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  • Ein Mord als Vorwand, um die Klischee-Keule zu schwingen

    Erst mal Danke schön, dass Ihr das Thema weiter bearbeitet, denn die Frage, warum in der reichen Schweiz überhaupt Menschen als Obdachlos gelten, ist nicht nur sozialpolitisch wesentlich. Ich selbst bin kein Obdachlosen-Fachmann, wie Ihr schreibt. Aber ich beschäftige mich mit bekämpfter und verdeckter Armut. Und in dem Zusammenhang arbeite ich mit Kollegen in einem europäischen Projekt zur Zählung von Obdachlosigkeit mit. Wer Interesse hat, schaue einmal unter "COST-ACTION Measuring Homelessness in Europe" nach. Nicht das Zählen als Technik ist der Grund für uns Forschende, sondern die politische Aussage dahinter, die man so genau erfasst bei Nadine Marquardt in ihrem Artikel "Counting the Countless" nachlesen kann und die da heisst: In den heutigen Sozialstaaten, die sich zunehmend aus Bereichen der Gesellschaft herausargumentieren, fällt besonders auf, dass dies auf Kosten der sehr bedürftigen Menschen geht. Obdachlosigkeit wird in der Wissenschaft als besonders gravierende Form der Armut angesehen. Und ein Sozialstaat, der keine Vorstellung darüber hat, wieviel Menschen genau darunter zu fassen sind, der macht es sich recht einfach, jedes fachliche Argument abzuschmettern mit dem Hinweis: Wir wissen ja nicht, um wieviele Menschen es sich handelt und deshalb müssen wir es auch nicht besonders beachten. Wenn ich also meine Kollegen in anderen europäischen Städten aufsuche, dann schauen wir uns die jeweiligen Situationen vor Ort an und diskutieren mit den NGOs und Wissenschaftlerinnen vor Ort, wie es möglich sein kann, durch eine Mengenangabe die Politik auf ihre Verantwortung aufmerksam zu machen. Der Wissenschaft tut dies auch gut, denn gerade in der Schweiz ist Obdachlosigkeit als strukturelles Phänomen (und nicht als - selbstverschuldetes - Schicksal einer Person) leider kaum präsent. Also, liebe Tageswoche: weiter so! Und ich halte auch gerne als Anlass für Euch her, wenn es dem Thema insgesamt dient. Beste Grüsse, Matthias Drilling

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