Basler Filmemacher präsentieren ihre Werke als Konzert im Kinosaal

Ein absichtlich gestörter Kompositionsprozess und eine montierte Materialsammlung aus dem italienischen Norden: Der Basler Videokünstler Jannik Giger und der Filmemacher Aurelio Buchwalder sprechen über ihre Produktionen «Intime Skizzen» und «Schwemmgut», die am 14. September im Stadtkino in einem konzertanten Filmabend präsentiert werden.

«Nur weil wir oft zusammenarbeiten, müssen wir nicht immer der gleichen Meinung sein», sagen Aurelio Buchwalder (l.) und Jannik Giger.

(Bild: Olivier Christe)

Ein absichtlich gestörter Kompositionsprozess und eine montierte Materialsammlung aus dem italienischen Norden: Der Basler Videokünstler Jannik Giger und der Filmemacher Aurelio Buchwalder sprechen über ihre Produktionen «Intime Skizzen» und «Schwemmgut», die am 14. September im Stadtkino in einem konzertanten Filmabend präsentiert werden.

Jannik Giger und Aurelio Buchwalder, der Titel Ihres gemeinsamen Filmabends – «Konzertant» — wirkt einigermassen gesucht. Was ist der Grund der Suche?

Jannik Giger: Der Abend ist mehr ein Konzert als eine Visionierung. «Intime Skizzen» zeigt einen Kompositionsprozess ausgehend von Janáček-Miniaturen. Die georgische Pianistin Tamriko Kordzaia, eine der Protagonistinnen aus dem Film, spielt Teile der Miniaturen live. Anschliessend treibt «Schwemmgut» durch die Poebene. Plötzlich interpretiert dort jemand Paganini. Die Musik führt an diesem Filmabend zu assoziativen Räumen.

Aurelio Buchwalder: Die Grundidee war nicht: zwei Filme mit etwas Klavier als Pause, sondern ein performatives Ganzes. Spannend ist, dass ein Konzert im Kinosaal stattfindet. Sonst bist du dort immer Ton und Bild ausgeliefert. Bei einem Konzert kannst du hingegen die Augen schliessen und nur auf die Musik hören. Es ist interessant, was dabei mit der Wahrnehmung des Zuschauers passiert.

Der Abend ist eine dritte Versuchsanordnung. Sowohl «Schwemmgut» als auch «Intime Skizzen» sind für sich gesehen Versuche. Wie kam es dazu?

Buchwalder: Meine Mutter stammt aus der Poebene, meine Eltern haben sich dort kennengelernt. Eigentlich kenne ich die Region, bis auf die wenigen Orte um Parma, in denen meine Verwandten leben, aber kaum. Mein Anspruch war, sie ohne Vorwissen und ohne jemanden, der mir sagt, wo ich was anschauen muss, kennenzulernen. So bin ich gemeinsam mit Lukas Huber als Tontechniker für 17 Tage den Fluss Po hinaufgefahren, weil dieser die Landschaft am meisten prägt.

Giger: Du bist auf eine Materialsammlung gegangen in diesem eigentlich sehr einfachen Konzept – dem Po entlang.

Buchwalder: Ja, der Flussverlauf diente als Konzept, als Leitplanke und schliesslich als heimlicher Protagonist. Ohne Recherche oder eben ohne viel Vorwissen zu drehen, war sehr befreiend für diese Art von Ansatz. So hat jedoch der Film selbst auch etwas von einer Versuchsanordnung, von einer Recherche. Es ist eine persönliche Annäherung an einen geografischen Raum.

Anders die Versuchsanordnung bei Ihnen, Herr Giger?

Giger: Ja, «Intime Skizzen» liegt eine komplexe Verschachtelung von Konzepten und Prozessen zugrunde. Aber wenn ich beginne, muss ich mal zwei Minuten durchsprechen.

«Ich habe den Anspruch, dass die Frage aufkommt, wo Musik beginnt und wo sie aufhört oder was nun genau das Stück ist.»

Jannik Giger

Legen Sie los.

Giger: Ok, die Pianistin Tamriko Kordzaia kam mit einem Kompositionsauftrag für das Klavierquartett Mondrian Ensemble auf mich zu. Mit der Erfahrung als Videokünstler sah ich die Möglichkeit, den Kompositionsprozess mit der filmischen Ebene zu vermischen. Am Schluss sollte ein Werk stehen, dass nicht mehr in Film und Komposition trennbar ist. Den Ausgangspunkt bildete eine Sammlung von unvollendeten Piano-Miniaturen des tschechischen Komponisten Leoš Janáček. Mit dem Kameramann Gregor Brändli und dem Sounddesigner Cedric Spindler ging ich also zu Tamriko und liess sie dieses Material interpretieren.

Darf ich trotzdem kurz unterbrechen, um den Textblock im Rahmen zu halten? Bitte erzählen Sie weiter.

Die Tonspur gaben wir der Bratschistin, die das Gehörte weiterentwickeln musste. Dann der Geigerin und dann der Cellistin. Wie beim Telefon-Spiel. Das heisst, die Janáček-Materialien gingen durch die verschiedenen Instrumente und Individuen des Ensembles, die sich damit auseinandergesetzt haben. Die Kommunikation erfolgte ausschliesslich über den Klang. Sie waren nicht wie üblich als Gruppe zusammen, sondern mussten sich in ihrem Privatraum damit auseinandersetzen. Und am Schluss stand etwas, das zum einen Janáček, aber auch ihre eigene Komposition war.

Und weiter?

Das nahm ich wiederum als Ausgangsmaterial für meine Komposition, deren Aufführung Aurelio in einer Kamerafahrt und mittels Plansequenzen wieder in Form gebracht hat. Nun steht ein Werk, das nicht mehr klar Film, Komposition oder Autor zuzuordnen ist.

Haben Sie den Anspruch, dass ein Betrachter diesen Prozess nachvollziehen kann?

Giger: Nein, ich habe den Anspruch, dass die Frage aufkommt, wo Musik beginnt und wo sie aufhört oder was nun genau das Stück ist. In meiner Arbeit als Künstler ist es mir ein zentrales Anliegen, Medien, Codes und Konventionen zu hinterfragen.

Der Vergleich mit dem Po liegt nahe. «Schwemmgut» folgt dem Fluss vom Delta zur Mündung. Weiss der Betrachter nun, was der Fluss und was seine Ebene ist?

Buchwalder: Nein, das war nicht der Anspruch. Ich könnte nicht sagen, dass das die Poebene sei. Die Bilder und Begegnungen sollen kein Gesamtbild widerspiegeln, sondern vielmehr ein fragmentarisches Einzelbild darstellen. So auch oft der indirekte Blick, das Bild im Bild, welcher eine bereits existierende Sicht auszuloten versucht und in einen neuen Kontext setzt. Zum Beispiel: Zufällig angetroffene Protagonisten zeigen Fotoalben. Es ist ihre Sicht auf die Ebene, die so nicht mehr existiert. Eine Landschaft ist immer subjektiv.

Filme als Versuchsanordnungen bringen mit sich, dass der Ausgang höchst ungewiss ist. Wer finanziert so etwas?

Buchwalder: Wir haben beide von der kantonalen Filmförderung, also vom Fachausschuss Audiovision und Multimedia BS/BL, Geld erhalten. Obwohl Zürich die grösste kantonale Filmförderung der Schweiz besitzt und deshalb die meisten Filmemacher dorthin ziehen, ist Basel gerade für experimentelle Projekte äusserst offen. Dank dieser Offenheit können auch solche Kurzfilme umgesetzt werden.

Giger: Du sprichst von Kurzfilmen. Ich spreche von «Intime Skizzen» nicht als Kurzfilm. Es ist eine Videoarbeit. Es kommt aus diesem Denken. Es ist kein Film, der auf eine Kurzfassung heruntergebrochen ist.

Buchwalder: Kurzfilm heisst nicht Kurzfassung. Aber sprechen wir nicht über die Grösse des Budgets?

Giger: Aber gerade wenn wir von Finanzierung sprechen, spielt die eigene Positionierung doch eine wichtige Rolle. Ich gehe diese und jene Fachstelle im Kontext «bildender Künstler» oder «Videoarbeit» an. Du wendest dich als Filmemacher hingegen eher an filmspezifische Fachstellen. Wichtig ist die Verankerung, wo wir stehen und woher wir kommen. Die Finanzierung ist dabei nur ein Punkt. Kunstfilme, die im Kunstraum laufen, sind heute oft sehr kinematografisch und könnten meist auch im Kino laufen. Es bleibt aber entscheidend, woher du kommst und in welchem Kontext du denkst. Und ich denke in meinen Filmen aus dem Kontext Videoarbeit und orientiere mich auch danach. Es für mich schon sehr wichtig, dass meine Filme in einem Kunstraum funktionieren, und deshalb gehe ich in Richtungen, die eher dort spannend sind als primär im Kino.

Was heisst «eher spannend» in diesem Zusammenhang?

Giger: Ich achte erst mal auf eine mediale Distanz und versuche, ein Reflektieren über die eingesetzten Mittel zu evozieren. Eine Form von Distanz ist notwendig. Man weiss, dass vieles Klischees und Konventionen sind, und in diesen arbeite ich künstlerisch. Ich kann sie hinterfragen. Im Kino ist das selbstverständlich auch präsent, oft steht aber die Story im Zentrum.

Buchwalder: Aber trotzdem hast du den Anspruch, narrativ zu sein. «Intime Skizzen» erzählt ja eine Art von Entstehungsgeschichte, mit einer eigenen Dramaturgie und auch erzählerischen Elementen.

«Ich finde die Schubladen Videokunst, Kunstfilm, Dokumentarfilm, Kinofilm nicht immer notwendig.»

Aurelio Buchwalder

Giger: Ja, aber die Narration in «Intime Skizzen» ergibt sich durch die Interaktion und Kommunikation zwischen den technischen Mitteln wie Kamera, Tonangel, Projektion und den Protagonisten.

(Pause)

Giger: Jetzt schweigen alle. Hab ich etwas Falsches gesagt? Ist doch eine Diskussion.

Buchwalder: Die wir schon ewig haben. Ich finde die Schubladen Videokunst, Kunstfilm, Dokumentarfilm, Kinofilm nicht immer notwendig. Sie dienen doch vor allem der Finanzierung und Vermarktung, nicht aber dem Inhalt.

Giger: Ich war kürzlich im Kino und habe «Toni Erdmann» geschaut. Ein toller Film. Aber ich habe nicht ständig über die Konstruktion des Filmes nachgedacht. Du kannst dich diesen Geschichten ausliefern. Das ist ja die grosse Stärke des Kinos.

Ist die Erwartungshaltung des Publikums der entscheidende Punkt?

Giger: Im Kunstraum bist du auf der Lauer. Du weisst von Absichten, Spielen, Experimenten.

Buchwalder: Aber gerade bei Dokumentarfilmen gibt es auch sehr eigenständige Formen und Ansätze. Diese laufen dann vermutlich eher an Filmfestivals als im kommerziellen Kino und haben ein kleineres Publikum – aber dennoch ist es Kino. Der Anspruch sollte doch eher sein, dass du rauskommst und inspiriert bist, selbst zu denken. Das kann auch eine Fernsehsendung leisten.

Giger: Es ist Quatsch zu sagen, dass ein Kinobesucher weniger reflektiert ist als ein Ausstellungsbesucher. Da hast du recht. Darüber wurde schon tausendmal geschrieben, aber die Black Box, der Kinosaal hat die Funktion, äussere Einflüsse auszublenden, um die Sinne zu kontrollieren. Du sollst dich dieser Welt aussetzen können. Der White Cube hingegen betont den künstlichen Raum. Die Konzeption der Räume schafft andere Voraussetzungen. Deshalb haben Filme, auch «Schwemmgut», in einem White Cube eine andere Bedeutung als in einer Black Box.

Buchwalder: …und ein Konzert bekommt eine andere Bedeutung im Kinosaal, der Konzertraum. In diesem Sinn ein konzertanter Filmabend.

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Der konzertante Filmabend ist ein Versuch, Bühnen und Publika zu mischen. Nachdem «Schwemmgut» am diesjährigen Dokumentarfilm-Festival «Visions du réel» in Nyon gezeigt wurde und «Intime Skizzen» 2015 im Kunstverein Freiburg, ist die Visionierung im Stadtkino (Mittwoch, 14. September, 20.30 Uhr, in Anwesenheit beider Regisseure) die Kinopremiere beider Filme. Stadtkino-Vorverkauf unter 061 272 66 88.

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