FS
  • Das Publikum weiss mehr als wir

    Sehr geehrte Redaktion, ich finde Ihre Aktion Klasse! Denn Sie tun das, wonach ich mich seit Jahren sehne: Sie versuchen ernsthaft und glaubhaft mit Ihren Lesern ins Gespräch zu kommen. Vielen Dank dafür. Der Schlüssel für die Lösung der Krise, in der sich der Journalismus heute zweifelsohne befindet, könnte die Kommunikation mit den Lesern, Zuschauern und Zuhörern sein. Das klingt sehr hoch gestochen, aber ich glaube genau darum geht es. Miteinander ins Gespräch zu kommen. Also kein Journalismus für die Leser, sondern ein Journalismus mit den Lesern. Weil das Zeitalter der medialen Einbahnstraßenkommunikation durch das Internet beendet wurde. Die Aufgaben des Journalismus bestehen nicht mehr "nur" darin zu sammeln, einzuordnen und zu informieren, er muss, um mit der Entwicklung mithalten zu können, nun auch noch kommunizieren. Das ist meiner Meinung nach die große Herausforderung für den Journalismus. Ach du liebes bisschen, wie soll das denn gehen und vor allem, wer soll es bezahlen? Journalisten müssen unter ökonomischen Druck ihre Arbeit besonders gut machen, die können sich nicht auch noch obendrein um die Leser kümmern und mit ihnen diskutieren. Journalisten sind raus. Wer also dann? Das Problem ist das, was echte, menschliche Kommunikation bedarf. Menschen. Also Mitarbeiter, also Kostenfaktoren. Wenn hier ein Umdenken in den Verlagsleitungen geschähe, wenn zwei, drei oder dem Bedarf angemessen viele Moderatoren eingestellt würden, die wirklich und wahrhaftig moderieren, wäre schon viel für die Glaubwürdigkeit des Journalismus getan. Nebenbei gesagt heißt moderieren, sich in (gerade auch aus dem Ruder laufende) Gespräche einzumischen, Gespräche anzustoßen und anzutreiben, den sachlichen Faden zu halten und den guten Ton zu wahren. Moderatoren können Leserkritik aufnehmen, Themen kanalisieren, Sachzwänge erklären, Stimmungen einfangen, Hinweise prüfen und vieles mehr. Moderatoren hätten den ganzen Tag zu tun. Ja das kostet Geld, vor allem auch wenn man gute Moderatoren will, die dafür bezahlt werden wollen (und sollen), weil gute Kommunikation eben auch harte Arbeit ist. Aber dieses Geld ist nicht da, weil im Kampf um die höchste Rendite und die billigsten und schnellsten Nachrichten beinahe alle Verlage und Sender an Qualität verloren haben. Nur für nichts anderes als für Qualität bin ich bereit zu zahlen. Welches Bild ergäbe sich, sähe man die Ausgaben für so einen "gesprächigen Journalismus" nicht als Kosten sondern als Investition? Ich weiß nicht, wie das die Strategen sehen, aber ich für meinen Teil würde die Zeitung, die so ein Experiment wagt, sofort abonnieren. Es wäre die zweite Zeitung, an die ich mich in meinem Leben binden würde. Das erste Abo habe ich seit nunmehr 8 Jahren. Ich bin also durchaus treu - wenn die Qualität stimmt. Menschen wollen miteinander reden, diskutieren und streiten, mit- und voneinander lernen. Menschen wollen wahr- und ernst genommen werden. Das ist etwas, was sie in ihrer Vielfalt eint. Was ihnen fehlt, besser, was ihnen verloren gegangen ist, ist eine Kommunikationskultur, die niemand wieder aufzubauen bereit ist, weil das Geld kostet und Arbeit macht. Wovor hat man Angst? Vor der Veränderung? Vor dem Unbekannten und den Unwägbarkeiten der menschlichen Kommunikation? Ja Mensch, das ist wie beim ersten Mal Flirten. Man muss sich einfach nur trauen und den ersten Schritt machen. Danach wird es leichter und wer weiß, vielleicht wird sogar eine große Liebe daraus. ;o)

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