Zehntausende Menschen haben am Freitag in Tunis den ermordeten Oppositionspolitiker Chokri Belaïd zu Grabe getragen. Trotz Regens kamen mindestens 50’000 Menschen. Sie trugen Bilder Belaïds und machten in Sprechchören die regierenden Islamisten für dessen Tod verantwortlich.
Die Trauernden umringten den auf einem Armee-Lastwagen liegenden Sarg Belaïds, als dieser aus einem Kulturzentrum im Heimatbezirk des Politikers gebracht wurde. Sie riefen „Das Volk will eine neue Revolution!“ und „Belaïd, ruhe in Frieden, wir setzen den Kampf fort!“ Einige machten den Chef der regierenden Ennahda-Partei, Rachid Ghannouchi für den Mord verantwortlich. „Ghannouchi Mörder, Verbrecher“, riefen sie.
Als die Leiche von Belaïd ins Grab hinuntergelassen wurde, riefen tausende Trauernde „Allahu Akbar“ („Gott ist gross“), wie ein Journalist der Nachrichtenagentur AFP berichtete. Anschliessend sang die Menge die Nationalhymne, zitierte den ersten Vers des Korans und legte eine Schweigeminute zu Ehren Belaïds ein.
Die Grabrede hielt Hamma Hammami, Anführer des linken Parteienbündnisses Volksfront, dem auch Belaïd angehörte. „Ruhe in Frieden, wir gehen Deinen Weg weiter“, sagte er.
Am Rande des Begräbnisses gab es zu einzelnen Zwischenfällen. So gingen Polizisten in der Nähe des Friedhofes mit Tränengas und Warnschüssen gegen Jugendliche vor, die Autos zertrümmerten. Auch vor dem Innenministerium schossen Polizisten Tränengas in die Menge.
Auch in der Stadt Sidi Bouzid, wo die Revolution vor zwei Jahren ihren Anfang genommen hatte, versammelten sich etwa 10’000 Menschen, um des Ermordeten zu gedenken.
Generalstreik
Vielerorts ruhte wegen eines Generalstreiks der Verkehr, Geschäfte, Supermärkte und Cafés blieben geschlossen. Laut den Flughafenbehörden wurden sämtliche Flüge von und nach Tunesien gestrichen, auch Inlandsflüge fielen aus.
Der Gewerkschaftsbund UGTT, der gemeinsam mit vier Oppositionsparteien zum Ausstand aufgerufen hatte, forderte seine 500’000 Mitglieder zur Ruhe auf. „Dies ist ein friedlicher Streik gegen Gewalt“, erklärte UGTT.
Belaïd war am Mittwoch vor seinem Haus erschossen worden. Der Täter konnte auf einem Motorrad entkommen. Der Anwalt Belaïd galt in Tunesien als einer der schärfsten Ennahda-Kritiker und Verteidiger eines säkularen Staates. Er warf der Islamistenpartei vor, eine Marionette der Führung in Katar zu sein.
Das Regierungslager weist jedoch jegliche Verantwortung für den Mord zurück. Zugleich streitet es aber heftig über mögliche politische Konsequenzen.
Ennahda-Ministerpräsident Hamadi Jebali bekräftigte am Freitag seinen Plan, die Regierung durch ein Kabinett aus Experten abzulösen. Dies stösst in seiner eigenen Partei Ennahda wie bei der Opposition auf Widerstand.
Jebali sagte, er brauche für sein Vorhaben nicht die Zustimmung der verfassunggebenden Versammlung, da er seine Regierung nicht auflöse. Vielmehr tausche er nur alle Mitglieder aus.