig dosierte Portion Hässlichkeit (Ironie weisch). Zusammen mit den Celebrities und Normalos macht das eine ganz ansehnliche Zielgruppe aus. Die auch nach drei Jahren noch ihren «Birks» treu bleibt. Nach einem halben Jahrhundert Öko und Krankenhaus hat der Birkenstock nun definitiv den Schuh-Olymp erreicht.

Konversation

  1. Ästhetisch finde ich sie eine Katastrophe, genau wie diese unsäglichen Kroks.

    Da gönn ich mir lieber einen Handgefertigten Freizeit- oder Herrenschuh aus der Schuhmanufaktor Ludwig Reiter in Wien.

    Danke Empfehlen (0 )
  2. @Georg
    Ästhetik ist eine Geschmackssache.
    Ich habe lieber einen Schuh der bequem ist, als einen Schuh der in anderer Leute Augen schön ist aber unbequem.
    Wenn ich z.B. gewissen Leuten zusehe wie sie versuchen auf Stöckelschuhen zu balancieren bin ich immer froh, einen vielleicht nicht so schönen, dafür aber beqhuemen Schuh zu tragen.

    Danke Empfehlen (0 )
  3. @Katze – ist doch ganz einfach!
    Naomi Gregoris hat den Artikel über die Birkenstock-Sandalen geschrieben.
    Und ich hab sie in einem Leserbeitrag auf die Werkstatt aufmerksam gemacht.
    Und nein – ich arbeite nicht für die TAWO – auch nicht dagegen – einfach eine aufmerksame Leserin, die ihren Senf dazu gibt.
    Zufrieden?

    Danke Empfehlen (0 )
  4. Da kann ich die Frau Eldorado unterstützen. Ich kenne das Rehovot, einen guten Laden, gute Produkte und das Herz am richtigen Ort!

    Danke Empfehlen (0 )
  5. Im Kleinbasel hat es eine Lederwerkstatt, eine Arbeitsort für Flüchtlinge, dort werden Sandalen hergestellt, die den Birkenstocks sehr ahnlich sind – ebenfalls Fussbett und Korksohle. Ausserdem sind sie sehr günstig zu haben in allen Farben. Daneben werden noch allerhand andere Artikel aus Leder hergestellt. Es werden auch eigene Wünsche soweit als möglich berücksichtigt.

    @Naomi Gregoris, gehen Sie doch mal vorbei. Es lohnt sich wirklich.
    http://www.rehovot.ch/lederwerkstatt/

    Danke Empfehlen (0 )
Alle Kommentare anzeigen (7)

Nächster Artikel