Zwischenhalt 4: Locarno kommt heute nach Basel

Zweimal Piazza Grande ins Basel: «Lucy» von Luc Besson kommt heute, und «The Hundred-Foot Journey» von Lasse Hallström demnächst auch in die Pathé-Kinos. Die Piazza-Pizza: Mainstream-Food Auf der Piazza Grande verzeiht man Locarno fast alles. Pizza mit Sushi und Spagetti mit Curry. Gleich in achtzig Ländern ging «Lucy» von Luc Besson von der Piazza in […]

Scarlett Johannson als Lucy

Zweimal Piazza Grande ins Basel: «Lucy» von Luc Besson kommt heute, und «The Hundred-Foot Journey» von Lasse Hallström demnächst auch in die Pathé-Kinos.

Die Piazza-Pizza: Mainstream-Food

Auf der Piazza Grande verzeiht man Locarno fast alles. Pizza mit Sushi und Spagetti mit Curry. Gleich in achtzig Ländern ging «Lucy» von Luc Besson von der Piazza in Locarno in die Welt hinaus. 81.9 Mio hat der Film in der ersten Woche in den USA bereits eingespielt. Morgen läuft er auch in Basel an. In einer Woche gibt es dann auch den neuen Film von Lasse Hallström in Basel. 

Hallström schielt mit «The Hundred-Foot Journey» nicht weniger auf die Kasse als Besson. Er serviert ein verzuckertes Häppchen für Fans von hübschen Koch-Duellen. Ein kulinarischer Film, der sehr, sehr gut gemeint ist. Aber Sie erinnern sich hoffentlich daran, wie das schmeckte, wenn man etwas  gut Gemeintes isst?

Besson als Entertainer

So souverän sah man Luc Besson lange nicht mehr. Er nutzt die Klaviatur des Cinéma zwischen Junk und High Filosophy gewieft: «Lucy» ist Brutalo-Thriller und ein hübsches Gedankenspiel  –  mit einer hübschen Schauspielerin, die den Erkenntnissen der Hirnforschung Blondinen-Schub verleiht. Bessons Genre-Spiel mit dem japanischen Yakuza-Film und einer gerissenen Zivilisations-Montage geizt nicht unverfrorenen Selbst-Zitaten.

One-Night-Stand der Dinge

Lucy gerät durch einen One-Night-Stand in die Klemme: Plötzlich ist sie als Drogenkurier für eine koreanische Drogenbande unterwegs. Doch das blaue Pulver, das ihr in den Bauch operiert wird, gerät anstatt in den Handelskreislauf bei ihr in den Blutkreislauf.

Lucy kann jetzt plötzlich nicht nur 10% Ihrer Hirnkapazität nutzen, sondern so viel wie die  Delphine: 20 % – mit steigender Tendenz. Als sie die Blondine bei 40 % der Hirnnutzung angekommen ist, können auch die Dunkelhaarigsten kaum mehr folgen: Sie kann sich neuronal in den Handyverkehr der Koreaner einloggen.

Mit 50 % kann sie für andere denken und handeln. Mit 60% legt Lucy elegant eine ganze Drogenbande lahm. Immer mehr verblüfft Lucy und immer weiter öffnet Luc die grosse Filmtrickkiste. Mal zitiert er «Koyaniiskatsi», mal sich selbst, mal Kitano, und schliesslich kommt es zum Show-down.

Blondine mit 100% Hirnausnutzung

Am Schluss rast Lucy in the Sky. 100% Hirnkapazität sind dann doch für eine Blondine zuviel. Soviel Luzidität katapultiert unsere Heldin an den Zeithorizont eines Wurmlochs. Dort wird sie in einem schwarzen Loch pulverisiert, die Zellen entscheiden sich zu sterben, und am Ende bleibt von ihr auf die Frage, wo sie denn jetzt anzutreffen sei, nur noch eine kryptische Antwort-SMS: «Ich bin überall». Wow.

Viel Hirnforschung mit  Hirn

Da hilft es auch nicht, dass  Morgan Freeman uns die Zeit durch die Relativitäts-Theorie erklärt. Auch die hübsche Drogen-Mystik mit ordentlich viel blauem Pulver und blauen Bohnen hilft uns nicht weiter auf die Sprünge. Die Tatsache, dass der Film in den USA ein Kassenschlager ist, weist immerhin darauf hin, dass 10% Hirnkapazität reichen, um den Film zu geniessen.


Hallström als  Wiederholungstäter

Nach «Chocolat» bietet Lasse Hallström erneut Kulinarisches: Diesmal serviert er auf der Piazza in Locarno ein romantisches Curry-Gericht. Damit gibt der Schwede der Piazza, was den Geschmack von 7000 Zuschauern aufs Mal treffen soll: Man mag dort auf der Speisekarte den kulinarischen Mainstream. Dass Hallström neuerdings auch Kochduelle mag, schadet dem Kitsch-Faktor nicht.

Helen Mirren als Madame Mallory

Helen Mirren als Madame Mallory

«The Hundred-Foot Journey» ist ein adrett servierter USA-Feel-Good-Food. Mit einem kleinen verkochten Makel: Mittendrin legt uns Hallström eine viel zu weiche Spargel über das Soufflé (Helen Mirren hatte sie  schon in ihrer ersten Szene bemängelt): Er will nämlich in all der filmischen Haute Cuisine die Franzosen auch ein wenig politisch nähren. Er lässt den Koch, der für die nationalistische Schmiererei auf der Gartenmauer der Inder (Frankreich  den Franzosen!) verantwortlich ist, den Text der Marseillaise aufsagen. Er lässt auch brav Helen Mirron die Schmiererei an der Gartenmauer wegwischen.

Vielleicht hat Hallström da den Rosé doch etwas lau serviert. Die Rechte Frankreichs kämpft nicht für mehr französische Luxus-Resturants in den Banlieues Frankreichs. Dafür würde selbst die Linke von Hollande sich nicht schämen. Die Chefin Marine Le Pen hat nach der Wahl angekündigt, dass alle gewählten Bürgermeister der Rechten ab sofort dafür sorgen, dass in den Schulkantinen das «Schweinefleisch wieder obligatorisch sein wird». Schweine freuen sich auf Hochkultur. Von Michelin-Sternen ist dabei nicht die Rede …

«Luyc» ab Donnerstag in den Pathé-Kinos , «The Hundred-Foot Journey» ab nächster Woche.

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