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  • #MenAreTrash: Männer wollen einfach nicht über Gewalt gegen Frauen reden

    Ich sehe den Artikel hier äußerst kritisch. Insbesondere die Analyse der verschiedenen Fälle stößt bei mir auf völliges Unverständnis. Fangen wir doch bei Ihrer Analyse zu Farid Bang's geistigen Ergüssen an. Ihre Analyse ist, dass basierend auf den Äußerungen der beiden Rapper eine Diskussion über Gewalt an Frauen hätte stattfinden sollen. Ich widerspreche Ihnen hier in aller Ernsthaftigkeit. Farid Bang und Kollegah lassen sich über die Opfer des Holocaust aus, fantasieren über Mord und Totschlag von allen möglichen Menschen - und passend zu den sonstigen Inhalten zelebrieren sie auch Vergewaltigungen. Sie aber blenden die Witze über die Opfer des Holocausts aus, blenden aus, dass in den Texten reihenweise Männer erschossen werden und fokussieren sich auf die Gewalt an Frauen, die ebenfalls thematisiert wird. Ist das konsequent? Nein! Heißt das, dass die Gewalt an Frauen im allgemeinen Diskurs nicht diskutiert werden sollte? Ebenfalls nicht! Im Diskurs um Farid Bang und Kollegah sollte jedoch nicht die Gewalt an Frauen im Fokus stehen, sondern die Gewaltverherrlichung in der "Kunst". Entsprechend war es absolut korrekt, in diesem Diskurs nicht auf die Gewalt an Frauen, sondern auf die Gewalt in der Kunst zu verweisen. Denn das war das Problem. Frauen waren in diesem Fall nur ein Teil der Opfer, Sie aber stellen sie als einzige dar, was ich generell für eine fragwürdige Schlussfolgerung halte. Gehen wir weiter mit zur #MeToo Debatte. Hier haben wir es mit einem tatsächlichen Problem der Gewalt an Frauen zu tun, das in dieser Form auch thematisiert werden sollte. Die #MeToo Debatte ist im gleichen Maße aber auch völlig aus dem Ruder gelaufen. Statt auf einer rationalen Ebene über die Geschehnisse zu diskutieren, wurden Schlüsse gezogen, die in dieser Form nicht nachvollziehbar sind. Ja, es gibt ein Problem mit sexueller Gewalt an Frauen. Das hat auch kaum jemand je abgestritten, der sich zur #MeToo Debatte geäußert hat. Es gab aber auch Probleme mit der Art und Weise, wie die Debatte geführt wurde, die unbedingt angeprangert werden mussten. Statt auf einer rationalen Ebene zu diskutieren, wurde blind auf alles geschossen, was in irgendeiner Form mit einer Beschuldigung verknüpft wurde. Schauspieler wurden gefeuert, ihre Rollen wurden gestrichen, Männer wurden angeprangert, wurden entlassen und standen unter Dauerbeschuss. All das ohne eine gerichtliche Verurteilung. In der modernen Welt gilt mit gutem Grund die Unschuldsvermutung und diese wurde während der #MeToo Debatte mit Füßen getreten. Rund 10% der Sexualdelikte, die vor Gericht behandelt werden, werden verworfen, weil es sich um einen erwiesenermaßen vorgetäuschten und damit erfundenen Sexualdelikt gehandelt hat. Das ist nur jeder 10. Fall, es zeigt aber das Problem auf, wenn die beschuldigten Männer ohne Verurteilung Konsequenzen zu befürchten haben oder angeprangert werden. Relativiert das die Gewalt an Frauen oder rechtfertigt es sie sogar? Nein! Es bedeutet aber, dass es absolut legitim ist, eine Debatte darüber zu führen, ab welchem Punkt ein beschuldigter Mann mit Konsequenzen zu rechnen hat. Man kann keine Debatte über die Grundrechte der Frau (körperliche Unversehrtheit) führen und zugleich die Grundrechte der betroffenen Männer (die Unschuldsvermutung) mit Füßen treten. Doch genau das wurde während der #MeToo Debatte in einem Ausmaß getan, wie ich es noch selten gesehen habe. Es ist falsch, an dieser Stelle diesen Diskurs anzuprangern, denn er war an dieser Stelle genauso notwendig wie der Diskurs über die Gewalt an den Frauen. Auch an dieser Stelle möchte ich nochmal betonen: ich relativiere damit die Gewalt an den Frauen nicht. Es ist eine Schande, dass die Gewalt an Frauen die Ausmaße annimmt, die sie teilweise annimmt. Nur ist die körperliche Unversehrtheit genauso sehr ein Grundrecht wie die das Recht, dass jeder Angeklagte bis zum rechtsförmlich erbrachten Beweis seiner Schuld als unschuldig gilt. Und Grundrechte sollen gewahrt werden und wenn dagegen verstoßen wird, soll darüber eine Debatte geführt werden dürfen. Und nun kommen wir schließlich zur Gewaltspirale in den vergangenen Tagen und Wochen. Auch hier wäre ein rationaler Diskurs wieder nötig gewesen und wieder wurde dieser Diskurs nicht geführt. Warum? Statt auf die Probleme der Gewalt der Männer an Frauen zu verweisen und darüber zu debattieren, wurde mit dem #MenAreTrash zum Gegenangriff ausgeholt. Ist das sinnvoll? Natürlich nicht! Gewalt mit (verbaler) Gegengewalt zu lösen ist kein Weg. Mit solchen Verallgemeinerungen und solchen Gegenschlägen würde man jede Debatte auf eine andere Bahn lenken. Entsprechend ist es nicht nur falsch, das männliche Geschlecht in dieser Form verallgemeinert als "Trash" zu bezeichnen, es ist vor allem der Debatte abträglich. Die Debatte über die Gewalt an Frauen muss rational und geordnet geführt werden. Sie muss zielführend geführt werden, indem klar und geordnet darüber diskutiert wird, wie es dazu kommt und wie man es verhindern kann. Ich bin offen für jede Debatte über Gewalt. Ich bin auch offen für eine Debatte über Gewalt an Frauen und halte es für notwendig, dass darüber diskutiert wird. Indem man die geistigen Ergüsse eines Rappers auf die Gewalt gegen Frauen reduziert, indem man die Grundrechte der beschuldigten Männer untergräbt und indem man ein ganzes Geschlecht diffamiert wird man aber nie eine geordnete Debatte führen können. Mit diesem Debattierverhalten untergraben die Leute ihre eigene Debatte und lösen so zwangsläufig eine Verzerrung der Debatte aus.

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