Die Mobberin bin ich

Ich suchte Mobbingopfer und fand eine ehemalige Schulkollegin, die mich fragte: «Bist du dir bewusst, dass ich gemobbt wurde und du daran beteiligt warst?»

Ich suchte Mobbingopfer und fand eine ehemalige Schulkollegin, die mich fragte: «Bist du dir bewusst, dass ich gemobbt wurde und du daran beteiligt warst?»

Am Anfang meiner Mobbing-Recherche fragte ich meine Freunde auf Facebook: «Habt Ihr als Kind Erfahrungen mit Mobbing gemacht?» Und es meldete sich: mein Mobbingopfer. Wir waren zusammen in die Primarschule gegangen. «Bist du dir bewusst, dass ich gemobbt wurde und du daran beteiligt warst?», fragte sie mich. Das prägendste Ereignis: «Zwei Mitschülerinnen passten mich auf dem Heimweg ab, eine hielt mir den Mund auf, die andere versuchte, mir Abfall von der Strasse reinzustopfen.»

Nein, daran erinnere ich mich nicht. Aber ich erinnere mich, dass ich sie beschimpfte und mit der Jacke nach ihr schlug, der Reissverschluss traf sie im Gesicht. Dabei fühlte ich mich stark, und auch ein bisschen schuldig, wir waren zwei gegen eine. Auch die Lehrerin machte das Mädchen runter, einmal kam sie mit roten Fingernägeln in die Schule, ein paarmal kam sie zu spät. Die Lehrerin sagte: «Ihre Mutter schaut nicht gut.»

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Ich will mich nicht hinter der Lehrerin verstecken. Was ich meiner Kameradin angetan habe, ist einfach nur scheisse. Und doch wünschte ich mir, die Lehrerin hätte unsere Klasse gestoppt. Mobbing lässt sich nämlich stoppen, das zeigen unsere Beiträge zum Thema. Aber nur, wenn die Lehrer mitziehen. 

Meine Mitschülerin kämpft noch heute: «Mit meinen 34 Jahren bin ich manchmal immer noch verblüfft darüber, dass Leute meine Anwesenheit geniessen und explizit wollen. Das Gefühl des Nicht-erwünscht-Seins hat sich tief eingegraben.»

Mein Mobbingopfer hat mir verziehen, mich sogar getröstet: «Nein, du warst bei der Abfallgeschichte nicht dabei.» Ist es egozentrisch, wenn mich das beruhigt? Und wenn ich hoffe, dass ich «nur» Mitläuferin und nicht Anführerin war? Die Forschung zeigt nämlich: Mobbinganführer haben weniger Mitgefühl als andere Kinder. Sie mobben ganz bewusst. So will ich nicht sein.

Konversation

  1. Die Opferperspektive ist gut und recht, ist aber auch vielfach thematisiert, therapiert und autobiographisiert worden. Interessant wäre einmal der Blick auf die Täter. Nicht auf die MitläuferInnen (wie unsere ehrliche Andrea Fopp – die schon dem Namen nach nicht wirklich mit Herz bei der Sache war). Sondern auf die Anführer, die aus der Erniedrigung anderer eine tiefe Befriedigung ziehen. Wo kommen sie her? Wo gehen sie hin?
    Ich glaube nicht, dass jede und jeder Mobbing-Opfer werden kann. Dafür gibt es womöglich gewisse Dispositionen – angefangen mit Äusserlichkeiten wie Körperumfang, Haarfarbe, Hautfarbe etc. Ich kenne aber Leute, die aufgrund bestimmter Einstellungen zum Opfer bestimmt gewesen waren – es aber nicht geworden sind, weil sie aufgrund ihrer Persönlichkeit nicht dazu prädestiniert waren. Sie waren innerlich schlicht robust genug. Es ist also ein Stück Zufall, ein Stück Eignung. Nicht aber beim Anführer. Der „ist“ so. Er ist zum Glück selten, zieht aber ein relativ grosses Gefolge hinter sich her. Und es ist schliesslich die Menge, die zum Problem wird.

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