Zypressen, Oliven und Lärm, 4. August 2002

Langsam steige ich aus dem gebirgigen Apennin herunter und nähere mich der toskanischen Ebene. Die Vegetation ändert sich, der Verkehr wird dichter – chon darum, weil die Sonntagsausflügler unterwegs sind.

Langsam verlasse ich das Gebirge des Apennin. (Bild: Urs Buess)

Langsam steige ich aus dem gebirgigen Apennin herunter und nähere mich der toskanischen Ebene. Die Vegetation ändert sich, der Verkehr wird dichter – chon darum, weil die Sonntagsausflügler unterwegs sind.

Ein hübsches Mittelalter-Fest in Gavinana war das gestern Abend. Und heute geht es weiter: ein kleiner Umzug zu Trommelklängen, festlich gekleidete Tambouren und Edelfrauen, eine freundliche Sonne, Harfenmusik – ein kleines Idyll zum Start. Ich schulterte den Rucksack, zog von den Festivitäten weg, Richtung Pontepietri, an schnaufenden Velofahrern vorbei, die in ihren grell-farbenen Trikots an mir vorbei radelten. Der Irre von Montefiorino kam mir immer wieder in den Sinn, der mich aufforderte, doch mit einer «biccicletta» zu fahren.

Nichts dergleichen: Ein schönes Stück des Weges nach Pontepietri ging auf einem Spazierweg, auf dem Gäste promenierten. Von San Marcello bis Pontepietri haben die Städter aus der Region ihre Wochenendhäuschen gefunden, Männer und Kinder lassen sich von den Nonnas bedienen, die Frauen bräunen auf Liegestühlen ihre Schenkel. Manchmal tönen Cantautori oder Jazz hinter halb geschlossenen Fensterläden hervor.

Wie blinde Augen

In Pontepietri weist mir ein alter Mann den Weg hinunter in die Ebene von Pistoia. Ein schöner und einsamer Weg durch die dichtbewaldeten, langsam gegen Süden abfallenden  Hügelzüge. Kein Mensch am Anfang, später ein paar Pilzsammler. Ich komme rassig voran – und plötzlich lichtet sich der Wald: Zypressen, Olivenbäume und unter den Bergdörfern, die nur ihre braunen Dächer und gelbliche, spitze Kirchtürme aus den dichten Wäldern strecken, toskanische Landgüter. Gelblich-braun sitzen sie auf kleinen Hügeln, anmutigen Anhöhen, immer einen burgähnlichen Turm mit roten Rundziegeln bedeckt umschützend. Die geschlossenen Fenster sehen wie Schiessscharten aus, wie blinde Augen.

Potenzprobleme

Nach Pistoia hinein wird es sehr mühsam, an diesen lärmigen Sonntagsausflüglern vorbei, an vollgepferchten Autos, die nicht begreifen, dass da einer im Rucksack der Strasse lang marschieren kann und die deshalb oft provokativ nah an mir vorbeifahren. Sonntagsausflügler in Fiats, Alfas und dergleichen – noch ärgerlicher sind die Töfffahrer. Sie scheinen die meisten Potenzschwierigkeiten zu haben und therapieren sie mit hochtourigen Motoren, die aufjaulen, wenn die männliche Hand am Gas dreht.

Pistoia ist eine beschauliche Provinzstadt mit ein paar Attributen mittelalterlicher und früh-neuzeitlicher Baukunst, die sie in jedem mitteleuropäischen Land zur Besonderheit machen würde. Hier in der Nachbarschaft von Florenz fällt die Pracht kaum auf: leere Piazze vor imposanten Bauten, malerische Gassen, in denen kein Mensch promeniert und Ratten tot herumliegen.

Leider habe ich das erstbeste Hotel genommen – in der Nähe des Bahnhofs. Das Zimmer ist eine Tortur, heisse, stickige Luft, verfallende Fourniermöbel, unten auf der Strasse grell anfahrende Autos und Motorräder. Ich schlafe nicht, ich leide. Man müsste Berlusconi eine Woche lang in ein solches Zimmer sperren, er würde ohne Rücksicht auf die Psyche der jugendlichen Motorino-Fahrer per sofort Lärmgrenzwerte einführen.

(Pistoia, 5. August 2002)

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