Ein Privileg, in dieser Stadt zu leben

Die Basler Fasnacht sprengt den Rahmen des Selbstverständlichen – Jahr für Jahr.

Die «Alti Stainlemer»-Clique mit ihrem SCHISS-Dräggzüügli: Die Clique ist gut abgeschirmt. Aber «isch das no glatt?»

(Bild: GEORGIOS KEFALAS)

Die Basler Fasnacht sprengt den Rahmen des Selbstverständlichen – Jahr für Jahr.

Uniformierte Sicherheitsbeamte stürmen die Mittlere Brücke. Sie drängen die Menschen zurück, spannen rot-weisse Absperrbänder. Ein Bombenkommando folgt, Uniformierte mit Metalldetektoren.

«Sie mit dem Bart – Ihre Tasche!», schreit ein Security, und zack, dem Mann wird die Tasche entrissen, durchsucht. Drohnen fliegen auf, ein Panzer fährt vorbei.

Mitten in Basel.

Eingekesselt von der massiven Privatarmee trommelt und pfeift ein kleines Hämpfeli Fasnächtler. Man sieht sie kaum hinter den Schilden ihrer Beschützer.

«SCHISS-Dräggzüügli» nannten die Alti Stainlemer ihre beeindruckende Darbietung. Nicht, weil ihre Truppe klein gewesen wäre. «Schiss» meint Angst.

«Mer spränge dr Raame», lautete das Motto der Fasnacht 2017.

Es ist genau das, was die Basler Fasnacht so grossartig macht: Tausende Bürgerinnen und Bürger, die an den drey scheenschte Dääg das Lokal- und das Weltgeschehen reflektieren und kommentieren.

Laut Comité waren die Top-5-Themen 2017: 1. Die Weltpolitik respektive die Sorge um den Zustand der Welt 2. Gesellschafts-(politische) Themen 3. Trump 4. Brexit 5. Lokal(politisch)es.

Es gibt, die Nachrichten führen es uns täglich vor Augen, Grund genug, «Schiss» zu haben. Umso wichtiger ist die Basler Fasnacht. Wenn die Bürger einer Stadt ungehindert, offen und unzensiert all die grossen und kleinen Ängste und Sorgen, Ärgernisse und Freuden ansprechen – an der grössten Feier des Jahres –, dann macht das auch Mut.

Denn es ist, gerade in Zeiten von Trump, Terror und zunehmender Zensur, ein Privileg, in einer Stadt zu leben, deren Bürger all das thematisieren wollen, tun – und dürfen. Diese Freiheit sprengt nicht nur an drei Tagen den Rahmen, wir geniessen sie das ganze Jahr über. Für uns ist das nach wie vor selbstverständlich.

Konversation

  1. Ach ja: Und da gab es doch tatsächlich heute in Basel eine Schiesserei mit zwei Toten und einem Schwerverletzten.

    Das muss die Hausfrauen hier natürlich nicht interessieren: Morgen früh ist aufgeräumt.

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  2. Papperlapapp: „Drei Tage Feigenblatt“ für die, die dreihundertzweiundfünfzig Tage im Jahr ihre Bank voranbringen, ihre Versicherung voranbringen, sich in ihrem Job voranbringen und nichts anderes kennen, als „Prozesse“ zu ihrem eigenen Vorteil anzuwenden.

    Dieses „Privileg“ gewähren selbst die Saudis: Mit der „Haddsch“.

    Diese drei Tage „Freiheit“ zu nennen, hätte Dürrenmatt anders genannt: Freigang.

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