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  • «Die Schwulenszene ist tot»

    Zwischen Peter und mir liegen 34 Jahre. Ich habe viel verpasst: Aufregende und aufreizende Jahre, Jahre voller Kämpfe gegen eine verschlossene Gesellschaft und manchmal auch gegen sich selbst, leidvolle Aufklärungsarbeit von Menschen und Staatsdienern, die einem nicht verstehen wollten und konnten. Der Feind war klar, die eigene Abgrenzung von ihm einfach und nötig. Man verbündete sich, organisierte sich und kämpfte zusammen – um das eigene Überleben zu sichern, sich und den Mistreitern ein besseres Leben zu ermöglichen. Vom Geheimen, Schmuddligen und Verbotenen hin zum «Boom» in den 80er Jahren. Das war ungeheuerlich viel Arbeit, Fleiss und Leidenschaft – und forderte leider auch immer wieder einen hohen Tribut. Doch trotzdem fasziniert mich diese Zeit, sie muss sehr leidenschaftlich gewesen sein, brennend, stürmisch, bissig und unbändig. Es muss ein grandioses Gefühl gewesen ein, Teil von etwas Grossem zu sein, zu bewegen und bewegt zu werden, mitgetragen von Fremden, die für das Gleiche kämpfen und dadurch zu Freunde wurden. Ein paar Jahrzehnte später: nichts. Die Basis weg. Spiessertum wohin das Auge reicht. Schwule mit Kindern und Hunden. Undankbarkeit gegenüber den grossen Kämpfern früherer Jahre. Früher starben Helden im Krieg, heute müssen sie mit ansehen, wie gleichgültig die Jugend mit ihren Errungenschaften umgeht. Das schmerzt und verletzt. Es schmerzt die, die gekämpft haben und nun ihr Lebenswerk am Ende sehen. Tot. Aus meiner heutigen Sicht kann ich sagen: Doch, die Schwulenszene lebt. Nur sucht die Kampf-Generation am falschen Ort. Auch Grindr trieb mich schon in den Park, weil mir die Diskussionen zu langfädig waren. Doch Cruising im Park oder in den Klappen verliert an Attraktivität (im wahrsten Sinne des Wortes), weil man(n) es nicht mehr zwingend dort machen muss. Das Leben ist reicher an Alternativen geworden. Die explizite Schwulenparty ist immer noch gut besucht aber man packt noch ein paar Heterofreunde mit ein – weil man es darf und kann. Die Jugend schreibt ihr eigenes Magazin, organisiert Podiumsveranstaltungen, LGBT-Feste am See, belebet todgeglaubte Jugendgruppen neu, politisiert oder vernetzt sich international. Weil sie darf und will. Weil sie es kann – ohne Schranken und Banden. Die Welt wirkt narzisstischer, wir schiessen Selfies, zeigen unsere Waschbrettbäuche, geben uns gerne der temporären Belanglosigkeit von Social Media hin und kaufen uns Pornos nicht mehr in der Videothek, sondern saugen sie kostenlos im Internet runter. Weil es heute eben geht. Wir solidarisieren uns zwar weniger auf dem Bundesplatz, doch engagieren uns digital. Weil das die Mittel zum Ausdruck der heutigen Generationen sind. Wer behauptet, die Schwulenbewegung wäre tot, ist vielleicht kein Teil mehr von ihr. Denn sie floriert weiter. Eine ganze Generation erntet die Früchte der letzten Generationen. Dass nun eine ganze Generation von Kämpfern mitansehen muss, wie Youngsters den Lebensstil unreflektiert leben, den man sich für sich selbst einmal gewünscht hätte, muss schmerzen. Vielmehr könnte er aber auch stolz machen auf das, was man erreicht hat. Stolz sein, ein Teil dieser Geschichte zu sein. Vom lauten Krieger zum stillen Geniesser. Man musste sich früher abgrenzen, um besser sichtbar zu sein. Wir verdanken Travestiekünstlern mehr, als die heutigen Boys, die gerne mit einem Hetero-Like ins Bett hüpfen, vielleicht denken. Viele jungen Schwulen fühlen sich nicht «anders» und wollen diesen Unterschied auch nicht mehr propagieren. Gönnen wir ihnen diese Verschnaufpause, dieses Hochgefühl. Früher standen Schwule ausserhalb des Gesetzes, heute gibt es Gesetze für uns. Und deswegen wollen und müssen wir nicht mehr anders sein, sondern suchen einen Weg, die Gesellschaft aktiv von innerhalb zu beeinflussen. Früher musste man für Sex in den Park oder an eine Party, heute stehen uns mehr Möglichkeiten offen. Früher musste man kämpfen, heute lobbyiert man. Früher verkloppte uns die Polizei, heute gründen sie schwullesbische Ableger. Früher ächtete uns die Politik, heute regiert eine lesbische Stadtpräsidentin. Früher traf man sich in Bars, heute tut man dies auch. Nur in anderen, mit neuen Namen und neuen Menschen. Verneigen wir uns vor unseren Vordenkern und Vorkämpfern. Bauen wir ihnen ein Denkmal für ihren Fleiss, ihr Blut und ihren Kampf für uns. Sie haben es verdient. Und wir, so zu leben, wie wir es heute tun. Die Schwulenszene ist nicht tot, aber sie ist erwachsen geworden.

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  • Die Entfesselung des Anton Kohler

    Ich bin nicht sicher, ob Anton Kohler den Schwulen damit keinen Bärendienst erweist. Sehr viel wird so wieder nur auf den Sex runterminiminiert, was leider in keiner Art und Weise einem homosexuellen Leben gerecht wird.

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