Was bringt ein Kurzfilm, Giacun Caduff?

Warum macht man einen Kurzfilm? Was macht man damit? Das haben wir Giacun Caduff gefragt, der mit Starschauspielerin Jane Birkin «La femme et le TGV» produziert hat. In Locarno kam der Kurzfilm gut an, in Basel ist er am 17. August auf dem Münsterplatz zu sehen.

Giacun Caduff darf bei der Vergabe der nächsten Oscars mitreden. (Bild: Marc Krebs)

Warum macht man einen Kurzfilm? Was macht man damit? Das haben wir Giacun Caduff gefragt, der mit Starschauspielerin Jane Birkin «La femme et le TGV» produziert hat. In Locarno kam der Kurzfilm gut an, in Basel ist er am 17. August auf dem Münsterplatz zu sehen.

Man könnte diese kleine Geschichte mit einer erstaunlichen Kreditkartenlimite beginnen, nämlich 35’000 Dollar. Doch dazu später mehr. Auf jeden Fall dreht sie sich ums Geld. Denn in keiner anderen Kulturbranche ist die Finanzierung der eigenen Kunst ein so grosses Thema wie im Film, wo fünfstellige Beträge Peanuts sind.

Sechs- bis siebenstellig sind die Jahreslöhne der Leute, die am Freitagabend im Eden Roc dinieren. Keine Filmemacher. Sondern Filmfreunde. Beginnen wir die Geschichte doch hier, in einem 5-Sterne-Hotel in Ascona, wo der Leopard Club ein Bankett feiert. 

Dieser Leopard Club unterstützt das Filmfestival mit Spenden. Ein Gönnerverein unter der Präsidentschaft von Rolando Benedick, Basler Unternehmer, Manor-Urgestein. An den teuren Banketttischen haben bekannte Gesichter Platz genommen: Carlo Conti, Heiner Vischer, Andreas Burckhardt. Man gönnt sich was, am Lago Maggiore. Ein Saal voller Kapital.

Am Kindertisch 

Etwas abseits, «am Kindertisch», wie Architekt Pierre de Meuron beim Vorbeigehen scherzt, sitzt eine junge Filmcrew, die eingeladen worden ist. Darunter Giacun Caduff aus Gempen. Der 37-Jährige hat sich extra für diesen Anlass ein schwarzes Jackett übergestreift, schliesslich gibt es was zu feiern: die erfolgreiche «Weltpremiere» des Films «La femme et le TGV». Sein Zürcher Kollege Timo von Gunten hat ihn gedreht, Caduff hat ihn produziert. 30 Minuten, eine leichte Geschichte, die nach der Vorführung in Locarno von 1000 Besuchern beklatscht wird.

Und das gerade auch, weil es eine Schweizer Geschichte ist, die hier erzählt wird: Eine ältere Frau lebt allein an einer Zugstrecke, täglich winkt sie dem vorbeirauschenden TGV zu, in Gedanken entflieht sie ihrer Einsamkeit. Der Zufall führt zu einer Brieffreundschaft mit dem Lokführer, die Frau schöpft neue Lebenskraft – bis, ja, bis die TGV-Route geändert wird und sie ihre Weichen neu stellen muss. So weit, so herzig.

Was macht man nun mit einem Kurzfilm, was bringt das eigentlich?

«In der Regel sind sie Visitenkarten für Jungfilmer», sagt Giacun Caduff. Doch war das in ihrem Fall nicht mehr der Ansporn, hätten sie doch mittlerweile genügend Leistungsausweise. «Es war vor allem die Geschichte, die Timo nicht mehr losliess, diese winkende Frau an der Eisenbahnstrecke, die in einer anderer Zeit steckengeblieben zu sein schien. Er schrieb ein Skript und dann sagten wir uns: Okay, wenn wir den Kurzfilm machen, dann mit einer Vollfinanzierung. Mit Profis in allen Bereichen und einem echten Star in der Hauptrolle.»

So kam Jane Birkin ins Spiel. Über ihren Pariser Agenten konnten die Schweizer das Drehbuch deponieren. Birkin war angetan und lud von Gunten und Caduff zu sich nach Hause ein. Sie wollte klarstellen, wie sie heute aussehe: «Nicht mehr wie früher, daher war es mir wichtig, dass die Filmemacher nicht von falschen Vorstellungen ausgingen», sagte sie bei der Premiere in Locarno. Und, ja, dass Jane Birkin mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat, war ihr anzusehen.




Giacun Caduff filmt, Jane Birkin stützt sich an der Premiere in Locarno. (Bild: Marc Krebs)

Die Filmemacher wollten Birkin, sie wollte die Rolle – und ihr Agent wollte mehr Geld. Dieses galt es aufzutreiben. «Dieser Kurzfilm kostete gleich viel wie mein ganzer letzter Spielfilm ‹20 Regeln für Sylvie›», sagt Caduff, ohne einen genauen Betrag zu nennen. Man kann von einer stattlichen Summe ausgehen, im sechsstelligen Bereich.

Erstmals sprachen RTS und SRF gemeinsam Geld für einen Kurzfilm

Der Hartnäckigkeit der Macher ist es zu verdanken, dass das Projekt ohne grosse Kompromisse umgesetzt werden konnte. Gerade Caduff ist ein umtriebiger Tausendsassa ohne Berührungsängste: Sowohl beim Westschweizer Fernsehen als auch beim SRF ergatterte der Produzent Unterstützungsgelder. «Noch nie zuvor hatten beide Sender einen Kurzfilm gemeinsam unterstützt», sagt er selber.

Auch aus diversen Kantonen, von Zürich über Basel bis Solothurn flossen Beiträge. Filmfans wie Rolando Benedick halfen ebenfalls aus wie einige Stiftungen. «Am Schluss mussten wir noch für rund 70’000 Franken bürgen, um alle Kosten decken zu können», offenbart Caduff. 

«Zum Glück habe ich dank meiner eigenen Produktionsfirma in den USA eine amerikanische Kreditkarte. Und auf dieser eine 35’000- Dollar-Limite – so grosszügig sind die US-Institute. Damit konnte ich die Filmfinanzierung garantieren.»

Wer übrigens denkt, dass auch die französische Bahn den Film unterstützt habe – immerhin steht TGV im Titel, der liegt falsch. «Im Gegenteil, als sie erfuhren, dass die Frau in einer Szene auf den Geleisen steht, war klar, dass von ihnen keine Unterstützung kommen würde. Das sagten sie uns klar und deutlich.»

Dafür stiessen sie bei den SBB auf offene Ohren. Dank alt Bundesrat Moritz Leuenberger, einem regelmässigen Festivalbesucher, den Caduff und von Gunten an den Solothurner Filmtagen ansprachen. Der ehemalige Verkehrsminister war begeistert von der Idee, empfahl sie SBB-Chef Andreas Meyer – und dieser gab seiner Marketingabteilung grünes Licht, das Projekt zu unterstützen. So geht Lobbying.

Ruhm und Ehre in Locarno

Aber jetzt, doch noch mal die Frage: Was bringt ein Kurzfilm? «Ruhm und Ehre, zwei, drei TV-Ausstrahlungen – und vielleicht auch eine Platzierung bei Airlines oder auf anderen Plattformen», sagt Caduff.

Die Einladung nach Locarno bringt zudem eine kleine Vergütung von Reisespesen, «ich glaube 150 Franken insgesamt.»

Das Appartement, in dem sich die Crew eine Woche eingemietet hat, zahlt diese aus der eigenen Tasche. Und auch für die Vorführung am Festival erhält sie keine Entschädigung.

Dafür bleibt die Hoffnung, den Kurzfilmwettbewerb zu gewinnen – oder zumindest von einem Verleih entdeckt zu werden oder einem anderen Festival. «Etwa ein Jahr lang dürfte der Film jetzt seine Runde machen», schätzt Caduff. Eine Einladung aus Sapporo, Japan, liegt bereits vor, ebenfalls eine aus Spanien, Bern und Indianapolis (USA). Im besten Fall kommen noch ein Dutzend weitere dazu.

Und, natürlich, ein Preis wäre schön. Nicht nur, weil er ein bisschen Geld bringen würde – im Moment tilgen die Macher die letzten Schulden, indem sie etwa Jane Birkins Filmkleider verhökern –, nein, weil ein Preis auch neue Aufmerksamkeit bringt, und neue Türen öffnet. Auch zu Geldgebern. Denn diese brauchen sie bereits beim nächsten Projekt, ganz egal, wie lang der Film sein wird.  

_
Der Film läuft im Allianz Cinema auf dem Basler Münsterplatz: 17. August, 20.50 Uhr.  


Konversation

Nächster Artikel