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  • So sollte Theater immer sein

    Erstaunlich und natürlich auch gut, dass man eine «Theaterproduktion» so unterschiedlich erleben kann. Aber, Mozart? Requiem?? Nun, meine Mutter und ich haben offen gestanden erwartet, dass wir eine spannende Auseinandersetzung mit dem fantastischen Fragment von Mozart erleben würden. Gerne auch eigenwillig und unkonventionell, auch kresnikmässig durchtrieben (zu seinen besten Zeiten), bitte aber immer intelligent. Schnell mussten wir aber zu unserem grossen Bedauern – mitten in der Sitzreihe - feststellen, dass man uns den berühmten Früchtequark auftischt, in dem vieles drin ist, nur keine Früchte. Mozart zumindest braucht keine solche «Interpretation» eines «Requiem pour L.». Und, ein Requiem ist nun mal ein Requiem. Mozart ist an diesem Abend allenfalls in stark trivialisierten Anleihen überhaupt nur zu ahnen gewesen, so ganz nach dem Grundsatz: wir bedienen uns mal wie’s beliebt und schauen, dass alles technisch nicht zu schwierig wird. Dafür exaltieren wir vordergründig künstlich dermassen, dass die Betroffenheitsfalle ganz automatisch zuschnappt, ja zuschnappen muss. Zum Fremdschämen. «Dies Irae» kommt als Tiefpunkt in einen Dreivierteltakt verschoben mit dem Duktus zum Mitschunkeln. Aber das kam dann erst später im heiteren Teil. Ja, Weltmusik natürlich, genauer: belangloses, klischeebehaftetes Irgendwas. Dies hört man aber leider jederzeit besser und mitreissender auf jeder Ex Libris-Compilation «Best of African Sound». Verheerend dazu kam der vollkommen einfallslose, sequentielle Ansatz der Mise-en-Espace: ein Musikstück nach dem anderen runter spielen zu lassen, ohne diese kompositorisch und inszenatorisch zu binden, finde ich schon fast dreist. Nur, für einen gewieften dramaturgischen Ansatz, für die Entwicklung einer musikalischen Form wäre zuerst einmal profundes Handwerk notwendig. Auch hätte man kein störendes und «hallo, wir sind auf einem Friedhof»-schreiendes Bühnenbild benötigt, dass in der Strenge der Anlage leider auch noch ein einziges Grab eliminiert hat, um dem Schlagzeuger Platz für sein Drumset zu verschaffen. Wie peinlich ist das denn! Es gibt genügend talentierte Schlagzeuger in Europa, die nichts brauchen ausser ein paar gute Ideen und ein paar Resonanzkörper. Als dann – kein Witz - tatsächlich noch ein Schlagzeug-Solo (na, ja) kommen musste, war der Anflug des letzten Zaubers, den der eine oder die andere Darstellerin doch noch zu erzeugen vermochte, wieder verflogen. Geht alles gar nicht. Warum nicht einfach ehrlich sein und ein Konzert veranstalten ohne dieses pseudo-intellektuelle Gedöhns im Begleittext? Leider auch nein. Die Qualität des Vortrages (die Sopranistin ausgenommen) hätte selbst an irgendeinem beliebigen, frühen Dienstag Abend am regnerischen Genfersee, sozusagen als Vorabend-«Ethno-Happening» in Montreux nicht gereicht. Wenn man leichtfüssig von der Form wegkommen will, sollte man diese zuerst einmal beherrschen, idealerweise ziemlich virtuos. Und so sassen wir dann eine Ewigkeit ab, dauerten durch diese Ansammlung belangloser und völlig beliebiger Versatzstücke schlecht umgesetzter Populärkultur. Je länger sich das hinzog hat, desto mehr habe ich gehofft, dass bitte endlich einer scharf von rechts aus der Gasse auftritt, um mal ein bisschen Stringenz reinzubringen. Ich wäre bereits nach einer gefühlten Stunde mit einem Überraschungsgast André Rieu schon mehr als zufrieden gewesen. Ich bezweifle, dass die Dame, die auf der rückwandfüllenden Leinwand 90 Minuten präsent war, zu dieser eigentlich unfreiwillig tief traurigen Umsetzung ihre Zustimmung gegeben hat – sie hat ja ganz offensichtlich nicht mehr sehen können, auf welche Art sie ausgestellt wird. Und das hinterlässt am Ende ein dramatisch schlechtes Gefühl. Standing Ovations - was für ein Hohn. Beklemmend. Karajan 1975 (Fassung von Franz Beyer), Harnoncourt 2003

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